Wie am Schnürchen

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob

Er zählt zu den gefragtesten Puppenspielern Deutschlands: Mit dem Münchner Marionettentheater sorgt Siegfried Böhmke bei Kindern und Erwachsenen für niveauvolle Unterhaltung.

Ergrautes, zerzaustes Haar, ein kariertes Hemd, eine markante Nase, ein verschmitztes Funkeln in den Augen ­und ein Holzkopf: Korbinian Fox, Titelfigur aus dem Kinderstück „Die fantastische Reise des Korbinian Fox“ und Erfinder des einzigartigen „Fliefatauschwi“, ist nur eine der rund 500 Puppen, die im Münchner Marionettentheater zuhause sind.

Die Fäden zieht Siegfried Böhmke. Genau wie Fox ist auch er ein Tüftler und Denker. In liebevoller Handarbeit fertigt der Puppenspieler regelmäßig neue Marionetten aus Holz und Modelliermasse, schreibt Geschichten, führt Regie und bastelt kleine Modelle für spätere Bühnenbilder. Die werden dann in der hauseigenen Kulissenwerkstatt nachgebaut.

Auf der Bühne ragt gerade die Werkstatt des Erfinders Korbinian Fox empor. Er und sein Assistent Rakete, ein Hund in Latzhose und Turnschuhen, schweben scheinbar schwerelos an den langen seidenen Fäden über dem Boden und warten auf ihren Einsatz. Über ihnen thront auf einer Hebebühne ihre neueste Erfindung: das „Fliefatauschwi“, ein Gefährt, das fliegen, fahren, tauchen und schwimmen kann. Damit begeben sich die beiden in dem Stück für Kinder ab vier Jahren auf eine abenteuerliche Reise.

Hinter der Bühne warten weitere Kulissen und Puppen. Eine enge Wendeltreppe führt hinauf zu den beweglichen Brücken, auf denen Böhmke und die anderen Puppenspieler während der Vorstellungen stehen und die Marionetten unter ihnen zum Leben erwecken. Im Dachgeschoss werden weitere Figuren aufbewahrt. In den großen Regalen an den Wänden sitzen Kanzlerin Angela Merkel und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter zwischen dem kleinen Bären, Hänsel und Gretl, Ritter Rost und Momo. Auch musikalische Kultfiguren wie Elvis Presley, Michael Jackson und Frank Sinatra baumeln an Haken in extra dafür angefertigten Holzrahmen. Neben den Marionetten sind auch Stab-, Hand- und Klappmaulpuppen zu finden. „Und um Mitternacht werden sie alle lebendig“, scherzt Böhmke.


Seit fast 20 Jahren steht er dem traditionsreichen Theater
nun schon als Intendant voran. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern lässt er seine Puppen über die kleine Bühne tanzen. Mit seinem Talent, seine Stimme zu verändern, verleiht er zahlreichen Figuren eine individuelle Sprechweise.

Seit er ein kleiner Bub von elf Jahren war, lebt Böhmke für das Puppenspiel. In den Sommerferien sei er damals mit dem Fahrrad zu dem Theater gefahren. Das große Schild über dem Eingang mit der Aufschrift „Heute wird gespielt“ habe ihn neugierig gemacht. Für 55 Pfennig ergatterte er noch einen Platz in der letzten Reihe. „Als der Vorhang aufging, war es um mich geschehen“, erinnert er sich. Mit Skizzenblock und Bleistift bewaffnet, habe er fortan sämtliche Vorstellungen besucht und die Bühnenbilder abgezeichnet, um sie später zuhause nachzubauen. Da er meist schon eine Stunde vor Aufführungsbeginn um das Theater herumschlich und sich die Nase an der Fensterscheibe plattdrückte, um einen Blick in die Werkstatt zu erhaschen, fiel er der damaligen Theaterchefin auf. „Willst du mal hinter die Bühne schauen?“, bot sie ihm an. Und ob er das wollte! Neben der Schule arbeitete er von da an regelmäßig mit.

Als Jahre später Jim Henson, „Vater“ der Muppets, nach zwei deutschen Puppenspielern suchte, wechselte Böhmke zum Fernsehen und spielte zwei Charaktere in der Fernsehserie „Die Fraggles“. Damit mauserte er sich zu einem der gefragtesten Puppenspieler Deutschlands. Weitere TV-Erfolge feierte er mit der Rolle der Klappmaulpuppe Bino in der Kinderserie „Bim Bam Bino“ sowie als Maskottchen Gustav Sommer im ZDF-Ferienprogramm an der Seite von Anke Engelke und Benny Schnier. Im Jahr 2000 kehrte er dann „heim“ ins Münchner Marionettentheater.


Es wurde vor rund 160 Jahren
von Josef Leonard Schmid, besser bekannt als „Papa Schmid“, errichtet. Unterstützt wurde Schmid vom städtischen Jugendschriftsteller und Künstler Franz Graf von Pocci, aus dessen Feder die Geschichten um „Kasperl Larifari“ stammen, der ersten und wichtigsten Marionette des Theaters. Nach verschiedenen Münchener Lokalitäten fand das Marionettentheater schließlich im Jahr 1900 sein festes Zuhause in der Blumenstraße. Seitdem zieht es nicht nur kleine, sondern auch große Puppenliebhaber in das denkmalgeschützte Haus. Neben einem umfangreichen Kinderprogramm spielt das Theater auch spezielle Vorführungen für Jugendliche und Erwachsene, so zum Beispiel Mozarts „Zauberflöte“ oder auch „Der Goggolori“, eine Oper verfasst in bayerischer Mundart nach Wilfried Hiller und Michael Ende. Neuester Streich ist Mozarts „Don Giovanni“, die bisher aufwendigste Produktion des Theaters.

Besonders stolz ist Böhmke auf den Festwagen des Theaters, der jährlich beim großen Oktoberfestumzug zum Einsatz kommt. 210 Vorstellungen spielt das Marionettentheater heuer wieder auf der „Oidn Wiesn“, darunter bayerische Klassiker wie „Ein Münchner im Himmel“ oder „Die G‘schicht vom Brandner Kaspar“. Sehenswert – da beißt die Maus keinen Faden ab!

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