Verfilzt und zugenäht

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

In den Aschauer LPJ Studios fertigt das Team um die Designerin Hedwig Bouley aus Textilresten avantgardistische Wohnaccessoires.

„Mode ist anstrengend geworden“, sagt Hedwig Bouley. Und die muss es wissen. Immerhin designt die Dame mit dem schwarzen Bubikopf und den weißen Turnschuhen seit gut und gern 30 Jahren für namhafte Modehäuser. René Lezard, Marc O’Polo, Strenesse – da darf man schon von „Crème de la Crème“ sprechen. Wir stehen in ihrem Wohnzimmer, als sie erzählt, was ihr heutzutage gegen den Strich geht in der Branche und warum sie sich mehr und mehr auf ihr eigenes Projekt namens „LPJ“ konzentriert. Dass wildfremde Menschen durch den privaten Teil ihres am Rande von Aschau im Chiemgau gelegenen Hauses spazieren, gehört für Hedwig Bouley zum Alltag. Als „Concept house“ bezeichnet sie das Gebäude, das vor dem Einzug der fünfköpfigen Familie kurz vor der Jahrtausendwende als Bettenhaus der nahen Mutter-Kind-Klinik gedient hat. Die Tochter eines Ravensburger Hoteliers pflanzte in die selbst nicht bewohnten Räumlichkeiten zunächst Ferienwohnungen. Mit den Jahren wichen diese dann nach und nach der eigenen Designagentur mitsamt Atelier.

Stofflager im Keller, Schreibtische, Nähmaschinen und Webstuhl im Erdgeschoss sowie die auch für Besucher offenstehende Wohnung im ersten Stock – so präsentieren sich die LPJ Studios heute. Die Buchstaben stehen für Lisa, Paul und Josef, Bouleys Kinder. Denen möchte sie mit dem Projekt nicht nur eine Zukunft bieten (in unterschiedlichen Bereichen bringt sich das Trio bereits mit ein), sie stünden auch exemplarisch für eine Generation, die langsam umzudenken beginne, so Bouley. Folgerichtig lautet das große Thema von LPJ: Nachhaltigkeit. An dieser Stelle knüpft das Gespräch an den eingangs erwähnten Wahnsinn in der Modeindustrie an. Früher, sagt die Designerin, habe Kleidung einen anderen Stellenwert genossen. Kunden hätten die Kollektionen wertgeschätzt; man habe weniger gekauft, besondere Teile dafür mit Stolz jahrelang getragen. Dann kamen Ketten von H&M bis Zara und erhöhten einerseits die Stückzahlen, anderseits das Tempo. Die fatale Konsequenz: Alle paar Wochen erscheinen neue Kollektionen, in den Läden türmen sich Berge an Klamotten. „Wer soll das alles kaufen?“, fragt Bouley, wissend, dass damit nur die Spitze des Eisbergs abgebildet ist.

Der Modemüllberg, erklärt Bouley, wachse auch an anderer Stelle, in einem für Verbraucher unsichtbaren Bereich. Bevor auf den Laufstegen in Mailand, Paris und New York die neuesten Trends ans Tageslicht treten, streunen die Designer über Stoffmessen. Dort suchen sie nach schicken, zur eigenen Linie passenden Materialien, während die Unternehmen aus der Stoffindustrie ihre Textilien an Mann oder Frau bringen wollen. Die von Bouley und Co. begutachteten Stricklaschen oder Stoffcoupons landen anschließend allesamt in der Tonne. Und zwar tonnenweise! Rund 240.000 solcher kleiner Kaschmir-, Leinen-, Samt oder Seidenmuster werden alljährlich weggeworfen. Für Hedwig Bouley ein unerträglicher Zustand. 2014 beschließt sie, aus der Verschwendung eine Tugend zu machen. Sie und ihr Team beginnen, aus den Textilresten avantgardistische Wohnaccessoires zu fertigen. „Wir touren durch ganz Deutschland und sammeln das Zeug ein. Manche Häuser beliefern uns mittlerweile sogar“, sagt die 53-Jährige. Bei einem Rundgang durchs Haus lässt sich eine ganze Reihe der aus diesem Up- und Recycleprozess entstehenden Stücke entdecken. Auf Möbeln, auf dem Boden, an Wänden – in Wohnsituationen eben, für die sie nach dem Verkauf vorgesehen sind. Wahrlich ein Concept-Haushalt.

Lassen wir den Blick also streifen. Vor der breiten Fensterfront etwa baumelt eine extravagante Hängematte. Vom Grundprinzip her ein aus verschiedenen schwarzen und grauen Stoffen gewebter Teppich, jedoch mit Eichenholz und Stahl eingefasst und über robuste Seile an einem Deckenbalken befestigt. Auf Sessel und Sofa laden Decken zum Kuscheln ein: eine flauschige aus recyceltem, auf einer Seite gefilzten Kaschmirgarn beispielsweise; oder ein deutlich grobmaschigeres Modell, auch aus Kaschmirgarn, das in Italien aus Resten gesponnen, im Chiemgau von Hand verstrickt und mit kupfernen Lurexfäden optisch veredelt wurde. Die Ur-Mutter all jener Variationen, verrät uns Hedwig Bouley, sei ein auf den erwähnten Stricklaschen basierendes, auf ganz besondere Weise zusammengesetztes Patchwork-Plaid gewesen, zu dem sie passenderweise die eigene Mutter inspiriert habe. „Die webte sogar aus alten Strickstrumpfhosen Teppiche“, erinnert sich Bouley. Freilich besteht das Flickwerk aus Designerhand aus deutlich edleren Materialien und verzückt obendrein durch einen besonderen Clou: Ob Teppich oder Plaid – die sogenannte Needle-Punch-Technik, eine Form des Kaltfilzens, verbindet die einzelnen Laschen quasi nahtlos. Auch das Meisterstück des Aschauer Labels kommt durch diese Technik zustande. Wandteppiche namens „`P` Rug“, in die ausrangierte Pullover „eingeschmolzen“ werden, eine einzigartige Mixtur aus recycelter Mode, Interieur und Kunst.

Treppab knarzt indessen ein alter Webstuhl. Rund 150 Jahre soll er auf dem Buckel haben. Auf ihm webt, wer immer gerade Muse hat, kleine Teppichmuster. Anders als die klassischen, eher kunterbunten Fleckerlteppiche versucht LPJ, möglichst monochrom zu arbeiten. Wenn  Kunden – Privatpersonen, inzwischen aber auch mehr und mehr Hotels – ein Muster abgesegnet haben, wandert es ins Allgäu, wo ein befreundeter Weber das Pendant in groß fertigt. Die in dieser Form einzigartigen Plaids und Decken hingegen fügt ein Italiener auf einer eigens konstruierten Punchmaschine zusammen. Um das gute Stück mache der Mann solch ein Geheimnis, dass sie es noch nie zu Gesicht bekam, schmunzelt Bouley. Noch fährt sie zweigleisig. Macht nach wie vor Konfektion, wie sie es ausdrückt, und entwickelt parallel neue Produkte für LPJ: Kissen, folierte Wäschetaschen oder zuletzt drei putzige Stoffmonster, die sich zu einer Liegefläche zusammenstecken lassen. Auf absehbare Zeit soll sich die ambitionierte „Resteverwertung“ von alleine tragen. Spätestens, wenn Lisa, Paul und Josef auf eigenen Beinen stehen wollen.   

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