Von Bienchen und Tüchern

Anna-Maria Stiefmüller

Fotos: Kumanu

Sie heißen Krümelkarl, Frischefritz und Pausenpaul. Und: Sie haben etwas gegen Plastik. Hinter den witzigen Namen dieser Produkte aus Bienenwachstuch stehen zwei Vordenkerinnen aus Tirol, die in ihrer Manufaktur Kumanu an smarten, nachhaltigen Verpackungsideen tüfteln.

Wenn Ulrike Knoblauch vom Kampf gegen die weltweite Plastikflut erzählt, ist ihr Ärger förmlich zu spüren. Die Zahlen sind so bedrückend wie gigantisch: Auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche treiben bis zu 18.000 Plastikteile. Allein im pazifischen Müllstrudel zwischen Kalifornien und Hawaii schwimmen geschätzt 79.000 Tonnen Abfall. Die Gesamtfläche des „Great Pacific Garbage Patch“, wie der Müllstrudel im Fachjargon genannt wird, ist in Summe viermal so groß wie Deutschland, oder zwanzigmal so groß wie Österreich. Der Blick in die Tiefe ist noch erschreckender. Denn 90 Prozent dieses Plastikmülls sinken auf den Meeresboden, zersetzen sich dort in immer winzigere Teile und landen so in den Organismen der Meeresbewohner. „Dabei wäre es so einfach, im Alltag auf Plastik zu verzichten“, meint Ulrikes Mitstreiterin Michaela Burger.

Das EU-Verbot von Einwegplastik ab 2021 sei ein absolut wichtiger und richtiger Schritt, betont sie. Aber auch Frischhaltefolie, Gefrierbeutel und Plastikboxen sind Ulrike und Michaela ein Dorn im Auge. Schließlich gibt es längst Alternativen. Und die haben ihren Ursprung im Bienenstock.

Vom geliebten Honig im Tee abgesehen, hatten die Tischlerin Ulrike und Einzelhandelskauffrau Michaela nicht wirklich Berührungspunkte mit Bienen. In der Vorweihnachtszeit 2017 sollte sich das ändern: Ulrike beschäftigte sich schon einige Zeit intensiv mit den Themen Nachhaltigkeit und Plastikvermeidung, als sie über die alte Tradition der Bienenwachstücher stolperte: Schon vor Generationen schlugen Tiroler Bäuerinnen Lebensmittel in Tüchern ein, die sie zuvor in Bienenwachs getränkt hatten. So blieben Brot und Gebäck, aber auch Obst und Gemüse länger frisch und vor Schädlingen geschützt.

Ulrikes erste Versuche, aus einem Stück Bienenwachs und einem alten Geschirrtuch ein solches Bienenwachstuch zu basteln, schlugen fehl. Gemäß dem Motto, „dass man nur einen Brief aufgibt“, tüftelte, dachte und recherchierte Ulrike weiter, beschenkte Freunde und Familie mit dem Resultat und konnte sich von einem Tag auf den anderen vor begeisterten Nachfragen, wo man denn noch mehr dieser Bienenwachstücher kaufen könnte, kaum noch retten. Ihre Manufaktur Kumanu war geboren. Mittlerweile werkeln acht Hände in der Werkstatt im Tiroler Ort Silz, neben Geschäftspartnerin Michaela packen auch Violetta und Karin ordentlich mit an.

Zu tun gibt es genug. Jährlich wandern mehr als 6.000 Bienenwachstücher über den (virtuellen) Ladentisch. Zu Frischefritz, wie Ulrike und Michi ihr klassisches Bienenwachstuch getauft hatten, gesellen sich mittlerweile auch Brotbeutel Krümelkarl, Brottuch Krustenkathi und ein Snackbeutel namens Pausenpaul. Der Selbermachersepp ist ein DIY-Set für alle, die sich selbst ein Bienenwachstuch machen wollen, Grillgünther stellt eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Grillanzündern dar. Neben den launigen Namen haben diese Produkte eines gemeinsam: Sie bestehen aus GOTS-zertifizierter Biobaumwolle, feinstem, nachhaltig hergestelltem Bienenwachs aus Österreich und edlem Jojoba-Öl. Überraschend vielseitig sind die Einsatzmöglichkeiten: Bis auf rohes Fleisch oder Fisch lassen sich beinahe alle Lebensmittel in Bienenwachstuch aufbewahren. Nach der Verwendung kann es einfach abgewischt und getrocknet werden, sogar in der Tiefkühltruhe macht es eine gute Figur. „Um pralle Sonne und Hitze oder den Geschirrspüler sollte man mit einem Bienenwachstuch aber einen großen Bogen machen, sonst schmilzt es davon“, rät Michaela. 

Inzwischen haben auch „die Großen“ das Potential von Bienenwachstüchern erkannt. Selbst in den Regalen von Discountern und Drogerieketten sind sie zu finden. Diese haben mit den Produkten von Kumanu freilich wenig zu tun. „Hochwertige Bienenwachstücher lassen sich bis dato nur von Hand herstellen“, erklärt Ulrike Knoblauch und meint weiter: „Außerdem spielt das richtige Verhältnis von Stoff, Wachs und Öl eine essentielle Rolle. Viele der am Massenmarkt erhältlichen Bienenwachstücher werden schnell spröde oder schmelzen zu leicht. Das macht sie natürlich unbrauchbar.“ Vorreiter auf dem Gebiet der Bienenwachstücher ist übrigens Australien. Aber von dort eines einfliegen zu lassen, ist nun wirklich nicht nachhaltig. Außerdem kann Innovation bekanntlich auch im Kleinen stattfinden. Besonders stolz ist Ulrike auf den Verschluss ihrer Brotbeutel. Inspiriert vom System, das offene Ende von Seesäcken zu rollen, umzuklappen und dann zu verschließen, lassen sich Krümelkarl und Pausenpaul im Handumdrehen flexibel auf- und wieder zu machen.

Die beiden Tirolerinnen haben schon weitere heiße Eisen im Feuer, ihre neueste Kreation ist eine Bienenwachstuchrolle, die sich ganz individuell zuschneiden lässt. Auch „Frischefrida“ wird sich bald zur Familie gesellen. „Sie sieht ein bisschen aus wie eine Duschhaube und lässt sich ganz einfach über Teigschüsseln oder Teller stülpen“, erklärt Ulrike. Der Vergleich ihrer Manufaktur mit einem Bienenstock ist nicht weit hergeholt: Geschäftig schwirren die beiden Zweifachmamas und Unternehmerinnen durch den großen Raum. Hier dampft ein Kessel mit geschmolzenem Wachs, dort warten stapelweise Pausenpauls und Frischefritze darauf, verpackt und verschickt zu werden. Und so werden Ulrike und Michaela zwischen Bienchen und Tüchern weder die Arbeit, noch die Ideen so schnell ausgehen.

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