„Wenn ich könnte, würde ich Bier heiraten!“

Christian Topel

Fotos: Christian Topel

In der ehemaligen Bräuhochburg Bad Tölz hat Johanna Glas das Bierbrauen gelernt. Jetzt träumt sie von der eigenen Brauerei im Heimatort Kolbermoor.

Es rankt sich die Legende, Ernst Glas habe wilden Hopfen am Gartenzaun entdeckt, nachdem er von den Zukunftsplänen seiner Tochter erfuhr. Diese lauteten: trotz bestandenen Abi-turs nicht sofort studieren, sondern erst ein Handwerk erlernen zu wollen; ein recht ungewöhnliches Handwerk für eine junge, gertenschlanke Dame obendrein. Johanna hatte beschlossen, Bierbrauerin zu werden. Anstatt aus allen Wolken zu fallen, verbuchte das Familienoberhaupt die Hopfenranke als Wink des Schicksals – und erteilte seinen Segen. Sonderlich überrascht haben dürfte den Spenglermeister die frohe Kunde ohnehin nicht. Schließlich war es ein Schluck aus dem väterlichen Humpen, der die Kolbermoorerin dereinst auf den Gerstensaft-Geschmack gebracht hatte. Anders als so viele predigte Johannas Papa jedoch nicht Wasser, während er sich sein Feierabendbier eingoss, sondern erzog die Heranwachsende zu einem vernünftigen Umgang mit Bayerns Nationalgetränk. Bewusst genießen statt hirnlos saufen, lautete das Motto – ein schlauer Schachzug, wie sich inzwischen herausgestellt hat.

Wenn man die Gesellenprüfung als Kammersiegerin abschließt (also als bester Prüfling Bayerns), darf man zweifelsohne behaupten, sein Handwerk vorzüglich zu beherrschen. Johanna hat aber an diesem wüstenwarmen Spätsommertag keine Lust, Eigenlob zu betreiben. Die Farbreflexe, die in ihrem Verkostungsglas funkeln, findet sie viel faszinierender als den eigenen Werdegang. „Schau dir das an, wie flüssiger Bernstein“, schwärmt sie, mit ordentlich oberbayerischem Schmelz in der Stimme. Sie lässt die Flüssigkeit im Sonnenlicht kreisen und wirft ihr liebevolle Blicke zu. Und dann sagt sie einen Satz, der wie ein Scherz klingt, der sich aber im Laufe des Gesprächs – was die Liebe zum Produkt betrifft – als völlig wahrhaftig herausstellen wird: „Wenn ich könnte, würde ich Bier heiraten.“

Eine kleine Kühltasche auf den Gepäckträger geklemmt, hat die 20-Jährige ein paar außergewöhnliche Biere mitgebracht, darunter ihr Gesellenstück. Dessen Verkostung zögert sie aber noch etwas hinaus. Das hopfenreiche Schwarzbier würde sich zu sehr auf die Geschmacksknospen legen und die folgenden Biere verfälschen, erklärt die Jung-Brauerin. Im Schatten einer Linde sitzend gibt´s also nach einem prickelnden Hellen als Auftakt zu diesem Bierpicknick einen Whiskeybock, der sich seinen rassigen Nachhall tatsächlich in ausrangierten Whiskeyfässern aneignen durfte. So einen Tropfen, sagt Johanna, trinke man am besten zu einem guten Essen. Ohnehin gehöre der Gerstensaft viel mehr gewürdigt! Sie verstehe gar nicht, schimpft sie, warum viele Menschen Bier so „obidengeln“, in sich hineinsaufen also, wohingegen um Wein ein Brimborium veranstaltet werde, als sei es die Krone der Getränke-Schöpfung. „Dabei ist Bier doch viel komplizierter herzustellen!“, betont Johanna. Und schon sprudeln die Worte aus ihr heraus wie ein frisch angezapftes Märzen aus dem Fass: dass man aus einer Malzsorte leicht tausende unterschiedliche Biersorten gewinnen könne, allein indem man beim Hopfen variiere; dass man ober- oder untergärig brauen könne; dass man über die Alpha-Säure steuere, wie bitter das Bier schmecken werde; dass sich Enzyme wie eine Mutter verhalten, die der Hefe das Essen kleinschneide. Bierbrauen, lautet die Quintessenz, hat mehr mit Bio, Chemie und Physik zu tun, als sich so mancher Stammtischbruder vorstellen kann.

