Unter Druck

Christian Topel

Bildnachweis: Josua Reichert, Digitalisiert: Andreas Jacob

Wie kein anderer hat Josua Reichert die Kunst des Druckens und der Typografie bis an die Grenzen der Perfektion getrieben. Ein Getriebener scheint er auch zu sein – das Gesamtwerk ist kaum zu überblicken.

Gin Tonic? Am helllichten Nachmittag? Ob ich mich wohl verhört habe? Doch Celia Reichert scheint den Vorschlag ernst zu meinen. Die Ehefrau von Josua Reichert sitzt mir gegenüber, er an beider Wohnzimmertisch in Haidholzen bei Rosenheim zu meiner Rechten. Er gebe zwar keine Interviews, hatte der Künstler mir einige Tage zuvor am Telefon erklärt, jedoch sei ich vorerst herzlich zu einer Art „Sondierungsgespräch“ eingeladen; dann würden wir weitersehen, so das versöhnliche Ende von Reicherts Anruf, mit dem er den Brief beantwortete, in dem ich darum bat, ihn porträtieren zu dürfen.

Am runden Tisch sitze ich nun mit einem seit 57 Jahren verheirateten Ehepaar, das sich auf so grandios freche und gleichsam liebevolle Art und Weise frozzelt, wie es nur Seelenverwandte vermögen. Es sei offenbar gescheiter, dass sie dem Gespräch beiwohne, hatte die Dame vorhin aus dem Flur hereinrufend konstatiert, als sich Josua Reichert bei einem Datum irrte. Sie war hereinspaziert, hatte den Gatten mit nachsichtigem Grinsen im Gesicht korrigiert und sich zu uns gesetzt. Eigentlich, lässt sie durchscheinen, kennt sie diesen ganzen Sermon ja in- und auswendig, aber wenn´s dem Unterfangen dient...

„Das Unterfangen“ hat seit seiner Künstlerwerdung allein in Europa weit über 200 Einzelausstellungen hinter sich, hat dutzende Auszeichnungen erhalten und seine Werke hängen in Bibliotheken, Universitäten, Verwaltungsgebäuden, Gerichten, Kliniken und in einer Schlosskapelle – da können Zeiten, Orte oder Namen schon einmal verschwimmen, möchte man meinen. Andererseits – sicherlich möchte die treusorgende Ehefrau mit ihrer Süffisanz nur das erreichen – sollte er doch akurat vorgehen, wenn er sich schon die Mühe macht, zu versuchen, dem unbedarften Besucher sein quantitativ wie qualitativ nicht anders als „gigantisch“ zu bezeichnendes Gesamtwerk näher zu bringen. Vor uns auf dem Tisch erspähe ich einen Stapel vorbereiteter Materialien. Und nur, um dieser Fülle geistig Herr zu werden, verzichte ich dankend auf den Drink.

An den Wänden hängen Originale anderer Künstler. Ein paar Kopffüßler des langjährigen Freundes Horst Antes zum Beispiel. Und nicht zu übersehen: Bücher. Bis zur Decke reihen sie sich in meterlangen Regalen. Natürlich, denn ohne sie – ohne Literatur, ohne Wörter, ohne Buchstaben – gäbe es den Künstler Josua Reichert nicht. Buchstaben als kleinste, sinnstiftende Einheit der Sprache konstituieren sein Werk, bilden die Backsteine, aus denen er sein einzigartiges Œuvre baut, seit er im Winter 1959 auf der Achalm seines Mentors HAP Grieshaber Gottfried Benns Gedicht „Pap­pel“ als fast vier Meter hohe Gedichtfahne gedruckt hatte. Bis heute bezeichnet sich Reichert demütig als „Drucker und Typografen“ und beschreibt damit allenfalls notdürftig die Technik, das Handwerk, ohne damit der eigenen genialischen Schaffenskraft auch nur annäherend gerecht zu werden.

Stempeldrucke, Collagen, Einblattdrucke, Plakate, Schrift-Bilder, Mappen, Bücher und Faltbogen hat Reichert angefertigt, zu Tausenden – und doch gleicht kein Blatt dem anderen, wie ich staunend feststelle, als wir uns durch das pompöse Werkverzeichnis blättern. Es entstand anlässlich seines sechzigsten Geburtstags und könnte inzwischen gewiss doppelt so dick sein. Doch welcher Chronist hätte dieser Gestaltungswut hinterherkommen sollen? Erst in den letzten Jahren, da der Körper langsam, aber stetig an Kraft verlor, ließ auch Reicherts reger Bilderfluss nach – gezwungenermaßen.

