Wortakrobat trifft heiße Tauchlehrerin

Axel Effner

Fotos: Axel Effner

Poetry Slam: Beim Wettstreit der Dichter nehmen Poeten scharfzüngig Zeitgeist-Phänomene aufs Korn.

Gedankenblitze, Assoziationen, Wortkaskaden und gereimte Traumvisionen: Die Künstler des Poetry Slams in Übersee am Chiemsee entfesseln ein wahres Feuerwerk der Kreativität, wenn sie um den Applaus des Publikums wetteifern. Nicht umsonst genießen die Auftritte der wortgewaltigen Ausdrucksartisten auf der Veranstaltungsbühne des „Freiraum“ Kultstatus. Die „Slammer“ reimen, seufzen, stammeln und verleihen Gefühlen wie Ärger oder Sehnsucht lautmalerisch eine Stimme. Wild rollen die Augen im grimassierenden Gesicht, die Hände zeichnen Gedankenbilder in die Luft und die Füße stampfen wütend auf den Boden. Zischgeräusche und stakkatohaftes Lachen schaffen Atmosphäre. Das Publikum ist begeistert.

Längst ist die idyllisch gelegene Chiemseegemeinde nicht mehr nur wegen des Reggae Summers oder der Band LaBrassBanda bundesweit bekannt.  Aus der ganzen Republik reisen mittlerweile Stars der Poetry Slam-Szene an, um mit den Local Heroes im Wortgefecht die Klinge zu kreuzen. Freilich: Gefragt sind neben Witz, Formulierungskunst und Einfallsreichtum vor allem die individuelle Performance, Spaß und die Einbeziehung des Publikums. Aus Leipzig, München, Ingolstadt, Bremen, Hamburg und dem Chiemgau sind die Wortrebellen dem Ruf von Bumillo gefolgt, der an  diesem Abend im Freiraum als Zeremonienmeister auf die Einhaltung der Regeln achtet. Die sind schnell erklärt: Die Texte müssen selbst geschrieben sein und innerhalb eines Zeitlimits – hier: sechs Minuten – vorgetragen werden. Der Dichter darf zudem keine Requisiten, Kostüme oder Musikinstrumente verwenden.

 

Wie man zu den höchst individuellen, mitreißenden, mitunter skurrilen Texten kommt, erklärt Pascal Simon, den ich vor dem Auftritt der Poeten zufällig an der Bar treffe. 22 Jahre ist der Ingolstädter alt und doch schon ein gefragter Meister seines Fachs. Er studiert in Regensburg Kommunikation und Sprecherziehung. An diesem Abend wird er den Siegerpokal in Form einer Flasche Whisky abräumen. Nur weiß er das zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht. Mit selbst verfassten Kurzgeschichten fiel Pascal schon zu Schulzeiten seiner Deutschlehrerin auf. In Clubs in Ingolstadt fing er Feuer für den Poetry Slam. „Der virtuose Umgang mit Wörtern, das Performen und der intensive Austausch mit dem Publikum, dazu die Verwandlung von Alltagserlebnissen und Begegnungen in zugespitzte Geschichten und Formulierungen, das hat mich einfach total gereizt“, sagt er.

„Literatur, Filme, Presseartikel, Zeitgeist-Phänomene, Comics, aufgeschnappte Gespräche, eine SMS oder Selbsterlebtes liefern uns Poeten Ideen und können als Inspirationshilfe dienen“, erklärt Simon. Dabei entwickelt jeder einen eigenen Stil. Die Grenzen zum Comedian sind fließend. Erlaubt ist, was gefällt: Lyrik, Kurzprosa, Rapeinlagen, Comedy oder auch reportageähnliche Texte kommen auf die Bühne. Damit das Ganze den entsprechenden Drive bekommt, streuen die Wortakrobaten gereimte Verse und lautmalerische Geräusche ein, erhöhen das Sprechtempo und tragen ihr Thema auswendig und mit entsprechend unterstreichender Gestik bzw. Mimik vor.

Auf der Bühne im Überseer Freiraum treten an diesem Abend acht Poeten in zwei Ausscheidungsrunden gegeneinander an. Mit der Lautstärke ihres Klatschens entscheiden die Zuschauer, wer in der Siegerrunde gegeneinander antreten soll. Um das Ganze aufzulockern, bringt zwischendurch Comedian Nikita Gorbunov aus Stuttgart das Publikum mit Gitarre und Sangeskunst zum Lachen. Die Vielfalt der Themen ist so bunt wie die Dichter: Newcomer Daniel Zuzinsky beschwört ideenreich einen jugendlichen Gedankenflug über die „Sonnenblumenwiese“ während Blue Broode mit seiner Suche nach der „heißen Tauchlehrerin“ bei einer weinseligen Karibikkreuzfahrt im Piratenstil die Lachmuskeln strapaziert.

