Viel Lärm ums Christkind

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Von wegen „staade Zeit“. Vor allem im Berchtesgadener Land knallt´s rund um Weihnachten gewaltig. Wolfgang Pfnür und seine Familie bauen jene „Instrumente“, deren kolossaler Klang so manchen bayerischen Brauch untermalt.

Die Madonna von Maria Gern muss taub sein. In unmittelbarer Nachbarschaft des Wallfahrtskirchleins auf dem Reitbichl, einem kleinen Hügel am südwestlichen Fuße der Berchtesgadener Kneifelspitze, geht Familie Pfnür ihrem Handwerk nach. Ein Handwerk, das man augenzwinkernd als Krawallmachen bezeichnen kann. Wenn eines der Modelle aus der in den Fels gesprengten Werkstatt zum Einsatz kommt, zerreißt ein Donnerschlag die Stille des Talkessels zwischen Untersberg im Norden und Watzmannmassiv im Süden. Pfnürs bauen Böller und Kanonen.

Wer so etwas benutzt? Nun, weitaus mehr Menschen, als sich so mancher Großstädter vorstellen kann. Hochzeiten, Kirchweih, Rauhnächte, Sonnwend, Heiligabend oder Neujahr; christliche, heidnische oder weltliche Feiertage: erst ein ordentlicher Rumms macht die Angelegenheit so richtig rund. Böllerschüsse gehören in Berchtesgaden (und nicht nur dort) seit Jahrhunderten zum Brauchtum wie das Gnadenbild zur genannten Kirche. Allein die 17 Vereine der „Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes“ stellen weit über 3.000 Mitglieder. Die läuten, besser gesagt, böllern beim alljährlichen „Christkindlanschießen“ von 17. Dezember an die Weihnachtszeit ein. Mit einem täglichen, weithin hörbaren Salut.

1978 fing der gelernte Werkzeugmacher Franz Pfnür mit der Herstellung einfacher Böller an. Zuerst noch in der Hausgarage hantierend wuchsen mit der Nachfrage bald auch Werkstatt und Modellpalette: Handböller, Schaftböller, dreischüssige Schaftböller, Salut- und Böllergewehre, Hinterlader- und Kartuschenkanonen, Standböller oder Mörser – was das Ohr begehrt, gehört heute zum Sortiment. Sogar eigene Holzwagenräder stellt der „Böller- und Kanonenbau Pfnür“ her, wie früher wird dabei der Reif glühend aufgeschrumpft. Konfektionsware gibt´s nicht bei Pfnürs, weil sie nicht per CNC fräsen, dafür verschiedenste Schnitzereien und  Gravuren anbringen. Bei den Handböllern können Griffgröße und Lage des Abzugs gar der Hand angepasst werden – von Pranke bis Pfötchen bleibt niemandem das Lärmen verwehrt.

„Es gab weit und breit keinen anderen Anbieter“, begründet der Seniorchef seinen Einstieg ins „Waffengeschäft“ – das man natürlich keinesfalls so betiteln darf. „Böller zählen gesetzlich nicht zu den Waffen“, sagt Sohn und Metallbaumeister Wolfgang Pfnür, der das Unternehmen vor gut zehn Jahren übernommen hat. Dementsprechend bedarf es zum fröhlichen Böllern keines Waffenscheins – wohl aber einer Erlaubnis im Rahmen des Sprenggesetzes. Schließlich geht mit Schwarzpulver um, wer einen Böller abfeuert; und es gilt auf Sicherheitsabstände und ausreichend Gehörschutz zu achten. Nicht zuletzt muss das Beschussamt für jeden einzelnen Böller eine Beschussbescheinigung erteilen. Immerhin, zwinkert Wolfgang, braucht´s heutzutage zum Losböllern keine Genehmigung von Gemeinde oder Polizei mehr. (Lediglich informiert wollen die Behörden werden.)

Je nach Größe und Ausstattung bauen die drei Pfnürs bis zu 20 Stunden an einem Böller. Drei Pfnürs? In der Tat. Denn Vater Franz  sägt und drechselt und raspelt und schleift nach wie vor fleißig mit, inzwischen sitzt halt eine Brille auf der Nase. (Die hohe Stirn  teilen Vater und Sohn). Und Wolfgangs Frau Kathi steht nicht (nur) zur Zierde in der Werkstatt, sondern sorgt als waschechte Holzbildhauerin für die liebevollen Verzierungen. Die schnitzt  und meißelt und beizt sie ins gut abgelagerte, seidenglanzlackierte Walnussholz, das ausnahmslos Verwendung findet. Nur die Walnuss weise eine ausreichende Härte bei gleichzeitiger Biegsamkeit auf, erzählt Kathi, während sie jenes Edelweißmuster in den Schaft des „Idefix“ ritzt, das nur Selbstabholer zu sehen bekommen. Ein bisserl Exklusivität für ihre Gäste dort droben darf es schon sein! Idefix haben Pfnürs in Anlehnung an den niedlichen Comic-Kläffer den Knirps unter ihren Schaftböllern getauft. Den eigenen Hund rufen sie Barney. Der edle Rüde beschnuppert Besucher mit der neugierigen  Gelassenheit eines Bergbewohners. Drüben, im mittleren von drei Räumen, bohrt Wolfgang indessen ein Loch in ein dickes Edelstahlrohr, das einmal einen Lauf abgeben wird. Im Gegensatz zu echten Waffen wirkt so ein Böller eher gedrungen. Mehr Obelix als Modellathlet. Beim Böllern geht´s ja auch nicht um Schnelligkeit oder Eleganz, sondern um Lautstärke. Damit die Felswände so richtig wackeln, stopft man zuerst Schwarzpulver in die Böller (meist Vorderlader) – je nach Kaliber zwischen 15 und 400 Gramm. Dann gelte es, das Schwarzpulver schön festzupressen, betont Wolfgang. Genormter Korken  drauf, fertig. Als man ganz schön schnaubt beim Anheben des fast 20 Kilogramm wiegenden Kolosses, klärt Kathi nebenbei über die Herkunft eines geläufigen Sprichworts auf. „Geschossen“, grinst sie, „wird locker aus der Hüfte.“ Rumms!

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