Von 0 auf Dirndl in sechs Wochen

Christian Topel

Fotos: Christian Topel

Kaufen kann Jede. Unsere Autorin wollte es ein wenig exklusiver. Nach einem Dirndl-Nähkurs kann sie jetzt ein einzigartiges und noch dazu eigenhändig gefertiges Dirndl zur Schau tragen.

Die Näh-Sause im Keller des Rosenheimer Trachtenladens „Historicum“ beginnt mit einem Schock: „Ein Dirndl näht man immer zweimal. Zwischendrin werdet ihr es wieder komplett auftrennen.“ Wie bitte? Auftrennen? Die Ankündigung von Margit Haas fühlt sich an wie ein Achsenbruch auf der Autobahn zum selbstgenähten Dirndl. Schlau, dass die Schneiderin ihre Offenbarung gleich am ersten  Abend machte – unsere Motivation befand sich auf 180, Schokolade und Kaffee standen bereit und wir gut gelaunt in den Startlöchern.  

Meine Mission lautete: Als absoluter Neuling an der Nähmaschine nach sechs Wochen ein maßgeschneidertes, selbstgenähtes Dirndl nach Hause zu tragen. Ehe ich meine Mitnäherinnen kennenlernen und unsere Nähmaschinen losrattern durften, hatten wir eine gewaltige Hürde zu meistern: die Auswahl des Stoffes. Ein paar Meter Stoff kaufen – klingt erstmal wenig kompliziert, wird aber durch das unfassbare Stoffsortiment, dass Manuela Neumüller und Bettina Trudel im Historicum zusammengetragen haben, zu einer echten Geduldsprobe für männliche Begleitpersonen. 

Solche historischen Stoffe  habe ich bisher nirgendwo sonst gesehen. Unmöglich, eine schnelle Entscheidung zu treffen, während ich mich durch die wunderbare Ware wühle: Feinste Materialien; Muster, die weit über die üblichen Karos und Röslein hinausgehen; Farben von so lebensfroher Leuchtkraft, dass ich fast meine Sonnenbrille auspacke – kein Zweifel, ich schwebe selig durchs Schlaraffenland für Dirndlstoffe... Nach langem Hin und Her wähle ich einen braunen Oberstoff mit blauen Blümchen und einen blauen Schürzenstoff, rot geblümt. Dazu eine Schürzenschließe (kann mir nie merken, wohin die Schleife gehört) und putzige Knöpfe – endlich bin ich gerüstet für die erste Stunde.  

Freudig-gespannt wie ein Kind vor der Bescherung stieg ich dann in die gute Nähstube des Historicums hinab. Schritt zwei auf dem Weg zum Selbstgenähten: den Schnitt aussuchen. Schon beim Stöbern oben im Laden waren mir die für den Verkauf nach historischen Vorbildern geschneiderten fertigen Dirndl aufgefallen. So einen Stehkragen will ich auch! Nachdem ich mir aus alten Vorlagen ein Schnittmuster ausgesucht habe, vermisst mich Margit quasi nach Strich und Faden  und notiert sich die Maße. Nun pausen wir das Schnittmuster auf eine Folie ab, die wir  mit Stecknadeln auf das Material pinnen : Oberstoff, Futterstoff und Vlies zum stärken des Oberstoffes. Drei Mal rundherumgeschnitten, Vlies auf Oberstoff gebügelt – und Abend eins endet mit vielen kleinen Teilen, die ich in meiner Papiertüte nach Hause bringe. Daraus soll wirklich ein Dirndl werden?  Noch bestehen Zweifel. Meine Hausaufgabe erledige ich trotzdem gewissenhaft: Aus dem Rest des Stoffes Schrägstreifen schneiden. In dem Moment ahne ich noch nicht, wie viele Nerven mich  diese Stoffstreifen bald kosten werden...

Ein Paspol ist laut Wikipedia „ein schmaler, wulstiger Nahtbesatz an Kleidungsstücken.“ Und Paspole (auch Paspeln genannt) sollen wir mit Hilfe der Streifen einnähen. Was Wikipedia nicht verrät: Wie ungeheuer genau eine Paspel genäht werden muss, wie nah an der Kante die „Füßchen“ der Nähmaschine entlang trippeln müssen und wie man sich Fluch um Fluch verkneift, wenn man in die eingelegte Schnur gerät. Verflixt und zugenäht, sind Kurven vielleicht kompliziert, wenn da eine Schnur unter der Nadel liegt (leider unvermeidlich)! Ich muss mich zwangsläufig mit der unliebsamen Tätigkeit des Auftrennens anfreunden, halte am Ende des Abends aber doch das vollbrachte Werk in Händen: in Rückennähte, Kragen und Armausschnitten eingenähte Paspole. Und die wirken tip-top – dank Margit, die mit Engelsgeduld von Teilnehmerin zu Teilnehmerin schlendert, berät, zur Not ein wenig zur Hand geht und – besonders wichtig – aufflammende Selbstkritik mit literweise Lob löscht. Geheuchelt kommt dabei gar nix rüber. Die Schneidermeisterin ist eine ehrliche Haut, die sich über jeden Erfolg ihrer Schützlinge freut – sogar, wenn sich der Erfolg erst spät am Abend einstellen will, ist von Margit kein Murren zu hören. „Wir werfen keine hochkant raus, wenn sie gerade mitten im Nähen ist“, hatte Historicum-Chefin Manuela gesagt, und nicht zu viel versprochen! Ein weiterer großer Pluspunkt: Die Größe, besser gesagt, Winzigkeit unserer Gruppe. Niemand kommt je zu kurz. Obwohl wir, ganz ehrlich, eine Menge Betreuung brauchen... 

