Wecke den Künstler in Dir!

Christian Topel

Fotos: Puria Ravahi, Andreas Jacob

Vom Mappenkurs bis zur Meisterklasse: die Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor bringt Farbe in das Industriedenkmal „Alte Spinnerei“.

„Schwellenangst wollen wir unbedingt vermeiden!“ Anna Eisner muss das betonen, denn sie führt die Geschäfte einer Einrichtung, die auf den ersten Blick durchaus Ehrfurcht erzeugen kann – aber nicht soll! Nach 17 Monaten Bau- beziehungsweise Restaurationszeit hat im September die „Akademie der Bildenden Künste An der Alten Spinnerei“ in Kolbermoor ihren Betrieb aufgenommen – mit pädagogischen Paukenschlägen: Professor Markus Lüpertz zum Beispiel, einer der exzentrischsten aber auch einflussreichsten deutschen Gegenwartskünstler, suchte mit ersten Seminarteilnehmern „Die Begegnung als Inspiration“. Vier Kurse widmeten sich so unterschiedlichen Ausdrucksweisen wie dem Figürlichen Malen mit Modell, der Abstrakten, der Freien sowie der Aktmalerei.  Mit Verlaub, da sollen Interessenten keine Ehrfurcht verspüren? Sollen sich Talente nicht fragen, ob ihr Können überhaupt ausreicht für eine Aufnahme? Anna Eisner schüttelt energisch den Kopf. Nicht umsonst habe sich die Akademie das Motto „Deine Zeit ist jetzt“ auf die Fahnen gepinselt. Das vielseitige Programm mit Fokus auf moderne Malerei richte sich an Kunstinteressierte aller Altersklassen und Ausbildungsniveaus, betont die Geschäftsführerin. Das heißt: Vom Hobbymaler, der in einem der zahlreichen Seminare in den Bereichen Malerei, Skulptur oder Zeichnung seine Technik verbessern möchte, bis zum professionellen Künstler, der sich am Markt behaupten will, soll jeder die geeignete Förderung erfahren. 

Bleibt die Frage: Warum verschlägt es ein Genie wie den langjährigen Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie in ein – zumindest auf der künstlerischen Landkarte – „Nest“ wie Kolbermoor? „An staatlichen Akademien lässt sich kaum noch Malerei studieren. Das hier ist ein Zukunftsmodell“, erklärt Markus Lüpertz, der inzwischen auch den regulären Studiengang Malerei, das Aufbaustudium und eine Meisterklasse auf den Weg gebracht hat. Die Frage drängt sich auf, da der berühmt-berüchtigte Neo-Expressionist ja längst nicht als einzige Koryphäe  Leben in die  bunte Bude bringen soll. Während Studenten derzeit auch schon unter der Anleitung von US-Maler Jerry Zeniuk und Malerin Ingrid Floss die Pinsel in Farbtöpfe tauchen, haben sich für eine Gastprofessur im nächsten Juli bereits die „Zhou Brothers“ angekündigt. Seit 1986 in Chicago lebend gehören die Brüder zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern Chinas. Darüberhinaus tauchen viele weitere Großkaliber der Kunstwelt im Katalog auf. Gerade auch die zahlreichen Seminare, die sich tatsächlich an alle richten, die Ambitionen hegen oder einfach Erfahrungen in Sachen Bildender Kunst machen möchten, werden genau wie die Klassen der Studiengänge von namhaften Künstlern und erfahrenen Dozenten geleitet.

 

Über 90 „Charakterköpfe“ haben ihre Mitarbeit angekündigt. Neben Lüpertz, Professor Zeniuk und Floss leiten Matthias Kroth und Dagmar Wassong die Studiengänge „Zeichnung und Malerei“ und „Farbmalerei“,  der Studiengang „Aktionsmalerei und Theorie“ unter der Leitung des großen Wiener Aktionisten Hermann Nitsch beginnt am 29. November – „ein paar Plätze sind noch frei“, verrät Anna Eisner. Für den Unterricht in Maltechnik konnte Kathrin Kinseher von der Akademie der Bildenden Künste in München gewonnen werden. Neu konzipiert wurde ein berufsbegleitender Studiengang unter der Leitung von Heribert Heindl, der Teilnehmern zu einer fundierten Ausbildung in Malerei verhilft (Start: Samstag, 24. Januar 2015). Innerhalb von drei Jahren führt Heindl die Teilnehmer systematisch über die Grundlagen des Zeichnens bis an die Umsetzung eigener Bildideen in Malerei heran. Ein breit gefächertes Angebot an Seminaren (etwa zu Mal- und Zeichentechniken, Farblehre und Skulptur) sowie theoretische Vortragsveranstaltungen ergänzen die Studiengänge. Für Abwechslung sorgt der Besuch von Ausstellungen und Museen als fester Bestandteil der Ausbildung. In Sachen Öffentlichkeitsarbeit unbezahlbar: Eine Ausstellung mit Katalog schließt die jeweiligen Studiengänge ab, deren Absolventen alle den Akademiebrief erhalten. Ein besonderes Angebot wendet sich an junge Leute, die sich an Hochschulen für Kunst-, Design- oder Architekturstudiengänge bewerben wollen: Reinhard Bienert leitet einen „Mappenkurs“ mitsamt Coaching fürs Aufnahmeverfahren.  

