Vom Mehlstaub zum Milchschaum – Kaffee für Fortgeschrittene

Lily Wolf

Fotos: Lily Wolf

Kaffeeklatsch mal anders: Eine neue Themenführung durch die Rosenheimer Kunstmühle macht Industriegeschichte lebendig und kostbar.

„Ach so!“ – die Kunstmühle trägt ihren Namen gar nicht wegen der Gemälde und Skulpturen, die in den hohen Räumen hängen oder stehen; sondern daher, dass Anfang des 20. Jahrhunderts in der Getreidemühle erstmals mittels Wasserkraft „künstlich“ Energie erzeugt wurde, die dazu diente, die Turbinen der Mühle anzutreiben. Wieder etwas gelernt, denke ich, während ich der Stadtführerin Maria Wohlfahrt lausche, die einer wild zusammen gewürfelten Schar interessante Details zur Gründerzeit und Anekdoten aus über 100 Jahren „Kunstmühle“ erzählt. Das Programm der neuen Themenstadtführung klingt köstlich: „Rundgang über das Kunstmühlengelände mit Turmbesteigung, Kaffeeduft und exklusivem Kaffeemenü“.   

Häppchenweise nähern wir uns dem „Hauptgang“, also jenem exklusiven Kaffeemenü – doch zunächst heißt es lernen, riechen und genießen. Aber der Reihe nach! Industriedenkmal nennt Maria Wolfahrt die Kunstmühle. Für mich war sie bislang nur eine lässige Location zum Brunchen in ausgefallener Industriearchitektur – aber okay, spätestens wenn man die Stahltrichter betrachtet, die wie umgedrehte Riesen-Toblerone über den Köpfen der Gäste hängen, vermutet man, dass dieses Gebäude ein bewegtes Leben hatte. Teil seiner Geschichte ist sogar eine der heutigen Teilnehmerinnen! Vor über 60 Jahren war sie in der Mühle beschäftigt und wandelt nun auf alten Pfaden, wenn auch ohne Kittel und Haarschutz. Eher eine Mütze ist gefragt, als wir der Stadtführerin rund um die Kunstmühle folgen, die als Getreidemehl- und als Futtermittelfabrik die Industrialisierung in Rosenheim widerspiegelt. Wir schlendern vorbei an der legendären Wasserturbine, die damals als Innovation galt. 20 Mitarbeiter erzeugten von 1906 an über 50 Tonnen des bekannten Rosenmehls. Schon wieder ein „Aha-Erlebnis“, denn das Mehl mit dem roten Logo wanderte bereits mehrmals in meinen Einkaufswagen, ohne dass ich den Zusammenhang zwischen Rosenheim und der Kunstmühle entdeckt hätte. Heute ist für das Rosenmehl übrigens die Landshuter Mühle verantwortlich – aber das nur am Rande, denn endlich geht es auf den Turm.  

Auf das Highlight für viele der kulturinteressierten Kaffeeliebhaber bin auch ich gespannt. Erwartungsvoll steigen wir die Stufen des 54 Meter hohen Turms empor – vorbei am Aufzug (!), vorbei an original erhaltenen Stahlträgern des heutigen Treppenhauses, das dereinst eines der Silos war und im imposanten Dachstuhl endet. Etwas Besonderes, hier hoch kommt man sonst nie! Der Blick schweift über den Wendelstein, über den Mangfallkanal bis zur Alten Spinnerei in Kolbermoor, über den Rosenheimer Bahnhof vorbei an der St. Nikolaus Kirche und zurück Richtung Alpen. Früher, erinnert sich ein  Teilnehmer, der, wie sich herausstellt, an der Renovierung des in den 90er Jahren ziemlich heruntergekommenen Gebäudes beteiligt war, sei der ganze Turm ein Silotrakt mit 25 Metern hohen Schächten gewesen, gefüllt mit unterschiedlichen Zutaten. Er galt aufgrund der amerikanischen Stahlbauweise als bauliches Meisterwerk und vervollständigte 1916 die seit 1855 bestehende, zu dem zeitpunkt größte Mühle im Süddeutschen Raum.  

Nach Futter für den Geist wird es Zeit, sich echtem Futter zu widmen. Unten im Kaffeehaus Dinzler empfangen uns Stimmengewirr, klappernde Tassen, umherschwirrende Kellner und ein  Hauch von Kaffee-Duft. In gediegener Loftatmosphäre geht es nicht mehr um Mehl, sondern um Kaffee.