Um die angepriesene Vielfalt auch auf der Zunge zu zelebrieren, schenkt Johanna ein weiteres, hierzulande alles andere als alltägliches Bier ein: das „Amber Ale“, also ein amerikanisch angehauchtes Bier, das – einer besonderen Hopfenzüchtung sei Dank – ungemein fruchtig schmeckt, ehe es leicht bitter „abgeht“. Diese exotischen Sorten kredenzt die Brauerin nicht ohne Grund. Sie stammen alle aus dem Tölzer Mühlfeldbräu, wo sie ihre Lehre absolvieren durfte – nach einer desillusionierenden Zeit des vergebenen Klinkenputzens bei etlichen Brauereien, die ihr alle die Tür vor der Nase zuschlugen. Als Frau? Keine Chance, hieß es. Sogar während eines Praktikums riet ihr der Braumeister dringend ab. Tatsächlich gestaltete sich die Suche nach einem Ausbildungsplatz schwieriger als die nach einem Sitzplatz in einem Wiesn-Festzelt am Italiener-Wochenende. Johanna jedoch blieb beharrlich. Und wenn sie heute eine Flasche „Glas Bräu“ aus der Kühltasche zaubern darf , den Kronkorken fliegen lässt und das Gegenüber mit großen Augen beim Kosten beobachtet, dann scheint schon ein wenig Triumph im Blick mitzublitzen. „Wenn man das erste selbstgebraute Flascherl in der Hand hält, da fühlst dich, als würdest Mama“, sagt sie.

Bad Tölz. Vielleicht beruht die Aufgeschlossenheit des Tölzer Mühlfeldbräus ja auf der besonderen Geschichte, die das Städtchen im Süden Münchens in Sachen Bier durchlebt hat. 1631 beherbergte Bad Tölz 22 Braustätten. In manchen Jahren verschifften Tölzer Flößer bis zu 6.000 Hektoliter hoch nach München. Noch 1810, als man in der Residenzstadt die Verlobung von Kronprinz Ludwig so süffig feierte, dass man die Veranstaltung anschließend zum alljährlichen Oktoberfest ausrief, tranken die Menschen in erster Linie Bier aus Bad Tölz. Im 19. Jahrhundert jedoch nahm die Industrialisierung Fahrt auf, damit einhergehend eröffneten die neuen Kältemaschinen erstmals Lagermöglichkeiten abseits der bislang bekannten Bierkeller. Bad Tölz geriet ins Hintertreffen. Man kann regelrecht von einem Brauerei-Sterben sprechen. Als Anfang dieses Jahrhunderts mit dem Grünerbräu die letzte Brauerei zusperrte, schien eine Ära zu Ende zu gehen. Bis 2008 auf dem Grund der letzten Brauerei das Tölzer Mühlfeldbräu seine Pforten öffnete: eine kleine, kreative Brauerei mit Gasthaus.

Einen Namen über die Grenzen der Stadt hinaus erwarb sich der TMB rasch, weil er neben seinen Standard-Bieren – Helles und Weißbier – auch monatliche Spezialbiere braut: von „Pale Ale“ und „Stout“ über „Osterlammbä“ bis hin zu jenem Whiskeybock, den Johanna vorhin servierte. Das ganze Team legt eine ungemeine Lässigkeit und Experimentierfreude an den Tag, wie man sie bei etablierten Großbrauereien nur selten findet. Dementsprechend hatte Braumeister Wolfgang Sappl keinerlei Berührungsängste, als sich Johanna bewarb. „Wir wollten den Großen beweisen, dass es geht“, sagt Sappl, „trotz anstrengender Handarbeit.“ Das Vertrauen habe die Auszubildende nie enttäuscht. „Johanna schaut schmächtig aus, kann aber zupacken“, erinnert sich der Braumeister. Für das zwischen Marktstraße und Bahnhof gelegene Haus ist es dementsprechend keine Frage, dass Johanna ihr köstliches Gesellenstück nun auch weiterhin vor Ort brauen darf. Während sie nun Brau- und Getränketechnologie studiert, will Johanna nebenbei kleine Margen des „Glas Bräu“ brauen und vertreiben.

Womöglich wird es also eine Frau sein, die der Mangfallstadt Kolbermoor zur ersten Brauerei verhilft. Johanna jedenfalls träumt von einem eigenen Sudhaus in ihrer Heimatstadt, nichts großes, maximal 5.000 Hektoliter pro Jahr sollen dort entstehen. Keine Konkurrenz also für die Platzhirsche der Region. Dort könnte sich dann ja auch der Frauenstammtisch treffen, den die Studentin gründen möchte. Sie findet nämlich, dass es viele tolle Biere gibt, die auch Frauen schmecken würden – wenn die nur davon wüssten und den obligatorischen Hugo einfach mal links liegen ließen.

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