Urlaub mit Soundtrack

Der "Chiemsee Summer" vereint zwei Festivals zu einem gigantischen Musikerlebnis – mit grüner Strategie und touristischen Ambitionen.

Christian Topel

Fotos: Veranstalter

Stille. An diesem Tag Ende März herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Eine Ruhe, die noch bis in den August hinein anhalten wird. Dann wummern Bässe, wo heute der Wind über gemächlich aus dem Kiesboden sprießende Gräser streicht; dann grollen Gitarrenriffs gegen den Damm an der Salzach; dann bringt das rhythmische Klatschen und Stampfen tausender Hände und Füße das Gelände zum Beben. Seit fast zwei Dekaden ist im August in Übersee am Chiemsee Festivalzeit. Doch dieses Jahr wird alles anders.

Wie ein Revoluzzer sieht Martin Altmann schon ein bisschen aus, in seinen Bikerboots, Jeans und Lederjacke – und eine Art Revolution hat der Veranstalter von „Chiemsee Reggae Summer“ und „Chiemsee Rocks“ auch angezettelt. Er hat die beiden Veranstaltungen, die ohnehin kurz nacheinander an Ort und Stelle stattfanden, zu einem Megafestival verschmolzen: zum „Chiemsee Summer“. Mit der Verschmelzung einher geht eine komplette Neukonzeption, die notwendig wurde, meint Altmann, „weil wir am Zenith angekommen waren und die bisherige Durchführungsweise keine Entwicklung mehr zugelassen hätte.“

Den Anfang macht die Musik. Das Programm glänzt durch eine viel größere Vielfalt als jemals zuvor. Rock, Pop, Punk, Hip Hop, Elektro und natürlich nach wie vor Reggae werden zu hören sein – mit der Crème de la Crème der Genres als Zugpferde. Zu den bereits bestätigten Knallern gehören Seeed, Macklemore & Ryan Lewis, Blink-182, Casper, Paul Kalkbrenner, Jimmy Cliff, Broilers oder Marteria. Auf den fünf Bühnen (darunter auch große Zelte) werden letztlich knapp 150 Künstler stehen, darunter nach wie vor auch hoffnungsvolle (und regionale) Newcomer. Geschuldet sei diese Öffnung den deutlich toleranteren Hörgewohnheiten der heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so Altmann. „Das ist eben nicht mehr wie bei uns früher, als man nur entweder die Stones oder die Beatles lieben durfte“, lacht der weltoffene Altrocker. Mithilfe der musikalisch breiteren Aufstellung sollen die Besucherzahlen von zuletzt rund 60.000 nochmal um ein Drittel ansteigen, hoffen die Macher.

Inspirieren lassen haben sie sich auf anderen Festivals, vor allem aber alljährlich mitten im Getümmel des eigenen Spektakels. Dieser direkte Kontakt hatte Altmann in den letzten Jahren schon dazu gebracht, für über eine Million Euro den Boden zu befestigen, Drainagen und Stromleitungen zu verlegen oder eine Kanalisation anzulegen. „Mittelfristig wollen wir keine Dixies mehr sehen“, lautet ein Ziel. Überhaupt habe sich auch diese Festivalkultur verändert. Neben den eher ursprünglich veranlagten Campierern, denen Wind und Wetter und Schlamm und Matsch sogar Spaß bereite, seien zuletzt mehr und mehr Menschen gekommen, die zwar vor der Bühne, nicht aber nachts Partyatmosphäre suchten. Für die etwas gesitteteren Fesivalbesucher wurden Angebote wie das „Grüner Wohnen“, das „Komfortcamping“ oder die niegelnagelneuen „Almhütten“ geschaffen. Während sich „die Grünen“ und die Komfortcamper über Annehmlichkeiten wie eine höhere Anzahl an Sanitäranlagen sowie weniger Müll freuen dürfen, haben die Bewohner des Almhüttendorfes buchstäblich ein befestigtes, äußerst uriges Dach über dem Kopf – Bergblick, Terrasse, Strom und Heizung inklusive. In Sachen „Ticketing“ herrscht eine nie dagewesene Flexibilität. Einen Tag, mehrere Tage, die gesamten fünf Tage, mit Camping ohne Camping – jeder kann sich seinen individuellen Musiksommer zusammenbasteln.

Eine Art Öffnung unternimmt Altmann auch in die Region. Da ist zum einen die Zusammenarbeit mit dem Ökomodell Achental, das dafür sorgen soll, dass vermehrt Produkte aus der Region vermarktet werden, gerade in der Gastronomie. Zum Anderen versteht Altmann den Chiemsee Summer als Teil des touristischen Angebots. Gemeinsam mit Tourist-Infos und Freizeiteinrichtungen will er in den nächsten Jahren Gesamtpakete schnüren. „Dann könnten Besucher zum Beispiel zu einer geführten Mountainbike-Tour aufbrechen, falls ihnen an einem Tag keine Band zusagt“, so Altmann. Der „Chiemsee Summer“ soll zu einem echten Kurzurlaub werden, hofft der Visionär. Zu einem Urlaub mit Soundtrack.

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