Urenkel heimischer Flussfahrer

Christian Topel

Fotos: Christian Topel/Andreas Jacob

Dereinst Draufgänger zum Wohle der Region, heute rührige Bewahrer von Brauchtum und Tradition: Schiffleut. Sie erinnern an Zeiten, als der Inn – damals noch ungezähmt und gefährlich – als Hauptverkehrsader diente.

Er entspringt dem Maloja-Pass in den Schweizer Alpen, wälzt sich wie am Lineal gezogen durch sein begradigtes Bett, und mündet bei Passau in die Donau. Über 500 Kilometer smaragdene Trägheit, nur unterbrochen von einigen Stau- und Wasserkraftwerken. Schiffe? Fehlanzeige. Johann Dettendorfer jedoch steht einem Verein vor, deren Urahnen den Inn noch befuhren. Auf sogenannten Plätten zum Beispiel, einfachen Holzschiffen, die flussaufwärts von mächtigen Pferden gezogen wurden. Der 65-jährige ist Vorstand des Nussdorfer Schiffleutvereins, und Nachfahre des vielleicht letzten, professionellen Innschiffers überhaupt.

Nussdorf, eine 2.800-Seelengemeinde, schmiegt sich zu Füßen des Heubergs nahe der österreichischen Grenze an den Inn. Das benachbarte Neubeuern hatte im späten Mittelalter zwar die geographisch besseren Ausgangsbedingungen, um sich die langsam aber sicher florierende Innschifffahrt zunutze zu machen, die erste Nussdorfer Schiffslände bei Windshausen (kurz vor dem Tiroler Passionsspielort Erl) ist trotzdem schon für 1475 bezeugt. Land- und Holzwirtschaft warfen einfach nicht genug ab, um alle Nussdorfer zu ernähren. Da bot es sich für viele Bauern und Knechte an, sich auf den Schiffen zu verdingen und zu helfen, den vielseitigen Güterverkehr zwischen der Schweiz, Tirol und Bayern sicherzustellen. Ein buchstäblich halsbrecherischer.

Tausende ließen in den Fluten ihr Leben. Heute brettern Lkws durch das Inntal, Schienen schlängeln sich durchs Land, die Innschifffahrt sitzt auf dem Trockenen – in Nussdorf spätestens seit dem Weihnachtsabend 1914. An jenem Datum starb mit einem gewissen Wolfgang  Dettendorfer der letzte Nussdorfer Schiffmeister. Das Ende einer Ära, nicht aber das Ende der „Zunft“. Schiffleut-Vereine existieren nur noch drei entlang des Inns: in Neubeuern, Nussdorf und Wasserburg. „Seiner“ gehe auf das Jahr 1635 zurück, erzählt Johann Dettendorfer. Der Altbürgermeister und seine Schiffleut-Kollegen haben im Laufe der Jahre ganze Ladungen an historischem Material zusammengeschippert.

Aus den historischen Urkunden, Briefen oder Kupferstichen geht hervor, dass Vorläufer des  heutigen Vereins eine Schiffleutbruderschaft war – eine Art Kranken bzw. Sozialversicherung für verunglückte Schiffsmeister, Schiffsknechte oder Schopper. Wem der wilde Inn Schaden zufügte, fand hier Hilfe. Als man den Fluss für immer verließ, endete auch diese Fürsorgepflicht. Der Verein indes verpflichtete sich der Bewahrung und Überlieferung seiner Tradition, sowie dem Bestreben, das Andenken an die Vorfahren aufrecht zu erhalten. Ein Sinnbild jenes Andenkens tragen die Schiffleut an wichtigen Feiertagen sichtbar am Leibe: Ihre am ursprünglichen Schiffleutgewand orientierte Tracht.

Das Vereinsleben füllen die Mannen (und seit dem Jahr 2000 auch Frauen) mit allerhand Aktivitäten, die Bezug herstellen zu ihren Ursprüngen. Bis nach Budapest folgte der Verein schon Flussläufen, führte in Zusammenarbeit mit dem renommierten Rosenheimer Heimatdichter Horst Rankl das Theaterstück „Wallfahrt ins Elend“ auf oder ließ in Zusammenarbeit mit dem  Wasserwirtschaftsamt anlässlich der Rosenheimer Landesgartenschau 2010 einen 200 Meter langen Schiffszug als Stahlblech-Silhouette am Inndamm aufstellen. Jedes Jahr am dritten Sonntag nach Hl. Drei König findet in Nussdorf ein Jahrtag für verstorbene Vereinsmitglieder statt. Die Schiffleut begehen ihn stets mit einem Kirchenzug, darauffolgendem Gottesdienst und der Jahreshauptversammlung – aus der seit sage und schreibe 35 Jahren Johann Dettendorfer als alter und neuer Vorstand hervorgeht.

Der – wen wundert´s – Transportunternehmer blickt voller Stolz auf sein über 400 Vereinsmitglieder. Die sich in der Region übrigens mit einem Talent einen Namen gemacht haben, das auch stets eng mit der Schifffahrt verbunden war: dem Gesang. In Zusammenarbeit mit dem  Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern pflegen die Nussdorfer Schiffleut vergessenes Liedgut – mit einer Stimmgewalt, dass es bisweilen scheint, als würde der Inn an dem Dorf respektvoll lauschend ein wenig langsamer vorüber fließen…

Zurück