Ungewohnte „Kaiser-Perspektive“

Petra Rapp

Fotos: Petra Rapp

Unterwegs zum 2.447 Meter hohen Schafsiedel im Kurzen Grund im Skitourenparadies Kelchsau.

Es ist immer wieder das gleiche Phänomen. Es hat geschneit im Inntal. Ein wenig, aber lange noch nicht genug für eine schöne Skitour. Aber gottseidank gibt es sie ja, die berühmten Schneelöcher. Die Kelchsau in den Kitzbüheler Alpen in Tirol ist ein solches. Das kleine Seitental von Hopfgarten im Brixental beweist es an diesem Spätwintertag einmal mehr. Eine dicke, weiße Neuschneeschicht ziert den beschaulich ruhigen Ort, in dem – fernab vom Alpinskitrubel der benachbarten Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental – Skitourengeher in den beiden Tälern Langer und Kurzer Grund voll auf ihre Kosten kommen. Unzählige Gipfel und Routen warten hier in nahezu unberührter Landschaft, die lediglich ein paar Hütten und Almen zieren. Unser Ziel heute: der 2.447 Meter hohe Schafsiedel, der über den Kurzen wie den Langen Grund erreichbar ist. Wir entscheiden uns für die Tour via Kurzer Grund und fellen am Parkplatz am Gasthof Wegscheid auf.

Es ist überraschend wenig los. Ganz alleine legen wir die ersten Höhenmeter zurück, zuerst entlang des engen Forstweges, dann rechts den idyllisch und tief eingeschneiten Winterweg den Bach entlang Richtung Bamberger Hütte. Sehr schöne „Pillows“, wie es im Freetouring-Neudeutsch heißt, zieren Felsen und Steine, nur der Himmel ist noch ein bisschen trüb. Das Gelände wird offener, die Spur führt vorbei an der neuen Bamberger Hütte, hinauf in Richtung Mittlerer Wildalmsee (2.044 Meter), über weite Wiesenhänge mit zum Teil skurrilen Neuschneeskulpturen. Jeder hat inzwischen seinen eigenen Geh-Rhythmus gefunden und kämpft sich Höhenmeter für Höhenmeter bergauf.  

Vor uns rechtsseitig taucht ein Hang auf, an dem einige Schneebretter abgegangen sind. In Sicherheitsabstand queren wir ihn unterhalb der Lawinenkegel, dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl. Hinter uns tut sich zwischen den weißen Hängen ein faszinierender Blick auf das Kaisergebirge auf – ungewohnt, „den Kaiser“ aus dieser Perspektive zu sehen. Der Himmel zeigt sich inzwischen in faszinierenden Wolkenspielen und lässt immer mal wieder Blau durchscheinen. Vielleicht reißt es ja tatsächlich noch auf? Gut 1.000 Höhenmeter sind geschafft, die Beine werden allmählich müde, der Magen knurrt, der Puls ist hoch beim steilen Anstieg zum Gipfelhang. Die letzten 300 Höhenmeter ziehen sich. Doch dann ist das Gipfelkreuz bereits zu sehen und der finale Anstieg über den Gipfelhang fällt wieder leichter. Der Mensch braucht einfach ein Ziel vor Augen. Und wenn es nicht nur fiktiv, sondern real sichtbar ist, fällt es noch leichter, sich noch einmal zu motivieren. 

Zwei, drei andere Tourengeher sind dann doch oben am breiten Gipfel mit dem großen Metallkreuz, wo eine phantastische Aussicht auf die Hohen Tauern, die Zillertaler Alpen, Kitzbüheler Alpen bis hinaus ins heimatliche Inntal auf uns wartet. Auch die Sonne lässt sich jetzt blicken und wärmt bei der Gipfelbrotzeit die ausgefrorenen, müden Körper. Genuss pur, der sich noch steigern soll. Anfangs sind wir nicht ganz sicher, ob wir die Abfahrt den steileren Nordwesthang hinunter vom Gipfel wagen sollen und checken noch einmal die Verhältnisse. Wir werden belohnt mit purem, lockerem Pulver, der uns jubeln lässt. Einer nach dem anderen hinterlässt seine Spur im unberührten Weiß und der Blick zurück auf den Hang malt jedem ein breites Grinsen ins Gesicht. Ja, Tage wie diese sind es einfach. Dafür lohnt sich jeder Schweißtropfen doppelt.

Wir „cruisen“ hinunter ins Tal, finden immer wieder kleine Hänge für ein paar lockere Schwünge. Unten den Ziehweg entlang lassen wir es gemütlich auslaufen, jeder für sich, in Gedanken, angenehm müde und in Vorfreude auf eine gemütliche Einkehr.

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