Franziska Holzheimer aus Hamburg komponiert aus Presseartikeln über einen Prozess von Brummton-Betroffenen und Vergleichen mit psychischer Isolationsfolter ein packendes Kurzdrama. Basti Schoof aus München unterzieht wiederum als „zynischer Psychopath“  den Aktualitätswahn der Presse nach dem Flugzeugabsturz in den französischen Alpen und den NSA-Abhöreifer einer ironisch-gesellschaftskritischen Betrachtung. Eva Stepkes trotzt mit spitzzüngigem Humor fragwürdigen Bewerbungsgesprächen, bei denen sie ständig ihren Wert als Marke unter Beweis stellen muss. „Da frage ich mich doch, wo ich als Person bleibe. Und es macht eigentlich nur ein Berufsstart Sinn: als Fassadenbauer.“ Passend dazu lädt Pascal Simon die Zuhörer zu einem gedanklichen Seelentauchgang ein mit dem Thema „Identität“.

Veranstalter Bumillo, bürgerlich Christian Bumeder, gehört als Kabarettist, Poetry Slammer und Moderator längst selbst zu den  Meistern des gesprochenen Worts. Er erläutert, um was es geht: „Der Begriff setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen Poetry – Dichtung – und slam, was zuschlagen bzw. aufeinanderprallen, aber auch ,Volltreffer‘ heißen kann.“ Geboren in Rosenheim und aufgewachsen in Reit im Winkl, trat der 33-Jährige bereits während seines Studiums der Germanistik und Theaterwissenschaften seit 2007 bei Poetry Slam-Meisterschaften, Kleinkunstveranstaltungen und Literaturfestivals auf. Zusammen mit seinem Team PauL – „Poesie aus Leidenschaft“ – räumte der Deutsche Meister im Box Poetry Slam (2010) reihenweise Satirepreise ab. Seit 2010 veranstaltet er auf der neubegründeten Bühne des  Freiraums in Übersee drei Mal im Jahr Poetry Slams, seit 2012 monatlich auch im Münchner Lustspielhaus.

„Der Freiraum ist ideal als freie Veranstaltungsbühne im Chiemgau“, erklärt Bumillo. „Legendär sind die gemeinsamen Brotzeiten der Künstler vor den Auftritten“, fügt er hinzu. Die lockeren Gespräche helfen dabei, die Anspannung vor dem Wettstreit auf der Bühne zu lösen. „Wir spendieren Unterkunft, Fahrtkosten und Verpflegung für die Poetry Slammer.“ Er ergänzt: „Der Reiz der Landschaft hier am Chiemsee, das Aufeinandertreffen und der Wettstreit mit anderen Top-Slammern sowie die intensive Begegnung mit dem Publikum: Diese Verbindung zieht viele Künstler an“, sagt Veranstalter Bumillo, der bundesweite Kontakte pflegt. Gedämpftes Licht, stimmungsvolle Ecken, eine kommunikative Bar und der unmittelbare  Kontakt zur Bühne machen den Freiraum seit 2009 zur idealen Kulturlocation. Die knapp 80 Sitzplätze lassen die Zuhörer zusammenrücken und schaffen eine dichte Atmosphäre über alle Altersgrenzen hinweg.

Im kommenden Jahr feiert die Kunstform des Poetry Slam im übrigen ihren 30. Geburtstag. Nach antiken und mittelalterlichen Vorbildern des Dichterwettstreits gilt der amerikanische Performance-Poet Marc Kelly Smith als eigentlicher Erfinder des heutigen Zuschnitts des Poetry Slam. Er hatte 1986 in Chicago die Idee, seiner wöchentlichen Literaturshow im „The Green Mill“ mit einem neuen Veranstaltungsformat mit  Livedarbietungen mehr Würze zu geben. Der Erfolg ließ durch die Einbeziehung des Publikums nicht lange auf sich warten. Nach dem Siegeszug in Nordamerika gab es 1994 in Berlin den ersten Poetry Slam auf deutschem Boden. Inzwischen wird in jeder größeren Stadt geslammt und sogar international werden Dichterkönige gekrönt. Fast könnte man eine Art Adelsschlag darin sehen, dass sich inzwischen auch Museen wie die Kunsthalle der Hypo Kulturstiftung in München damit schmücken, die Wortakrobaten zum gewitzten Wettstreit in ihre Hallen zu laden.

Zurück