Vergessene Welt

Christian Topel

Fotos: istock

Winter. Still und starr liegt nicht nur der See, auch der eigene Garten gerät monatelang in Vergessenheit – ignoriert als entweder welke oder verschneite Ödnis. Dabei kann ein Garten gerade in der kalten Jahreszeit einen ganz besonderen Charme entwickeln. 

Das Funkeln verschneiter Berghänge; das Glitzern gefrorener Seen; der matte Glanz auf von Raureif überzogenen Feldern: Im Winter mag sich die Natur von ihrer kargen Seite zeigen, doch wohnt dieser Kargheit ein ganz eigener Zauber inne. Ein Zauber, den wir auf Spaziergängen entdecken, während Schneeschuhwanderungen oder aus dem Skilift heraus. Die wenigsten denken bei der Faszination der vierten Jahreszeit an den eigenen Garten – geschweige denn, dass sie seinen winterlichen Anblick genießen. Kein Wunder, schließlich haben sie schon bei der Planung und Gestaltung völlig vernachlässigt, auch jene Monate zu bedenken, in denen es nicht grünt und blüht, in denen nichts wächst und gedeiht. Dabei steckt ungemein viel Potenzial im „Wintergarten“. Wer ein paar einfache Kniffe anwendet, muss künftig nicht mehr in die Ferne schweifen. Plötzlich liegt das Winterwunderland direkt vor dem Fenster.

Keine Blätter mehr an den Bäumen, keine Blumen im Beet, im Idealfall bedeckt Schnee den Rasen – im Winter beherrschen weite Flächen das Geschehen. Ein Geschehen, dem man optisch enorm viel Spannung verleihen kann, wenn man beim Gartendesign ein wenig Geometrie walten lässt. Geordnete Strukturen und klare Linien können die ansonsten langweilig wirkende Landschaft ordnen und dem Auge Halt geben. Das beginnt schon an der Grundstücksgrenze: Eine Hecke holt den Horizont ans Haus und verleiht der unendlich-weißen Weite behagliche Räumlichkeit. Ohnehin sind große Gehölze angenehme Fixpunkte für den umherschweifenden Blick. Während im Sommer eine kunterbunte Blütenpracht für Entzücken sorgt, beeindruckt im Winter die Ordnung kunstvoller Gleichförmigkeit. Besonders immergrüne Formgehölze wie der Buchsbaum eignen sich, um in Reih‘ und Glied gepflanzt zu werden und – zu Kugeln oder anderen Formen gestutzt – wie schneebemützte Wächter des Gartens zu wirken. So ein paar grüne Linien oder Punkte beweisen auch, was der Volksmund meint, wenn er sagt: Grün sei die Farbe der Hoffnung. Irgendwann, so die Botschaft, endet selbst der härteste Winter. Kirschlorbeer, Efeu, Rhododendron, Nadelhölzer  oder der exotische Bambus setzen grüne Akzente. Gewisse Bodendecker wie die Goldbeere oder das Kleine Immergrün sorgen nicht zuletzt für eine Art Wellengang im vormals all zu ruhigen Gewässer einer planen Schneefläche. Sie eignen sich zum Beispiel bestens als Beeteinfassung. 

Dieses Prinzip der niedlichen Schneehäubchen lässt sich gut auf architektonische Elemente erweitern. Selbst in schneearmen Wintern: Eine Pergola, ein Ziermäuerchen oder die Stufen einer Steintreppe entwickeln regelrecht Starappeal, wenn ihnen der üppige Pflanzenwuchs des Sommers nicht die Show stiehlt. Plötzlich fallen Details wie filigrane Formen oder geschwungene Ornamente viel deutlicher ins Auge. Fast märchenhaft mutet es an, wenn Raureif sich wie eine aus Frost geborene Pflanze an Gittern oder Eisenstäben emporrankt und geheimnisvoll in der Morgensonne glitzert. Dezent platziert verstärken Skulpturen die Anmutung einer verwunschenen Welt. Nicht zu mächtig sollten sie sein und zum Stil des gesamten Ensembles passen, dann entpuppen sie sich als heimliche Herrscher des Gartens.

