Über die Magie des weißen Rauchs

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Es dauert nur wenige Minuten, bis sich eine weiße Ascheschicht um die Kohle gelegt hat – Betriebstemperatur. Das Kohlenrund hat Eva Kilwing in eine mit Sand gefüllte Schale gebettet. Nun legt sie ein kleines, weißes Bröckchen auf die Glut. Schnell steigt Rauch auf; weißer, betörend duftender Rauch; Weihrauch, wie man ihn in christlich geprägten Ländern nennt. Denn, erklärt die Inhaberin der Weihrauch-Manufaktur mit Museum, die gleichsam mystische wie heilsame Kraft des Räucherns habe die Menschheit bekanntlich schon vor Jahrtausenden genutzt, lange bevor sie zum sowohl sichtbaren als auch olfaktorischen Ritual des kirchlichen Hochamts wurde.

Während die Teilnehmer an der vom Tourismusverband Inn-Salzach angebotenen Führung ihre Nasen über den vitrinenartigen Tresen recken und schnuppern, entführt Eva Kilwing sie auf eine Reise durch die Geschichte jenes uralten und dereinst bedeutenden Wirtschaftszweigs. Der Weihrauchhandel, weiß Kilwing, lasse sich aus der Antike – als das „weiße Gold“ über die sogenannte Weihrauchstraße vom fernen Osten aus in nahezu die ganze weite Welt transportiert wurde – bis in die Gegenwart verfolgen, in der Weihrauch verstärkt in den Fokus der Wissenschaft rücke. Was die Menschen früher mehr ahnten als wussten, erfahre heutzutage Untermauerung anhand von Studien. Dem Weihrauchharz, versichert die Fachfrau, wohne eine schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung inne und er verspreche Linderung bei rheumatischen Erkrankungen, Muskelschmerzen, Hauterkrankungen, Asthma, ja sogar bei Depressionen.
Die Verbindung des naturheilkundlichen, religiösen und ethnobotanischen Aspektes und die Leidenschaft dafür, besten Weihrauch und Räucherstoffe verfügbar zu machen, ließen die 55-Jährige zur Weihrauchhändlerin werden. Vor gut 20 Jahren studierte die Altöttingerin viele Formen alternativer Heilverfahren – von Aryuveda bis zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Beide setzen unter anderem auf „Olibanum“, das aus ätherischen Ölen, Schleimstoffen und Harzsäuren bestehende Harz des Weihrauchbaumes. Die im Schnitt nur rund zwei Meter hohe, knorrige Pflanze der Gattung Boswellia erinnert eher an einen Strauch und wächst nur in wasserarmen, wüstenartigen Gegenden wie dem Horn von Afrika (Äthiopien, Eriträa, Somalia), Arabien (Oman, Jemen) und Indien. Je nachdem, woher das jeweilige Olibanum stamme, dufte es auf seine ganze eigene Weise, erklärt Kilwing und zeigt auf einige Säcke, in denen weißlich-gelbe Bröckchen auf ihre Weiterverarbeitung warten. Reinstes Weihrauchharz, das die feinen Inhaltsstoffe hochkonzentriert in sich trägt. Um diese Qualität zu erhalten, bedürfe es Geduld, sagt die erfahrene Händlerin. 

Die Bauern in den Anbauregionen beginnen im Frühjahr mit der ersten Harz-Ernte. Mit einem speziellen Schabemesser ritzen sie ein Rechteck in die Baumrinde, das sie dann aufklappen. Aus diesen rein oberflächlichen „Wunden“ treten milchige Harztröpfchen aus, die nach einiger Zeit trocknen, erstarren und abgeschabt werden können, um den Vorgang nach zwei, drei Wochen zu wiederholen. Früher habe man diese ersten Ernten dem Baum buchstäblich zu Füßen gelegt, quasi als Dank und Opfergabe, erzählt Eva Kilwing. Heute gelange auch dieser minderwertige Teil in den Handel. Wenn es in der Kirche ob des Weihrauchduftes zu Klagen kommt, liege das entweder an der Kohle oder an der minderen Qualität des Weihrauchs, sagt die Expertin, in deren Mischungen nur erstklassiges Harz der vierten oder fünften Ernte gelangt.

„Erzengel“, „Raunacht“, „Neubeginn“, „Tage in Moll“, „Garten der Gesundheit“ heißen einige der lediglich mit einigen Kräutern angereicherten Mixturen. Längst sind es nicht mehr nur die Kirchen Altöttings, Münchens oder Roms, die der Betrieb beliefert. Die Weihrauch-Manufaktur aus dem beschaulichen Wallfahrtsort verschickt nach Amerika, Asien und bis in die Karibik. Mit dem Trend zur Rückbesinnung und Wertschätzung der guten Gaben der Natur komme Weihrauch auch wieder verstärkt in Privathaushalten zum Einsatz, freut sich die „Räucher-Missionarin“. Dabei könne das Räuchern ein Ritual des Zur-Ruhe-Kommens sein, sagt Kilwing, die es schön findet, dass alte Bräuche und Rituale sich auf diese Weise ungezwungen mit dem christlichen Glauben verbinden. Eva Kilwing beschreibt ihre Berufung so: „Wir machen unseren Kunden die guten Gaben Gottes verfügbar.“ Wie sie es finde, dass viele Menschen sich auch ohne Gottes Beistand einfach das alte Heilwissen zunutze machen und die Luft in ihren Wohnräumen reinigen beziehunsgweise desinfizieren wollen? Ein Hauch Magie schwebe immer in der Luft, wenn man Weihrauch anzünde, antwortet Kilwing – und lächelt weise hinter der nach wie vor von ihrem Tresen aufsteigenden, zartweißen Rauchschwade hervor.

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