Das Zugpferd für all die namhaften Dozenten – um die immer noch im Raum stehende Frage endlich zu beantworten – heißt Rupert Fegg. Der Direktor der Akademie kann schon jetzt als echter Glücksgriff bezeichnet werden. Seine „Verpflichtung“ wiederum ist der Geistesgegenwart von Annette Werndl zu verdanken. Die Malerin war bis 2013 selbst Meisterschülerin an der Seite von Lüpertz – an einer Kunstakademie, die eben jener Rupert Fegg als Direktor seit 1995 geleitet hatte – bis man seiner Dienste überdrüssig wurde. Annette Werndl nun hatte nicht nur ein offenes Ohr für den alles andere als nach Ruhestand rufenden Elan des Trägers des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst. Als Ehefrau von Unternehmer Thomas Werndl, der zusammen mit seinem Bruder Klaus seit 2005 für die Wiederbelebung der Kolbermoorer Industriebrache „Alte Spinnerei“ verantwortlich zeichnet, wusste sie auch um einen letzten kleinen Makel in dem ansonsten fast vollendeten Projekt. Das noch leerstehende, ehemalige Verwaltergebäude des um 1860 erbauten Komplexes passte so gar nicht in das Bild des ansonsten vorbildlich, ja geradezu visionär sanierten Stadtteils. Loftwohnungen, Büroflächen, gehobene Gastronomie und Einzelhändler hatten Werndls in den Backsteingebäuden am Werkskanal-Ufer angesiedelt. Nur für den Würfel am östlichen Entree des Geländes hatte eine zündende Idee gefehlt. Bis Annette Werndl und Rupert Fegg auf den Plan traten.  

3,3 Millionen Euro hat Thomas Werndl in das Projekt investiert. Nun residiert im ersten Stock und unter dem ausgebauten Dach die Akademie, ins Erdgeschoss zieht passenderweise ein Boesner-Fachgeschäft für Atelier- und Künstlerbedarf ein. Rein äußerlich ist die Akademie ein klassisches „Produkt“ der Vollblut-Sanierer Werndl geworden. Einerseits erneuerten sie marodes Mauerwerk, setzten behutsame moderne Akzente; andererseits  erhielten sie markante, prägende Bausubstanz – in diesem Fall zum Beispiel das riesige Rundbogenfenster des früheren evangelischen Betsaals, mit seiner acht Meter hohen, wieder freigelegten Gewölbedecke unbestritten das Prunkstück des Gebäudes. Hier hat eines von vier lichtduchfluteten Ateliers seine Heimstatt gefunden. Insgesamt kontrastieren jetzt roher Beton und Stahl mit dem Sonnenuntergangsorange des Gebäudes – oder eben den Farben, die von den Leinwänden leuchten. Damit deren Ausdünstungen den Atemwegen nicht schaden, verfügen alle Unterrichtsräume über ausgeklügelte Belüftungssysteme. Die acht Zimmer für Schüler und Dozenten würden auch in einem Hotel von gehobenem Standard nicht negativ auffallen. Wirtschaftlich – und das mutet dann doch ungewöhnlich an für die gerade auch ob ihrer Geschäftstüchtigkeit bekannte Familie Werndl – wirtschaftlich steht und darf vorerst auch ein Fragezeichen hinter der Akademie stehen. Freilich soll sie langfristig kein Verlustgeschäft werden, dafür wird Anna Eisner – gebürtige Werndl und Diplombetriebswirtin – gewiss sorgen. Doch wissen die Geschäftsleute auch, dass Kunst und deren Förderung einen Wert an sich haben, dass die Region ungemein pofitieren wird von den ruhmreichen Lehrenden, die Rupert Fegg in die Mangfallstadt lockt.  

Einige Highlights für 2015 kann Rupert Fegg schon nennen. Während der neue Katalog in den Druck geht, hat er unter anderem bereits Zusagen von Professor Markus Oehlen, einem der Hauptvertreter der „Neuen Wilden“ und auch als Musiker (unter anderem „Fehlfarben“) bekannt; der niederösterreichische Pop Art- und Aktionismuskünstler Christian Ludwig Attersee wird sein Wissen genauso weitergeben wie dessen Landsmann Hubert Scheibl als ein Hauptvertreter der sogenannten „Neuen Malerei“. Die Kunst hat in Kolbermoor offensichtlich ein neues Zuhause gefunden. 

www.adbk-kolbermoor.de

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