Wiederentdeckung eines Waschmittels

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Selten war Händewaschen so ein Genuss. Hier lernt man Seifensieden wie Annodazumal.

Sie führt heutzutage ein Nischendasein. In den Regalen der Supermärkte und Drogerien wetteifern die vielfältigsten Waschlotionen um Kundengunst, die gute alte Seife aber sucht man meist vergebens. Sie ist zu einer Rarität geworden, zu einem in Bioläden oder auf Märkten feilgebotenen Naturprodukt, frei von Konservierungsstoffen oder chemischen Zusätzen, in liebevolle Formen gegossen. Wie man solche genauso schmucken wie „astreinen“ Seifen sogar selbst herstellen kann – „siedet“, wie der Fachmann sagt – lehrt Edith Astner aus Brannenburg im Inntal in einem Kurs.  

Die zertifizierte Kräuterpädagogin bewohnt und bewirtschaftet gemeinsam mit Ehemann und Schreiner Martin den altehrwürdigen Kistlerhof. Das 1860 aus „Biberstein” und Holz erbaute Anwesen haben Astners sanft renoviert, dabei aber den alten Charme und viele Details erhalten. So bollert in der guten Stube nach wie vor der original eingebaute Gussherd. Auf dem guten Stück bekocht Edith Astner nicht nur Gäste und Familie, er spielt auch eine Rolle beim Seifensieden.  

Anders als in der industriellen Massenherstellung wendet Edith zwar das sogenannte Kaltverseifungsverfahren an. Dabei vermischt sie hochwertige Fette, Öle und Wachse mit Natronlauge – ohne die Zutaten stundenlang kochen zu müssen. Ordentliche Wärme brauchts aber trotzdem. Um die – Achtung, hochätzende! – Natronlauge und die Fette zur „Eheschließung“ zu bringen, sollten sie die gleiche Temperatur haben – und ganz so kalt, wie es der Verfahrensname vermuten lässt, geht das eben nicht vonstatten. Einerseits entsteht eine beachtliche Hitze, wenn man das Natriumhydroxid-Granulat in Wasser zur Lauge löst (nebenbei stinkt das Gebräu bestialisch). Andererseits verleiht erst die Kombination aus flüssigen und harten Fetten der Seife die idealen Eigenschaften. Über die Fette steuert Edith beispielsweise, wie stark die Seife schäumen oder rückfetten soll. Tja, und Zutaten wie Sheabutter (stark rückfettend), Bienenwachs (keimhemmend) oder Kokosfett (schäumt schön) wollen nun mal zuerst geschmolzen werden, ehe man sie unter Olivenöl (Lichtschutzfaktor 4), Sonnenblumenöl (schützt vor Umwelteinflüssen) oder Rapsöl (feuchtigkeitsspendend) mischen kann.

Welche Zutaten auch immer man einsetzt, die Seifensiederin rät, unbedingt auf deren Reinheit zu achten! „Die Stoffe gelangen über die Haut in unseren Organismus, fast wie beim Essen“, warnt die 50-Jährige. Dementsprechend dürfen bei ihr nur reine, ätherische Öle feine Duftnoten setzen. Ediths Gartenseife etwa, eine gut schrubbende Seife mit Pflege-Effekt für geschundene Hände, duftet nach Lavendel, Lavandin, Geranium, Ylang-Ylang und Rosenholz. In die Auswahl lässt Edith ihr aromatherapeutisches Wissen sowie ihre Kenntnisse der „TEH“ einfließen, der „Traditionellen Europäischen Heilkunde“. So fügt sie unter anderem noch keimhemmende Kamille, heilende Ringelblüten oder Mohn als natürliches Peeling hinzu.

Ehe diese Wirkstoffe zum Einsatz kommen, mixt Edith Lauge und Fette mit dem Stabmixer zu einem zähen Sirup. Hierbei gilt es, umsichtiger vorzugehen als etwa beim Suppenkochen. Luftbläschen sind zu vermeiden, denn darin könnte sich Natron ansammeln und ein buchstäblich ätzendes Händewaschen verursachen. Ein wenig Heilerde hilft, die Düfte in der Seife zu fixieren. Den „Pudding“ gießt man in vorbereitete Formen, deckt alles mit Folie und Decken gut zu und lässt es 24 Stunden ziehen. Danach muss Seife einige Wochen „nachreifen“. Wann sie einsatzfähig ist, testet Edith mit der Zungenspitze. „Wenn´s noch brizzelt, braucht sie noch ein bisschen“, erklärt die gelernte Floristin.

Sie wolle altes, überliefertes Wissen bewahren, beschreibt die leidenschaftliche Gärtnerin ihre Motivation für den Seifensiederkurs und all die anderen Angebote, die Besucher im und um den Kistlerhof in Anspruch nehmen können. Den üppigen Garten, den Acker, ihre Wiesen und den Zwölf-Hektar-Wald nutzt Ehepaar Astner nicht nur, um sich den Sommer über nahezu autark zu versorgen. Während Kräuterwanderungen, Räucherkursen oder der Herstellung der mysteriösen „Pechsalbe“ vermitteln sie ihr vielfältiges naturkundliches Wissen. In diesem Sinne: Frühling lass dein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte!

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