René Kalisch, Betriebsleiter, bekennender Kaffeefilter-Fan und Sprachrohr der Dinzler-Röster geleitet uns ins Herz der Kunstmühle – in die Kaffeegrube mit Röstmaschine. Hier führt uns René in die Welt des Kaffees ein. Woher kommen die Kaffeebohnen? Was hat es mit Elefantenbohnen auf sich? (Die heißen nur so, weil sie größer sind als Klassiker wie die Arabica Bohne.) Was haben Ziegen mit Kaffee zu tun? Und Kirschen? Und Gurken? Wie sieht die Arbeit eines Kaffeerösters aus? Spannend – doch schön langsam möchte ich etwas kosten! Wie wär´s mit einer „Degustation“ – die  Anspielung an Wein kommt nicht von ungefähr, auch der Anbau der braunen Bohne ist ein komplexes Unterfangen. Lage, Boden, Wetter, Ernte – alles nehme Einfluss, so René, und die einzelnen Kaffeesorten verhalten sich dem Gaumen gegenüber ebenso komplex wie gegenüber  dem Züchter. Ein paar Worte zur Erfolgsgeschichte des Dinzler Kaffees, zum sozialen Engagement des Unternehmens und der Philosophie der dahinter stehenden Familie Richter dürfen natürlich  nicht fehlen, klar.

Richters, erfahren wir, übernahmen 1998 die Kaffeerösterei von Klaus Dinzler in Bischofswiesen und verlegten sie zwei Jahre später nach Rosenheim. Dort duftete bald die ganze Nachbarschaft nach Kaffee, und mit selbstgemachten Köstlichkeiten lockten Mama und Tochter Richter zusätzlich Kaffee-Freunde in die ehemalige Fabrikhalle mitten in der Stadt. Der Platz reichte bald nicht mehr aus, und so entstand 2004 mit der Kunstmühle ein neuer Standort. Nach wie vor wird der nachhaltige  Kaffee von Hand geerntet, fürsorglich nach den besten Kaffeekirschen getrennt, überdurchschnittlich lange getrocknet, fermentiert und veredelt. Durch die langsame und schonende  Langzeittrommelröstung kann sich das Aroma jeden Kaffees perfekt entfalten. Dabei werden die Bohnen bei Temperaturen von 90bis 180 Grad von heißer Luft umspült, wodurch sie ihre gleichmäßige Farbe und ihr unverwechselbares Aroma erhalten.

Dann darf der Gaumen endlich mitreden! Wir kosten verschiedene Kaffeebohnen. Rund 100 verschiedene Sorten gibt es, das Lieblingsgetränk der Deutschen basiert jedoch meist auf den beiden bekanntesten Pflanzen Coffea arabica und Coffea canephora, besser bekannt als Robusta-Pflanze. Zwischenfrage: Was ist eigentlich das Spezielle am Espresso? „Sein typisches Aroma entsteht durch die dunkle Röstung der Bohnen, den hohen Wasserdruck bei der Zubereitung und das besonders fein gemahlene Kaffeemehl“, erklärt der Experte. Mit Mineralwasser gebrüht, verrät René, schmecke der Espresso oder der Kaffee am echtesten. Je nach Bohne fruchtig, mild, samt, nach herbstsüßer Schokolade oder nach einer dezente Note von Mandeln…

Die Leidenschaft für die braune Bohne teilen alle Teilnehmer – wobei die Damen eher an praktischen Alltagsinformationen interessiert sind (Gehört Kaffee in den Kühlschrank?), die Herren lieber technische Details wissen wollen – vom optimalen Härtegrad kalkhaltigen Wassers über den  Unterschied von Plastik- zu Keramikfiltern bis zum Einfluss des Rosenheimer Wetters auf den Geschmack.

Apropos Geschmack: Das Beste kommt hoffentlich zum Schluss – in Gestalt eines dreigängigen Kaffeemenüs. Etwas skeptisch bin ich schon. Wird das eine Vergewaltigung der Speisen mit Kaffee, nur damit sie zum Thema passen? Trinken wir zu jedem Gang einen anderen Kaffee? Testen wir verschiedene Bohnen, wie bei einem Weinseminar? Die Skepsis kann ich schnell ad acta legen. Herz und Geschmackssinn gehen schon beim ersten Gang auf. Der exotisch klingende „Cappuccino von der Süßkartoffel mit Kaffee und Kokos“ entpuppt sich als geniale Harmonie der vermeintlich nicht zusammenpassenden Zutaten. Die angenehme, cremige Textur überrascht mit feiner Kaffeenote, ohne aufdringlich zu sein. Meine Geschmacksneugier ist geweckt. Kann der zweite Gang diese Komposition toppen? Angerichtet wie im Sternelokal erreicht mich das „Lachsfilet auf Mangorisotto mit weißem Kaffeeschaum, dazu glasierte Zuckerschoten“. Der vorzüglich zarte Fisch wird vom weißen Kaffeeschaum nur ein klein wenig berührt. Es entsteht ein interessantes Zusammenspiel, bei dem sich der Kaffee bescheiden im Hintergrund hält und doch präsent ist. Sehr fein abgestimmt! Beim „rosa gebratenen Kalbsrücken mit Babyspinat und Kaffee-Gnocchi“ haben ganze Kaffeebohnen ihren Auftritt. Sie verstecken sich unter den weißen Gnocchi und sorgen auch hier für einen angenehmen Kaffeegeschmack. Ein klassisches „Marocchino-Moussé mit Mandelkrokant“ rundet das Menü ab. Wir sind uns alle einig: Diese Stadtführung für alle Sinne lohnt sich!

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