Wenn ein Engel in Flammen steht

Lucia Schletterer

Fotos: Lucia Schletterer

Wie das im Volksmund genannte Kufsteiner Kloster Kleinholz knapp einer Feuerkatastrophe entkam und am Ende doch noch eine besinnliche Weihnachtszeit gefeiert werden konnte.

Das große Holztor öffnet sich. Bis auf Kerzenlicht ist es dunkel und still in der Kirche. Langsam schreitet Pater Andreas den Hauptgang entlang, mit einem Christkind aus Holz in der Hand. Er stimmt das Weihnachtsevangelium an, das die feierliche Stille sanft durchbricht, und legt das Jesuskind behutsam in die Krippe.

An diesem Tag ist die Kirche des Klosters Kleinholz bis auf den letzten Platz gefüllt und die Menschen stimmen ein in ein Krippenlied. Es ist Heiligabend, 20 Uhr. Die Patres feiern gemeinsam mit den Besuchern die Christmette. Die Schwestern und Angestellten des Hauses singen „Stille Nacht“ – wie zu Grubers Zeiten – mit Gitarre, mehrstimmig und in Originalfassung mit sechs Strophen.

Im Westen von Kufstein, im ältesten Stadtteil namens Zell, liegt etwas versteckt, am Ende einer Lindenallee, das Kloster Kleinholz. Zahlreiche Pilger kommen jährlich zum in der Kirche befindlichen Gnadenbild Maria Hilf, zur Erholung, zu Kursen oder Exerzitien. Das Gnadenbild Maria Hilf ist dem Original von Künstler Lucas Cranach dem Älteren nachgearbeitet, das sich heute im Hochaltar des Innsbrucker Doms befindet. Das Bild wurde häufig kopiert und ist heute eines der am weitesten verbreiteten Marienbilder in Tirol, Süddeutschland und im Alpenraum. Das Gnadenbild in Kleinholz ist eine der vier offiziell anerkannten Kopien und auf Stein gemalt.

Circa um 1670 errichtete ein Kufsteiner Bäckermeister mit seiner Frau eine gemauerte Kapelle. An deren Innenseite wurde das „Gnadenbild Maria Hilf“ angebracht. 250 Jahre später ließen sich die „Missionare vom Kostbaren Blut“ hier nieder und erweiterten 1923 die Kirche um Wohntrakt und Exerzitienhaus nach Plänen des berühmten Architekten Clemens Holzmeister.

Seither ist das Leben in der Wallfahrtskirche belebter. Die Kongregation „Missionare vom kostbaren Blut“ wurde ursprünglich in Italien gegründet. Gründer war der Priester Kaspar del Bufalo aus Rom. 1786 in Rom geboren, erlebte er als junger Erwachsener die Grausamkeiten der napoleonischen Kriege und dem damit einhergehenden religiösen Niedergang.

Als Priester kümmerte er sich dann zeitlebens um arme und kranke Menschen und um die Erneuerung der Kirche. Sein Orden umfasst heute rund 550 Priester in 20 Ländern. Die Missionare vom kostbaren Blut betreiben Schulen, Waisen- und Exerzitienhäuser und engagieren sich im Bereich Bildung und soziale Arbeit.

Im Kloster Kleinholz leben heute fünf Patres und zwei Schwestern. Zusätzlich zur Wallfahrtskirche gibt es ein vielfältiges spirituelles Programm. Ohne die vielen freiwilligen Helfer, die das Kloster unterstützen, könnten zahlreiche Angebote davon nicht gemacht werden. So aber bietet das Kloster ein breites Programm. Von Vorträgen, Kursen, Exerzitientagen bis hin zu einer „Ski and Pray“-Woche im Januar. „Da starten wir morgens mit einer Messe und danach fahren wir den ganzen Tag Ski in den Kitzbüheler Alpen“, sagt Pater Andreas. An den Weihnachtstagen selbst, gibt es keine externen Gäste im Haus, diese Tage sollen bewusst ruhiger sein. Erst über Silvester gibt es dann wieder ein Angebot zum gemeinsamen Feiern des Jahreswechsels, das am 30. Dezember mit einem Spaziergang in den Kufsteiner Bergen beginnt und am 1. Januar mit einem Brunch endet.

