Wohlbefinden als Ziel und Ressource

himmeblau Redaktion

Fotos: Steelcase

Heißt es eigentlich Bürohengst, weil Mitarbeiter wie im Stall schuften? Steelcase forscht am Büro der Zukunft – und da gehts mitunter gemütlich zu. 

Die Ausstattung und Ausgestaltung von Arbeitsplätzen spiegele die Wertschätzung von Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitern, findet Stephan Derr, Vorstand der Steelcase Werndl AG. Mit dieser Aussage dürfte er nicht nur bei den eigenen Angestellten – und vermutlich sogar bei vielen, vielen Chefs auf Zustimmung stoßen. Aus seinem Munde überrascht der Satz auch nicht sonderlich. Immerhin steht er einem internationalen Hersteller von Büroeinrichtungen und Raumlösungen voran. Doch scheint Steelcase eben nicht nur Lippenbekenntnisse abzugeben. Gegründet 1912 in Michigan beschäftigt das Unternehmen heute weltweit über 10.000 Mitarbeiter. In Deutschland gibt es Standorte in Hamburg, Stuttgart, Frankfurt und Rosenheim. Und hier, im beschaulichen Oberbayern, experimentiert Steelcase quasi an der Revolution des Arbeitsplatzes. Die Mission heißt: Ab ins Büro der Zukunft. Und Stephan Derr leitet die Versuchsanordnung nicht nur, er ist ein Teil davon, Tag für Tag.

„WorkSpace Futures“ hat das Unternehmen ein internes Forschungsteam getauft, das herausfinden soll, welche Bedingen herrschen müssen, damit Menschen besser arbeiten können. Das Team beschäftigt sich mit den Veränderungen der Arbeitswelt und versucht sogar, Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft in die Entwicklungen einzubeziehen. Was banal klingt – etwa, dass ihr „Wohlbefinden“ die Motivation und Produktivität von Mitarbeitern fördere – gilt es erst einmal in entsprechend clevere Raumkonzepte umzusetzen. Unter welchen Voraussetzungen fühlt sich überhaupt ein Mitarbeiter wohl? Zumal die Menschen doch grundverschieden sind. Derrs Antwort: „Wir haben nicht den einen, sondern viele Arbeitsplätze – feste und variable.“

Beispiel Rosenheim: Rund 60 Prozent der hiesigen Mitarbeiter arbeiten an fixen Arbeitsplätzen, etwa die Beschäftigten aus der Finanzabteilung. Die restlichen 40 Prozent – darunter oft auch auch Stephan Derr – wandern quasi, wie Nomaden. Das bedeutet, sie suchen sich jeden Tag einen anderen Platz aus, je nachdem, welcher sich für die zu bewältigenden Aufgaben am besten eignet. Überlasse man Mitarbeitern die Wahl, erklärt Steelcase Forscher Nicolas de Benoist, empfinden sie ein Gefühl der Kontrolle, sie fühlen sich weniger fremdbestimmt, weniger gestresst und arbeiten engagierter. Drei Kriterien will de Benoist identifiziert haben, die solch ein Gefühl der Kontrolle und damit ein größeres Wohlbefinden erzeugen.

Eine Vielzahl an Räumen, eine Vielzahl an Arbeitsstilen sowie eine Vielzahl an Präsenzen. Was ist damit gemeint? Nun, so könnten miteinander verknüpfte Zonen und Bereiche den Nutzern die Möglichkeit bieten, je nach individueller Herausforderung oder Arbeitsweise den Arbeitsplatz zu wählen. Eine breite Auswahl unterschiedlichen Mobiliars erlaubt es Mitarbeitern, im Sitzen oder im Stehen zu arbeiten oder sich zu bewegen. Den Austausch mit Kollegen wiederum fördern unterschiedliche Möglichkeiten, physisch oder virtuell in Kontakt zu treten. So weit, so theoretisch. Eine konkrete Umsetzung jener Kriterien erleben die Rosenheimer beispielsweise in ihrem sogenannten „WorkCafé“.

Jenes WorkCafé ist in fünf unterschiedliche Bereiche aufgeteilt: „Kitchen and Dine“ bietet Verpflegungsmöglichkeiten und Raum für Auszeiten. Im „Social Hub“ mit Kaffee- und Snackangeboten sowie bequemen Lounge-Möbeln können Mitarbeiter in entspannter Atmosphäre zusammenkommen und sich austauschen. „Meeting Commons“ schafft abgetrennte Bereiche für eine ungestörte Zusammenarbeit. In den „Nomadic Camps“ finden sich verschiedene Plätze für Einzel- oder Gruppenarbeit. Dort können gerade mobile Mitarbeiter entweder in Ruhe arbeiten oder sich mit anderen treffen. Das „Resource Center“ schließlich beinhaltet alles, was Mitarbeitern den Arbeitsalltag erleichtert: Spinde, Drucker oder Arbeitsmaterialien wie Post-it‘s und Stifte. Sogar ein EC Automat oder eine Poststelle sind integrierbar.

Welche Rolle spielen Technologien an den Schreibtischen der Zukunft? Steelcase setzt schon jetzt auf Hightech. „Gesture“ heißt zum Beispiel ein Büro-Stuhl mit integrierter, intelligenter Technik. Sensoren beobachten die Haltung, Sitzgewohnheiten sowie das Stress-Level des Mitarbeiters. Stephan Derr schwärmt auch von den Wänden mit integrierten Multi-Touch-Displays. Diese Zauberwände erlauben es Teams, Inhalte in Echtzeit gemeinsam zu erarbeiten – von überall auf der Welt aus!Das vielbesungene Home-Office, dagegen stinkt es doch gewaltig ab.

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