Und jeder Zirbe wohnt ein Zauber inne

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Die „Königin der Alpen“ ist nicht leicht zu zähmen. Wir haben vier glühende Verehrer des geheimnisvollen Holzes getroffen.

Die Schneegrenze windet sich wie mit der Schnur gezogen um die Tuxer Alpen. Es ist ein sonniger Morgen Anfang November, als uns Hans Trainer und sein Sohn Hannes auf den Glungezer karren. An der Mittelstation erteilt uns der Bezirksgruppenobmann der Tiroler Förster nicht nur die ausnahmsweise Erlaubnis, noch weiter hinauf zu tuckern, er erklärt uns auch, welchen Abzweigungen wir folgen sollen, um unser Ziel zu erreichen: einen Zirbenwald.

Als der Allradantrieb auf 1.500 Metern schlapp macht, stapfen wir die restliche Wegstrecke zu Fuß – im Gänsemarsch Hans Trainer hinterher, der ein Tempo vorlegt, als stünden die anvisierten Kieferngewächse sekündlich vor dem Aussterben. Dabei geht es dem Zirbenbestand bestens, wenn man dem Tischlermeister und den bayerischen wie Tiroler Waldbesitzerverbänden glauben darf. Eine letzte verschneite Kurve und unser Anführer bleibt stehen. Hinter uns plustert sich ein Postkartenpanorama auf.

Die Dörfer des Inntals ducken sich unter einer dichte Nebeldecke, die gegenüberliegenden Gipfel des Karwendelgebirges ragen wie mit Puderzucker bestäubt aus der Watte. Doch Hans Trainer hat keinen Blick für das Naturschauspiel. Er steht vor einer Zirbe wie ein Bub vor dem Weihnachtsbaum. „1976 habe ich aus Zirbe mein Meisterstück gemacht, von da an ließ mich das Holz nicht mehr los“, flüstert der inzwischen pensionierte Tischler, der auf die Pferdezucht umgesattelt hat. Sohn Hannes, der in die Fußstapfen des Vaters getreten ist, kaut auf einer Zirbennadel, während er den andächtigen Worten seines Lehrmeisters lauscht. Sie klingen, als spräche ein Mann über seine Geliebte.

Geduldig sei die Zirbe, und mit Geduld müsse man sie auch behandeln, erklärt der 63-Jährige. Soll heißen: nur alle acht bis zehn Jahre blühe die Königin der Alpen; dem Holz müsse man viel, viel Zeit zum Trocknen gönnen; einmal verarbeitet jedoch, lebe das Werkstück nahezu ewig, obwohl es sich um ein weiches, geschmeidiges Holz handele. „Ein Zirbenholzmöbel wohnt sich nicht ab, es bekommt Patina“, schwärmt der Thierseer. „Ganz zu schweigen von der gesundheitlichen Wirkung“, ergänzt Sohn Hannes.

Diese „Zauberkraft“ der Zirbe macht sich auf bayerischer Seite auch Michael Haindl zunutze – obwohl der 61-Jährige aus dem Ort Kienberg im Landkreis Traunstein nichts am Hut hat mit Hexerei. Vielmehr hat der ehemalige Maurer eine Traktorgarage zur Drechslerwerkstatt umgebaut und fertigt hier nun Schüsseln, Teller, Löffel, Dosen, Kerzenständer oder Kugelschreiber aus Holzarten wie Birne, Kirschbaum und nicht zuletzt Zirbe. Wegen seiner Zirbenholz-Brottöpfe rennen Kunden dem Rentner regelrecht die Bude ein. Denn darin sollen Backwaren nur mehr in Zeitlupe verderben, verspricht der hochtalentierte Hobbydrechsler, nachdem er einen der im Heizungsraum gelagerten Zirbenblöcke herüber in die Werkstatt getragen und eingespannt hat. Seinen Rohstoff holt sich Michael Haindl höchstpersönlich aus einem österreichischen Sägewerk. Schließlich wollen die Hölzer mit Bedacht ausgewählt sein! Je langsamer das Holz gewachsen ist, desto dichter sei es und desto besser zum Drechseln geeignet, so die Erfahrung des – wie er sich selbst nennt – „Holzwurms“.