Denn Reicherts Art zu drucken, war oft eine körperliche, erforderte teils akrobatischen Einsatz; so etwa, wenn er mit Holzsandalen an den Füßen über einen meterlangen, auf dem Boden liegenden Bogen Papier watschelte, um Buchstaben darauf zu stempeln. Nach dieser geradezu archaischen Herangehensweise eignete sich der gebürtige Stuttgarter früh den Umgang mit einer Kniehebelpresse an, oder fertigte Drucke von Hand, indem er mit einem Löffel als Werkzeug Reibung und buchstäblich Druck(e) erzeugte.

Die Formen – besser Lettern – konnten aus Plexiglas sein, aus Holz, Blei, Messing oder gar Plastik; sie waren gekauft oder eigenhändig herausgefräst. Selbst das Papier, schwer, hochwertig, spielt eine tragende Rolle; und nicht zuletzt Farbe! Als hochkarätigen Koloristen, der die Klaviatur der Farbe meisterhaft beherrscht, hat man ihn bezeichnet wegen dieses virtuosen Spiels mit den Farben, die er neben- oder übereinander druckt und dabei harte Kontraste erzeugt oder harmonisches Miteinander. Auf diese Weise regte Reichert die Betrachter an, die Texte, die er, wie er einmal sagte, „aus den Särgen ihrer Buchdeckeln befreite“, neu zu entdecken. Liest sich gänzlich anders, in der Horizontalen. Überdies entfaltet ein Text – oder sei es nur ein Buchstabe in ornamentaler Verzückung – eine völlig neue Wirkungsmacht, wenn er plötzlich mannshoch an der Wand hängt und damoklesschwertartig hinabschaut auf den Leser! Reichert behandelte die Poesie einerseits ähnlich wie die alten Kalligraphen als ästethisches Element, andererseits de- und re-codierte er quasi die Geschichte und Kulturen der Menschheit anhand ihrer Schriften. Plural, wohlgemerkt!

Nach jenem ersten Donnerhall – dem Druck von Gedichten deutscher Expressionisten, der Reichert 1959 von der Achalm schlagartig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit schleuderte –, sollte sich vor allem Goethe zu einem ständigen Begleiter entwickeln. „Dichtung und Wahrheit“: Des Universalgelehrten Autobiographie könnte auch als Motto über Reicherts Schaffen stehen. Doch arbeitete sich der Schwabe, der 1972 ins oberbayerische Dorf zog, lieber lesend und druckend am „West-östlichen Divan“ ab, der opulentesten Gedichtsammlung des Weimarers. Sie sollte Reicherts Blick gen Osten lenken, wo er neben der lateinischen auch griechische und kyrillische, arabische und hebräische Buchstaben entdeckte. Selten trifft die Metapher so ins Mark: „Zwischen den Zeilen“ manifestiert sich mit dem Blick nach Osten eine weitere, eine politische Ebene in Reicherts Werk. Ein wenig Revoluzzer war er immer. Nicht unbedingt ein Eigenbrötler, aber schon stur, wenn´s um das Durchsetzen der künstlerischen Linie ging. Reichert stellte auch in der DDR aus, als andere seines Kalibers den Nachbarn mieden. Als der weißbärtige Widerspenst seine Empörung kundtut, weil so manche Einrichtung seine Drucke von den vorgesehenen Plätzen entfernte, ­um Schränke, Regale oder Kopiergeräte hinzustellen, meine ich ein wohlmeinendes Nicken bei Celia wahrzunehmen.

Mit dem „Haidholzener Psalter“ entsteht zwischen 1974 und 1995 eines der furiosen Hauptwerke des heute 82-Jährigen. Beginnend mit Psalm 133 – zu bewundern im Lesesaal des theologisch-philosophischen Seminars an der Universität Regensburg – fertigt Reichert in den Folgejahren über einhundert unterschiedliche Drucke von rund 30 Psalmen als in dieser Form sicherlich einzigartigen Versuch, jene alttestamentarischen Texte als Herzstücke hebräischer Poesie sozusagen visuell erklingen zu lassen.

Zum Abschied geleitet mich Josua Reichert hinüber in seine Werkstatt, die als eigenständiger Flügel neben den Wohnräumen liegt. Hier hortet er hunderte Mappen, Blätter und Druckutensilien. Ein Schatz! Dort, sagt er, und zeigt zur Stirnseite des langen Holztischs, sei er gestanden und habe mit dem Löffel die Handdrucke gerieben. Seine letzten Werke sind vor allem überbordende Hefte und Broschüren, die Streifzüge durch sein Leben, seine Poetik, vielleicht könnte man sagen: seinen Geist beinhalten. Ein streitbarer, kreativer, schier unerschöpflicher Geist – der Geist von Deutschlands größtem Drucker und Typografen.

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