Was wäre ein Herrscher ohne seinen Hofstaat? Während in den warmen Monaten der gesamte Adel in herrlicher Blütenpracht salutiert, bleibt der Winter einigen wenigen, hartgesottenen Exemplaren vorbehalten. Das Völkchen der Winterblüher ist ein überschauberer Haufen an Exzentrikern, die für feurige Farbtupfer sorgen. Winterjasmin windet sich – mit entsprechender Rankhilfe – an Hauswänden empor und taucht sie mit gelben Blüten um die Weihnachtszeit herum in ein Flammenmeer. Gleiche Zeit, dezenter im Auftritt: die Christrose, die als immergrüne Pflanze schneeweiße Blüten zur Schau trägt. Blühende Sträucher wirken wie aus der Zeit gefallen, als könne ihnen der Kalender nichts anhaben. Hamamelis (die Zaubernuss) oder der Winterschneeball bekennen Farbe, wenn die Welt ringsum längst welkt.

Um die Farbthematik auf die Spitze zu treiben, taugen Sträucher, deren blutrote Beeren sich weithin vom Hintergrund eines verschneiten Gartens absetzen. Die Vogelbeere oder der Gemeine Schneeball leuchten so verlockend, dass man am liebsten von ihnen naschen möchte. Doch Vorsicht: Die Beeren sind nur bei fachgerechter Zubereitung und richtigem Erntezeitpunkt genießbar! Ebenfalls recht hübsch, doch mit Vorsicht – und erst nach den ersten frostigen Tagen – zu genießen, ist manches Wildobst wie Mispel oder Schlehe. Erstere stammt ursprünglich aus dem Orient, war hierzulande im Mittelalter weit verbreitet, zierte später so manchen Bauerngarten, geriet aber fast in Vergessenheit. Letztere – auch als Schlehdorn bekannt – ist eine heimische Wildpflaume. Lila leuchten die possierlichen Früchte, die nach den ersten Nachtfrösten ihren herb-aromatischen Geschmack entwickeln.  

Ein Dorn im Namen scheint grundsätzlich für winterliche Strahlkraft zu stehen: Allein die unterschiedlichen Sorten des Feuerdorns (Pyracantha) lodern von Gelb über Orange bis hin zu Rot. Nicht zu vergessen der Sanddorn mit seinen orangegelben bis orangeroten Früchten, die – kerngesund – zwar schon ab dem Spätsommer erntereif wären, in der weißen Jahreszeit jedoch einen frischen Farbaspekt in den Garten bringen. Ein echter (dornenloser) Geheimtipp unter den kleinen farbenfrohen Gehölzen ist übrigens der Liebesperlenstrauch mit seinen seltenen violett leuchtenden Beeren.

Sind nachts nicht alle Gärten grau – Sommer wie Winter? Weit gefehlt! Hat man sich tagsüber an den Winterblüten und späten Beeren erfreut, kann man den winterlichen Garten mit Hilfe einiger künstlicher Lampen oder Lichter Romantik einhauchen. Dabei geht es nicht um die kitschige Festbeleuchtung, die aus Amerika schon in manchen heimischen Garten geschwappt ist; vielmehr vermögen gerade vereinzelte Lampions in diesem oder jenem Baum oder auch von Ast zu Ast gespannte Lichterketten, eine heimelige Atmosphäre zu erschaffen. Rein optisch reicht der Anblick des zwar eisigen, doch warm beleuchteten Gartens sogar an die gemütliche Kraft eines Kaminfeuers heran.

Klingt alles nach irre viel Aufwand? Dann dürfen sich zu guter Letzt die Freunde gepflegter Unordnung beziehungsweise der kultivierten Faulheit ins Fäustchen lachen. Denn eine clevere Bepflanzung kann herbstliche Aufräumarbeiten obsolet machen und für winterliche Hingucker sorgen. Einfach mal nicht zurückschneiden oder stutzen: Mannshohe Ziergräser und Stauden mit verwelkten Blüten werden raureifbedeckt vom Grüngut für den Komposthaufen zur attraktiven Zierde.

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