Wo Yoga ist, ist auch ein Weg

Es verspricht viel und hält noch mehr. Yoga ist heute eine der beliebtesten Alternativen zur Schulmedizin, zur Religion und zum Sport.

Constanze Haslacher

Fotos: Red

Auf einschlägigen Webseiten wird Yoga als Weg zu sich selbst angepriesen, zu schöpferischer Kraft sowie zu Harmonie von Körper, Seele und Geist. Es stärke Eigenverantwortung, Achtsamkeit und Lebensfreude. Das klingt doch vielversprechend! Also mit der neu-erstandenen Yogamatte unterm Arm, einer Flasche stillen Mineralwassers und der Wolldecke für die meditativen Pausen im Rucksack losgezogen. Eigentlich ist ja alles Neue immer ein bisschen anstrengend, aber vor Yoga hatte ich als Sportlerin ehrlich gesagt kaum Respekt. Ziel war, mich ein bisschen mehr mit meinem Körper-Seele-Gleichgewicht zu beschäftigen – denn im Einklang befindlich soll sich das positiv auf die Gesundheit, das Liebesleben, den Selbstwert und nahezu das komplette Leben auswirken.

Also stehe ich nun beim Hatha Yoga auf meiner neuen Matte, mit der Flasche Wasser im Gepäck. Wobei ich mir bei der Geschwindigkeit der Übungen nicht sicher bin, überhaupt Wasser zu benötigen. Wir beginnen mit Atemübungen, lernen „richtig“ zu stehen. „Kann ich“, denke ich vorlaut, und liege falsch. Sich auf Haltung und Atmung, den eigenen Körper zu konzentrieren ist gelinde gesagt ungewohnt, geradezu anstrengend. Darum bin ich froh, als wir mit den Asanas, den berühmten Körperübungen anfangen. Hier sehe ich mich in meinem Element! Hier liege ich zum zweiten Mal falsch. Ich bin überall, nur nicht in meinem Element. In der Gruppe arbeiten wir uns langsam durch die verschiedenen Körperübungen.

Unter Vorwärtsbeuge und Drehsitz kann ich mir noch etwas vorstellen, die „schiefe Ebene“ oder das „Dreieck“ lassen mich an Physik denken – kein entspannender Gedanke. Weitere Übungen tragen Namen wie Hund, Heuschrecke oder Fisch und verleiten mich dazu, sie zu unterschätzen. Doch die Positionen minutenlang zu halten strengt Muskeln an, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt, geschweige denn, dass ich auf sie zugreifen kann. Die Wasserflasche ist nach 20 Minuten leer, der Schweiß rinnt. Ich bin fasziniert, wie etwas so Statisches so anstrengend sein kann, und bin froh, als die Stunde vorbei ist. Der erste Schritt wäre getan. Tatsächlich fühle ich mich besser. Entspannter. Gelöst. Wochenlanges Üben verstärkt diesen Zustand. Ich kann die Übungen bald konzentriert und bis zum Ende durchführen. Gleichgewicht und Körperkontrolle werden besser, meine Beweglichkeit ist so gut wie nie. Ich profitiere in meinen gewohnten Sportarten in Bezug auf Kraft und Kondition: laufe meinen Laufpartnern davon, stehe beim ersten Schneefall einen ganzen Tag stabil auf dem Snowboard, wo ich früher schon Mittags ein „Knieschwammerl“ verspürte. Unfassbar, wie viel mir Yoga nach so kurzer Zeit bringt.

Und doch frage ich mich: ist mein Körper jetzt mit meinem Geist im Einklang? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Fähigkeit, fünf Minuten auf dem Kopf zu stehen, nur bedingt hilfreich sein wird, wenn mich mein Lebenspartner verlässt, mir der Job über den Kopf wächst oder eine andere mittlere bis größere Katastrophe in mein Leben tritt. Einen ähnlichen Gedanken hatte auch Bertram Mück. Mit 39 Jahren war er ein gut funktionierender, aber gestresster Geschäftsmann. Von einen Tag auf den anderen wurde es ihm zu viel. Er verkauft seine Firma und geht nach Indien, um dort in einem Ashram zu leben – einem klosterähnlichen Meditationszentrum. „Ort der Anstrengung“ bedeutet das Wort. Er wird dort drei Jahre lang leben, meditieren und die Schriften studieren. Eines Tages sagt sein Lehrer (sinngemäß wiedergegeben): „So, genug gelernt. Geh dorthin zurück, wo du hergekommen bist. Nimm dein Wissen mit dir und lehre.“

Gesagt getan. Seit acht Jahren steht nun am Schliersee Mücks Ashram: das Yoga-Haus Samvit. Dort kann man tagelang oder wochenlang meditieren, Yoga praktizieren, Schriften studieren – einfach sein. Wer auf einen Wellnesstempel mit Yoga- und Pilatesangebot hofft ist hier falsch. „Es gibt einen geregelten Tagesablauf. Wer den ganzen Tag am Pool liegen möchte, soll lieber in ein Hotel gehen“, sagt Mück schmunzelnd. Woher er die Motivation nimmt, im Süden Deutschlands ein solches Yoga-Seminar-Haus zu eröffnen? „Ich habe erst in Indien erfahren, was für ein großer Unterschied das ist, zwei Mal die Woche nach der Arbeit eine Yogastunde zu absolvieren oder sich jeden Tag nur mit Yoga zu beschäftigen, zu meditieren, zu lernen.“ Er wollte so eine Möglichkeit auch in
Deutschland schaffen. Er erläutert: „Asanas sind nur der Einstieg. Erst wenn ich weiß, wie mein Geist funktioniert, kann ich mit schwierigen Situationen umgehen.“

Da sich das Leben in einem Ashram sehr dem in einem Kloster ähnelt, komme ich nicht umhin zu fragen, ob er religiös ist. „Beim Heiligen oder Religiösen begebe ich mich immer in eine Abhängigkeit, beim Yoga geht es darum, Freiheit zu erlangen“, antwortet er. Dieser Satz trifft die richtigen Nerven. Eine kleine Erleuchtung: Meine sportliche Herangehensweise ans Yoga scheint mir sofort inadäquat. Die Matte wieder unter den Arm geklemmt, die Flasche stillen Wassers eingepackt, werde ich den Weg zu mir selbst nun bewusster beschreiten.

Zurück