Aber woher stammt die Tradition um das Weihnachtsfest eigentlich? Michael Landau, Direktor der Caritas Wien, erklärt in seinem Buch „Weihnachten“: Ein historisch korrektes Geburtsdatum Jesu Christi lasse sich schwer festmachen, wahrscheinlicher sei, dass es im Frühling war. Weihnachten wurde somit über die Jahrhunderte unterschiedlich gefeiert. Im römischen Reich sollte dies dann vereinheitlicht werden. Dort wurde am 25. Dezember der „Sol invictus“, der unbesiegbare Sonnengott, gefeiert. Kaiser Aurelian, führte 275 n. Chr. ein Fest für die Sonne ein. Christen sahen in Christus die „wahre Sonne“ und so feierten sie mit den Römern das Sonnenfest, gaben ihm aber eine neue, christliche Bedeutung als Fest der Geburt Christi. 336 n. Chr. feierte der Papst in Rom nachweislich am 25. Dezember Weihnachten. Später etablierte sich eine zusätzliche Mitternachtsmette, die Christmette. „Mette“ verweist auf die „Mitte der Nacht“.

Die Mainzer Synode hielt 813 den 25. Dezember als Fest der Geburt Christi fest und der Name „Weihnachten“ bildete sich nach 1150 heraus, abgeleitet aus dem Mittelhochdeutschen „ze wihen nahten“ – was „in der geweihten/heiligen Nacht“ bedeutet. Der 24. Dezember als Tag des Festes hat sich entwickelt, weil man früher davon ausging, dass der neue Tag beginnt, wenn es dunkel wird und somit der Christtag anbricht. Dieses Verständnis hat sich in der christlich-jüdischen gottesdienstlichen Tradition erhalten. Die Bescherung am Heiligen Abend ist eine relativ junge Entwicklung, die wohl mit der nach auftretenden Vorverlegung der Christmette auf Nachmittags- und Abendgottesdienste zusammenhängen dürfte.

Der erste Adventssonntag ist der Beginn der Weihnachtszeit und des neuen Kirchenjahres. Advent kommt vom lateinischen „adventus“ – die Zeit der Ankunft des Herrn. „Am ersten Adventssonntag weihen wir den Adventskranz. Wir segnen unseren und jene Kränze, die die Leute bringen,“ so Pater Andreas. Die Messen werden im Winter in der kleinen Hauskapelle gefeiert, weil es in der großen Kirche ziemlich kalt ist. „Außer sonntags, da sind wir in der Kirche, damit alle Platz haben“, fügt der Geistliche hinzu. Die regulären Gottesdienste im Advent seien eine sehr gute Vorbereitung auf Weihnachten. Denn die ganze Liturgie, die Texte der Schrift, seien in der Vorweihnachtszeit sehr hoffnungsvoll.

Obwohl, die ersten zwei Sonntage noch geprägt sind von der erhofften Wiederkunft Christi, dort seien zum Teil „heftige Texte drin vom Ende der Welt“, gäbe es dann im Verlauf des Advents verheißungsvolle Worte vom Propheten Jesaja, die stark im Mittelpunkt stünden. Alleine, wenn man sich einlasse auf das, was in der Liturgie geschehe und bereit sei, das wahrzunehmen, könne man, glaubt der Pastor, relativ viel mitnehmen.