Drüben in Tirol suchen Trainers ihr Material nicht minder sorgsam aus. „Zirbe“, erläutern sie, „ist nicht gleich Zirbe.“ Zum Beweis zeigt uns der ältere Zirbenflüsterer ein auf den ersten Blick prächtiges Exemplar. Ihr Manko: zu viele zu dicke Äste. Das gebe keine schöne Zeichnung auf den Brettern ab. Das glatte Gegenteil, nämlich astrein, könne man aber ebenfalls nicht gebrauchen. Der ideale Zirbenstamm sei schnurgerade gewachsen, habe eine im Kernholz fuchsbraune Farbe, werde von einem nur dünnen, geraden Splint umrandet und trage – möglichst gleichmäßig verteilt – etwa daumendicke Äste.

Die berühmten Zirbenstuben allerdings verlassen Werkstätten wie die von Familie Trainer heutzutage immer seltener. Dafür steigt die Nachfrage nach Betten oder ganzen Schlafzimmern aus dem nur in den Alpen und in den Karpaten wachsenden Holz. „Das hat weniger ästhetische, als vielmehr gesundheitliche Gründe“, sagt einer, der quasi ein ganzes Urlaubskonzept aus Zirbenholz gezimmert hat: Stephan Kobinger. Als Leiter des Hotels „Post am See“ am Achensee bekam er mit, wie Studien die positive Wirkung des Zirbenholzes aus dem Volksglauben in die Welt wissenschaftlicher Fakten hinüberholten. Und was er da las, faszinierte ihn so, dass er die gewonnenen  Erkenntnisse heute zum Wohle seiner Gäste einsetzt. Ein Schritt, der zuerst mit gehörigen Umbaumaßnahmen verbunden war. Einige „gewöhnliche“ Vier-Sterne-Zimmer ließ der  Hotelier zu „Power-Sleeping-Rooms“ umbauen – unter anderem, indem er sie mit Zirbe ausstattete. Laut jener Studien nämlich schlafe es sich besser im Zirbenholzbett. „In unseren Zimmern verringert sich die Herz-frequenz“, erklärt der Schlafexperte. Die durchschnittliche „Ersparnis“ im  Zirbenholzbett betrage 3.500 Herzschläge pro Tag. „Das Herz muss rund eine Stunde weniger arbeiten“, verdeutlicht Kobinger. Zirbenholz wirke Wetterfühligkeit entgegen, harmonisiere den Kreislauf und stärke das Wohlbefinden. Kein Wunder also, sondern die Kraft der Zirbe, dass sich Stephan Kobingers Gäste morgens erholt und ausgeruht fühlen. Unliebsame Gäste helfen Zirbenmöbel gar zu vertreiben: Kleidermotten.

Womit wir wieder bei Michael Haindl wären. Ehe der nächste „Wundertopf“ das Licht der Welt erblickt, setzt der Kienberger Kappe und Nickelbrille auf und richtet sein Arbeitslämpchen aus. Dann drückt er das Knöpfchen und der Zirbenklotz beginnt mit 700 Umdrehungen pro Minute zu rotieren (bei Feinarbeiten sogar doppelt so schnell). Sobald der Drechsler das schwere Eisenwerkzeug anlegt, fliegen die Späne, die er später, wenn aus dem Klotz ein Brot-Topf geworden ist, sorgsam zusammenkehrt. Denn auch den kleinsten Schnipseln wohnt jener Zirbenzauber inne. Als Kissenfüllung sorgen auch sie für erholsamen Schlaf. Den Brottöpfen indes verleihen die ätherischen Öle der Zirbe eine sensationelle  Schutzwirkung gegen Schimmel. Unser tägliches Brot hält darin quasi ewig. Die Königin der Alpen hat wahrlich Demut verdient.

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