Wo Geschichte lebendig wird: Zeitzeugen im Tölzer Land

Pressemitteilung

Fotos: Justine Bittner

Am 20. Oktober zum ersten Geburtstag des Erinnerungsorts Badehaus beginnt die neue Veranstaltungsreihe „Begegnungen im Badehaus“ in Wolfratshausen

Waldram, ein Ortsteil von Wolfratshausen im Tölzer Land, hat bewegte Zeiten hinter sich: Von der NS-Siedlung zum Lager für Holocaust-Überlebende bis hin zur Freistätte für katholische Heimatvertriebene. Eine der letzten Spuren dieser außergewöhnlichen Geschichte führt zum Badehaus, das eine Bürgerinitiative vor dem Abriss rettete, umbaute und 2018 als Erinnerungsort neueröffnete. Seitdem ist es ein Museum, in dem das Vergangene für Einheimische und Touristen greifbar wird. Zum ersten Jubiläum startet die neue Veranstaltungsreihe „Begegnungen im Badehaus“. Der erste Gast ist die renommierte Schriftstellerin und Zeitzeugin Dagmar Nick, die aus ihrem bewegten Leben erzählen wird. Der Eintritt kostet acht Euro, für Schüler und Studenten vier Euro.

„Persönliche Geschichten machen historische Ereignisse lebendig und verhindern das Vergessen“ sagt Jonathan Coenen, der stellvertretende Vorsitzende des Museums. Durch die „Begegnungen im Badehaus“ können sich Interessierte und Zeitzeugen direkt austauschen. „Oder auch indirekt, zum Beispiel durch literarische Werke von Betroffenen oder in Gesprächen mit Nachfahren und Angehörigen.“ Außerdem sind Vorträge, Filmvorführungen und Konzerte Teil des Konzepts.

Die erste Begegnung ist mit der Schriftstellerin Dagmar Nick am Tag der Jubiläumsfeier (20. Oktober um 17 Uhr). Die im Jahr 1926 geborene Nachkriegslyrikerin mit jüdischen Wurzeln erhielt bereits zahlreiche renommierte Preise wie dem Horst-Bienek-Preis für Lyrik und dem Tukan-Preis. Zudem wurde ihr der Bayerische Verdienstorden verliehen. Neben mehreren Gedichtbänden und Erzählungen kreierte sie auch Hörspiele und Reisebücher über Israel und den Mittelmeerraum. Nick wird unter anderem aus ihrem 1947 veröffentlichten Gedichtband „Märtyrer“ lesen und als Zeitzeugin aus ihrem Leben erzählen.

Zur Einstimmung auf die Lesung bietet sich die Erkundung der Museumsräume an. Auf drei Etagen wird die Migrationsgeschichte des Ortes multimedial erzählt. Raum für Raum durchlaufen Besucher die verschiedenen Zeitschichten in chronologischer Reihenfolge. Ab 1940 errichteten die Nationalsozialisten eine Mustersiedlung für Rüstungsarbeiter. Gegen Ende des Kriegs führte der KZ-Todesmarsch hier vorbei. Anschließend wurde Föhrenwald (heute Waldram) zu einem Lager für jüdische Displaced Persons, die den Holocaust überlebt hatten. Ab 1956 wurden meist katholische, kinderreiche Heimatvertriebene angesiedelt und der Ort in Waldram umbenannt. Ein Teil dieser Geschichte spiegelt sich auch in dem Gebäude selbst wider: Das ehemalige „Männerbrausebad“ für die Rüstungsarbeiter wurde nach der Befreiung zu einer Mikwe, ein jüdisches Ritualbad. An der Stelle, wo das Becken einst war, zeigt heute ein Film die Mikwe und erklärt die Bedeutung der rituellen Reinigung im jüdischen Glauben.

 

Am Ende des Rundgangs erreicht man das spitzgieblige Dachgeschoss. In dem offenen Raum wurde ein stilisierter „Wald der Erinnerung“ gepflanzt, der für den Föhrenwald steht, in dem einst alles begann. Jeder der Erinnerungs-Bäume repräsentiert eine Zeitschicht. Rundherum gibt es Sitzinseln mit Medienstationen, wo Filmcollagen und Zeitzeugen-Interviews wiedergegeben werden. Hier können Besucher sich in einzelne Lebensschicksale vertiefen. So tragen auch sie einen kleinen Teil gegen das Vergessen bei.

Um Erinnerungsstücke mit hohem ideellem Wert geht es in der Sonderausstellung „Mitgenommen“, die noch bis 22. September im Badehaus zu sehen ist. Der Teddybär einer Zweijährigen aus Brünn, der Blechteller aus einem ungarischen Lager, die Truhe aus Karlsbad mit doppelten Boden oder die Schlüssel vom früheren Zuhause – die Gegenstände von Waldramer Familien erinnern bis heute an alte Heimaten, Flucht und die Ankunft „im Westen“.

www.erinnerungsort-badehaus.de

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