Langsam nimmt mein Werk Gestalt an. Ich staune, aus wie vielen Einzelteilen so ein Dirndl besteht: Rock, zwei Vorderteile, drei Rückteile, Kragen – und da sind Futterstoff und Vlies noch gar nicht eingerechnet. Die Teile nähen wir zuerst nur grob zusammen. Danach folgt der angekündigte Seelenschmerz: alles auf Anfang. Aber hilft ja nix, würden wir nicht nochmal abstecken und nochmal auftrennen, um daraufhin mit einem engeren Steppstich wieder alles zusammenzunähen, würde das Dirndl nicht perfekt passen.  

Den krönenden Abschluss bilden die Knopflöcher. Wir machen sie mit Margits Maschine, die man komplett automatisch einstellen kann. Breite und Länge müssen wir jedoch mit Geodreieck und Grips vermessen und errechnen. Die blöden Löchlein bereiten mir ernsthafte Probleme. Warum zur Hölle kann man keinen Reißverschluss  verwenden, frage ich mich, fluchend und scherzend zugleich. Nicht einmal die voll automatische Maschine gehorcht mir an diesem Abend. Die Knopflöcher geraten zu kurz oder zu lang (erkennbar am Steg) und das nicht einmal durchgängig falsch, sondern mal so, mal so.  Meine Knopflöcher mögen mich nicht. Ich sitze an meinem Platz und bearbeite die „verhunzten“ Löcher mit dem Auftrennwerkzeug (das glücklicherweise zur Grundaustattung einer jeden Nähmaschine gehört). Die kurzen, engen Stiche rauben mir den letzten Nerv. Und das so kurz vor dem Ziel! Glücklicherweise habe ich das Auftrennen dann doch irgendwann geschafft und Margit übernimmt die volle Knopfloch-Verantwortung. Jetzt nur noch zwischen den Nähten aufschneiden, fertig. Anhand dieser Löcher bestimmen wir logischerweise  gleich die Platzierung meiner Knöpfe, die ich wundervoll finde und deren Anblick mich mit der furchtbaren Fummelei beim Annähen versöhnt. Ohnehin ist das Gefühl, zum ersten Mal in das eigenhändig gefertige Dirndl zu steigen, unbeschreiblich. Es passt wie angegossen, alles hält – hach, wer braucht schon Jeans, wenn man sowas haben kann? 

So im Nachinein: Was habe ich eigentlich gelernt? Einen Haufen Sticheinstellungen an der Nähmaschine zum Beispiel, und natürlich deren Handhabung; dass Knopflöcher doof sind;  oder dass Nähen auch ganz viel Bügeln bedeutet. Tatsächlich habe ich in den sechs Wochen des Nähkurses so viel gebügelt wie vermutlich mein ganzes Leben nicht. Stoff glattbügeln, Kanten einbügeln, Nahtzugaben auseinanderbügeln... Künftig werde ich sofort an diesen Nähkurs denken müssen, wenn ich den süßlich-schwülen Geruch eines  Dampf-Bügeleisens in die Nase bekomme.  

Überrascht war ich als unbedarfte Näh-Novizin auch von der relativ häufigen Handarbeit. Der Rocksaum zum Beispiel hat die Nähmaschine nie kennengelernt. Nur in zwei Fäden des Stoffs eingenäht bete ich inbrünstig,  niemals draufzutreten! Die Nahtzugaben zu verstecken, entpuppte sich ebenfalls als reinste Handarbeit, und über die Knöpfe möchte ich kein Wort mehr verlieren. Die sechs Abende vergingen wie ihm Flug, obwohl wir teilweise bis spät in die nacht nähten und bügelten und fluchten und lachten.  Unsere Dirndl finden wir fantastisch. Ob mit oder ohne Stehkragen, mit oder ohne Schößchen, zweiteilig oder einteilig; ob Schürze mit Bändern oder ohne, ordentlich in Falten gelegt oder per Faden gezogen: Jede von uns Vieren kann jetzt ein einzigartiges und selbstgenähtes Dirndl zur Schau tragen.

Historicum

Tel.: +49 (0)8031- 6145041

www.historicum-tracht.de

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