Wenn sechzehnhundert Hufe scharren

Der Gedenktag des Heiligen Georg ist Pflichttermin für Pferdefreunde. Ob für Teilnehmer oder Zuschauer geben Pferdewallfahrten gute Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen. Besonders beliebt: der Traunsteiner Georgi-Ritt.

Christian Topel

Fotos: St. Georgs-Verein Traunstein

Am Ende geht´s den Wintergeistern an den Kragen: der Frühling schneidet ihnen die Kehlen durch, mitten am Traunsteiner Stadtplatz. Und tausende Schaulustige sehen zu, ja spenden gar Applaus. Klingt bestialisch, ist aber in Wirklichkeit eine ebenso friedliche wie unblutige Tradition. Seit 1948 bildet der sogenannte Schwertertanz alljährlich Auftakt und Schlusspunkt des hier beginnenden und endenden Georgirittes. Als „farbenfrohes Historienspiel, lebendiges Brauchtum und Bekenntnis zum christlichen Glauben“ bezeichnet der 1891 gegründete und für die bekannteste und bayernweit größte Pferdewallfahrt verantwortliche St.-Georgs-Verein das Ostermontags-Spektakel.

Dessen Ursprünge, wird vermutet, bis in heidnisch-germanische Zeiten zurück reichen. Pferde, besonders der Schimmel, wurden damals als überirdisch verehrt, ihr Zug um einen Kulthügel als Symbol der Wiederkehr des Frühlings betrachtet. Die Christen machten den Brauch dann zur kirchlichen Pferdeweihe, zuerst dem Heiligen Leonhard, dann Sankt Veit, und schließlich Sankt Georg gewidmet. Gleich geblieben ist seit dem Mittelalter das Prozedere des Traunsteiner Um- und Ausritts. Damals wie heute gibt der auf einem riesigen Rappen thronende Herold um Punkt 10 Uhr das Aufbruchssignal. Ziel des Zuges ist die gotische Kirche Sankt Veit drüben in Ettendorf. Von jenem Moränenhügel im Norden Traunsteins aus lässt sich die ganze Kulisse der Chiemgauer Alpen überblicken.

Zuerst gilt es aber, den Überblick über die nicht zu verlieren, die da hinausziehen aus der Stadt. Trommler zuerst, dann eine weiß-blau gewandete Schar Schulkinder, „die Pfeiferlbuam“, die dem Ernst der Prozession einige fröhliche Töne entgegensetzen. Ihnen folgt in spätmittelalterlicher Uniform der Ritter „Lindl“, begleitet von Landsknechten – und ohne so Recht zu wissen, woher er stammt, dessen aus Unterberger Marmor geformte Figur seit 1526  den Stadtbrunnen ziert. Hinterdrein reiten Burgfräulein, der furchteinflößende Scharfrichter mit seinem bedrohlich langen Schwert und der Edelmann „Hans von Schaumburg“, an Goldkette, Federbusch und schwarzem Samtmantel schon von weitem zu erkennen.

Glanz- und Mittelpunkt des Festzuges bilden jedoch die bis zu 400 Bauernpferde und Gespanne aus dem gesamten Chiemgau und dem Rupertiwinkel. Mähnen und Schweife der Rösser sind mit bunten Bändern und honigfarbenem Flachs zu aufwendigen Zöpfen verflochten. Die Reiter haben sich in ihrer Heimattracht herausgeputzt, die Fuhrknechte rangieren die Vierspänner geschickt die steilen Stadtberge hinunter, die Blaskapellen schmettern um die Wette, während die klobigen Kaltblüter keine Nüster verziehen.

Ähnlich gelassen grüßt die örtliche Geistlichkeit aus ihren Kutschen, sichtlich stolz winken Stadtoberen den staunenden Besuchern zu. Die freilich halten eher Ausschau nach ihm, dem Heiligen Georg, Namensgeber des Rittes und Schutzpatron der Reiter, Bauern und Pferde. In der Uniform eines römischen Feldherrn und umringt von behelmten Legionären reitet er auf seinem Schimmel einher, im ruhigen Rythmus der gewaltigen Glocken Sankt Oswalds. Und wenn er wieder nach Hause kommt von seinem Segensritt, geht es dem Winter an den Kragen. Jedes Jahr aufs Neue, immer am Ostermontag.

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