Vor Weihnachten ist immer viel zu tun. Es müssen die Adventskränze, Kerzen und Weihnachtsbäume besorgt werden, die Schwestern schmücken das ganze Haus und die zwei Krippen werden aufgestellt. Im Mittelpunkt steht natürlich der geistliche Weg, der mit Liturgie und Gebet in dieser Zeit gegangen wird.Das Weihnachtsfest selbst wird – wie Ostern – eine ganze Woche lang gefeiert. Vom 25. Dezember, zum Stephanitag am 26., das Fest des Apostels Johannes am 27. und der Gedenktag der Unschuldigen Kinder am 28. Das Fest der Heiligen Familie am 30. Dezember, der Heilige Silvester am 31. und das Hochfest der Gottesmutter Maria am 1. Januar. Bei den Tagen nach Weihnachten spricht man dann von der sogenannten Weihnachtsoktav – acht Tage vom 25. Dezember bis 1. Januar, wo jeder Tag ein Feiertag ist und separat zelebriert wird.

Die orthodoxe Kirche feiere Weihnachten und die Geburt des Herrn am 6. Januar, weiß der Pater. Die katholische Kirche hingegen feiert an diesem Tag „Epiphanie“, die Taufe/das Fest der „Erscheinung des Herrn“, also das Sichtbarwerden der Bedeutung dieses Kindes, das die Welt eine Woche vorher recht unscheinbar betreten hat.

Auch die Sternsinger kommen rund um den 6. Januar im Kloster vorbei. Die Weihnachtszeit sei inzwischen um einiges kürzer geworden, nachdem sie heute nicht mehr bis Mariä Lichtmess am 2. Februar gehe, erklärt Pater Andreas. Offiziell ist sie heute nach der Festtaufe Jesu circa am 12. Januar vorbei – dieser Tag ist nicht immer gleich; der letzte Sonntag in der Weihnachtszeit ist das Fest der Taufe Jesu und dann beginnt wieder die Zeit des Jahreskreises. In der alten Liturgie dauerte Weihnachten bis Mariä Lichtmess, manche feiern es heute immer noch so, offiziell hat sich das aber geändert.
Den Weihnachtsabend selbst beginnen die Bewohner des Klosters mit einer Vesper, die am frühen Abend gebetet wird. Danach gibt es eine interne Weihnachtsfeier von der Hausgemeinschaft. „Wir versammeln uns um den geschmückten Weihnachtsbaum im Speiseraum. Ich bereite vorher alles vor und zünde die Bienenwachskerzen an. Danach läute ich die Glocke und alle kommen, um gemeinsam zu beten“, erzählt Pater Andreas. Ein Mitbruder liest danach das Weihnachtsevangelium. Im Anschluss gibt der Pater einen kurzen Rückblick auf das vergangene Jahr, bedankt sich bei allen für ihren Einsatz und es gibt für jeden ein kleines Geschenk. „Wir singen ‚Stille Nacht‘ und entzünden dazu die Wunderkerzen. Das ist eine Tradition, die ich von meinem verstorbenen Vater übernommen habe – erst bei ‚Stille Nacht‘ werden diese angezündet“, schwelgt Pater Andreas in nostalgischen Erinnerungen.

Nach dem Essen bereiten sich die Klosterbewohner auf die Christmette um 20 Uhr vor. Was inzwischen auch zur Tradition geworden ist: Es kommen ein paar Bekannte aus dem Bayerischen Raum, die zum Teil mitarbeiten, zur Christmette. „Nach der Mette setzen wir uns zusammen, trinken ein Glasl, singen manchmal noch Weihnachtslieder und plaudern. Das ist eine Besonderheit, die sich erst in den letzten Jahren entwickelt hat“, fügt Pater Andreas hinzu.

In Kleinholz hätte eine brennende Krippe fast ein Weihnachtsfest verhindert. Jemand hatte den Verkündigungsengel in der Krippe über eine brennende Kerze gelegt. Der Engel war schon angesengt und war kurz davor, in Flammen aufzugehen, erinnert sich Pater Andreas. Zum Glück entdeckte es der inzwischen verstorbene Pater Hugo rechtzeitig und verhinderte ein größeres Brandunglück. Dennoch musste der Engel von einem Grödner Künstler nachgeschnitzt werden. „Aus dem Grund haben wir heute einen wunderschönen handgeschnitzten Engel aus Holz, der uns zu Weihnachten wieder den Weg zur Krippe weist.“

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