Unterwegs auf dem Berliner Höhenweg

Petra Rapp

Fotos: Andreas Jacob

Die Zillertaler Runde führt durch das Herz des Hochgebirgs-Naturparks Zillertaler Alpen und wartet mit gewaltigen Ausblicken auf die vergletscherte Hochgebirgswelt auf.

Zugegeben, wir sind gerne ein wenig gegen den Strom und auf eigenen Wege unterwegs, deshalb sitzen wir am Anfang in der Gondel der Ahornbahn, genießen die ersten Müsliriegel unserer Tour und gehen das große Vorhaben einfach mal gemütlich und andersherum an. Die Bahn bringt uns von Mayrhofen im Zillertal hinauf auf 1.966 Meter und unserem ersten Ziel auf dem Berliner Höhenweg, der Edelhütte auf 2.237 Metern, einen gewaltigen Schritt näher. Der Höhenweg gilt als anspruchsvoller Weg für erfahrene Bergwanderer. Wer sich die gesamte Strecke vornimmt, legt in etwa einer Woche mehr als 70 Kilometer zurück und überwindet 6.700 Höhenmeter. Für die meisten endet er dort, wo wir richtig losstarten: auf der Edelhütte.

Die erste Fußetappe führt uns von der Edelhütte in Richtung Kasseler Hütte. Die wird übrigens von einem ehemaligen Rosenheimer betrieben, der dort schon das ein oder andere Nachtlokal geführt hat. Doch bis dahin warten noch gut 1.000 durchaus anspruchsvolle Höhenmeter auf 14 Kilometern ohne Notabstieg, auf denen wir einige Kare in anstrengendem Blockgelände überwinden müssen. Der Weg wird auch Siebenschneidenweg genannt, weil er über sieben Grate führt. Wir merken schnell, dass wir wieder zu schweres Gepäck auf den Schultern haben. Unterwegs immer wieder grandiose Blicke auf das unter uns liegende Tal bei weiß-blauem Himmel in Tirol. Nach rund siebeneinhalb Stunden kommen wir an der Kasseler Hütte an. Wir haben nichts reserviert, weil wir eigentlich draußen übernachten wollten. Aber der Wirt hat zufällig zwei Betten frei. Wir genießen den Luxus und beenden den Tag mit einem frischen Weißbier, lernen dabei Maria und Peter kennen, denen wir, oder sie uns, bis zum Abstieg am Schlegeisspeichersee folgen werden.

Nächstes Ziel: die Greizer Hütte. Die 700 Höhenmeter und zehn Kilometer lange Strecke geht man entspannt in vier bis fünf Stunden. Über die stahlseilversicherte Brücke queren wir den Floitenbach und wandern auf der anderen Seite des Tals ein Stück zurück. Der letztjährige Winter war lang, daher müssen wir stellenweise noch restliche Schneefelder queren. Oben am Grat, von wo wir die Greizer Hütte bereits erkennen können, machen wir nochmal eine längere Pause, ein paar neugierige Ziegen und sehr viele andere Bergsteiger mit uns. Diesmal haben wir nicht so viel Glück auf der Hütte. Als wir beim Hüttenwirt nach einem Schlafplatz fragen, zeigt dieser nur auf den Gang. Dann lieber draußen biwakieren, was auch die anderen, die es sich bereits im engen Gang gemütlich gemacht haben, sichtlich erleichtert. Die Nacht ist nicht so ruhig und lauschig wie erhofft. Ein heftiger Juni- Hagelschauer geht über uns nieder und raubt uns den Schlaf.

Am dritten Tag warten 1.200 Höhenmeter und knappe 10 Kilometer auf uns – und ein paar schöne Überraschungen wie eine Edelweißstelle, die wir zufällig entdecken. Der Abstieg nach der Möhrchenscharte zeigt sich zudem als extrem reizvoll. Trotz frischer zehn Grad Außentemperatur und Regen gönnen wir uns ein eiskaltes Bad in einem Ausläufer des Schwarzensees, dabei setzen sich tausend Eindrücke dieser faszinierenden Alpenlandschaft in unseren Köpfen fest. Auch die Berliner Hütte macht ihrem Namen alle Ehre und erwartet uns mit einer riesigen, prunkvollen Eingangshalle.

Der Tag 4 beschert uns dann endlich ein Gipfelerlebnis: Der 1.100 Höhenmeter lange Aufstieg zum Schönbichler Horn (3.133 Meter) lässt uns ein paar Gletschertäler queren. Nach einem gut gepflegten Weg, die letzten Meter an einem stahlseilgesicherten Steig, kommen wir oben an, wo bereits ein von Maria und Peter extra für uns hinterlegter Gipfelschnaps auf uns wartet. Der Abstieg zum Furtschagelhaus zeigt sich problemlos. Dort ist dann erst einmal Duschen angesagt.

Unser eigentlicher Plan für den nächsten Tag: Hinunter zum Schlegeisspeichersee und dann – abseits des Berliner Höhenweges– über das Pfitscher-Joch Richtung Sonne und Südtirol. Zuerst wartet aber noch ein, wie sich später zeigen sollte, etwas zu ausgiebiger Hüttenabend zum Abschied unserer Freunde, die wir dann tags darauf beim Abstieg ins Tal begleiten. Wer den Berliner Höhenweg vollenden will, wandert vom Speichersee wieder hinauf auf die Olperer Hütte, von dort aus dann weiter über das Friesenberghaus und die Gamshütten. Angeschlagen vom Vorabend und eigentlich völlig zufrieden mit den bisherigen Erlebnissen auf dem Berliner Höhenweg beschließen wir, es am Speichersee gut sein zu lassen. Wir fahren nach fünf wunderbarenTagen wieder Richtung Heimat.

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