Träumen in den Bäumen

Claudia Bultje-Herterich

Fotos: Andreas Jacob

An einem „magischen Ort“ am Samerberg ermöglicht die Familie Riedl in sieben Metern Höhe Ferien im Baumhaus.

Eigentlich wollte die Familie Riedl vom Talerhof in Steinkirchen am Samerberg drei eher einfache Baumhäuser für Feriengäste bauen. Verschieden groß, in den alten Eichen hinten am Waldrand direkt an der Hangkante – da wo Mutter Katharina schon als Kind am liebsten gespielt hatte. Wo man sich wie auf einer Klippe fühlt, nur das unten nicht das Meer tost, sondern einem in der Ferne der Irschenberg, die Stadt Rosenheim, Neubeuern und der Simssee zu Füßen liegen. Doch dann kam die Bürokratie mit ihren Bedenken und Sicherheitsbestimmungen und der Baumhaus-Traum wurde fast ein Alptraum voller Gutachter, Forstbeamter, Stürmen und anderer möglicher Gefahren für die Feriengäste, denen die fünfköpfige Familie so gerne Baumhausferien angeboten hätte. 

Aber die Riedls hielten durch, suchten Unterstützung bei der Fachhochschule Rosenheim, die aus dem Baumhaustraum sogar ein Forschungsprojekt werden ließ, und fanden Baumhausprofis wie die „Baumbarone“ und die Holzbau-Firma Wörndl aus Eggstätt, mit denen sie ihre Idee weiter entwickelten und an die Sicherheitsbestimmungen anpassten, ohne ihre Vision vom Urlaubmachen inmitten oberbayerischer Bäume aus dem Auge zu verlieren. 

Was daraus wurde und nun wie ein überdimensionales Adlernest zwischen den Bäumen am Waldrand vom „Talerhof“ thront, ist seit Ostern tatsächlich zu mieten und übersteigt alle Erwartungen. Denn statt der drei kleinen Baumhäuser steht dort am Rande des Kronbichl-Walds jetzt ein komfortables Baumhaus auf Stelzen. Es schwebt zugegeben nicht ganz ohne Bodenhaftung im Baum, weil die zuständigen Behörden angesichts zunehmender Stürme zu große Bedenken hatten.

Auf einer Wendeltreppe kommt man hoch auf die umlaufende Terrasse, die teilweise bis zu 2,50 Meter breit ist und mit Hausbank, Sonnenliegen und Hängestühlen bestückt. Hier will man einfach nur liegen und schauen und egal wohin der Blick auch schweift, nichts als Berge, Hügel, Weiden, Bäume, Himmel, Täler, blau-weiße oberbayrische Idylle. Selbst im Haus hat man immer eine wunderbare Sicht nach draußen: vor der Tür die Hochries, hinten das weite Tal. Von der gemütlichen Wohnküche geht’s per Hühnerleiter hoch auf die großzügige Galerie zum Schlafen. Die großen Dachfenster bringen einem  dabei den bayerischen Himmel sehr nahe. Auch ein weiteres Schlaf- zimmer in der unteren Etage ist an Romantik kaum zu überbieten, denn das Bett für Zwei steht auf Rollen und kann auf die Terrasse geschoben werden - für sternenklare Nächte und wild-romantisches Sternschnuppen-Fangen.

Die Einrichtung des Holzhauses für sechs Gäste liegt irgendwo zwischen Landhaus und komfortabler Berghütte. Die dicken Balken, Decken, Böden – alles aus Natur-Holz und das riecht man auf angenehme Weise. Im kleinen aber sehr geschmackvollen Bad aus Naturstein wähnt man sich kurz im Wellnessbereich eines Viersterne-Hotels. Alles ist einfach, aber doch liebevoll im Detail - dafür haben die Riedl-Frauen gesorgt. Naturmaterialien, angenehm gedeckte Farben, Natur pur! Ah, das tut gut, weil so eben alle Sinne entspannen können, wie es sich für ein Haus in den Bäumen gehört.

Wenn gewünscht, liefert Katharina Riedl das Frühstück vom Hof ans Baumhaus – per Flaschenzug. Es  gibt kein W-LAN und das Auto bleibt auch vorne beim Hof. Für das Gepäck gibt´s einen Leiterwagen. „Wir wollen für unsere Gäste den Luxus der Unerreichbarkeit. Dies ist ein magischer Ort, das hab ich schon als Kind gespürt“, erzählt die sympathische Bäuerin, die hier am Hof aufgewachsen ist. Ja, sie gibt schon zu, dass sie in den letzten vier Jahren, die der Kampf um das Baumhaus-Projekt gedauert hat, manchmal aufgeben wollte, das ihr alles zu viel wurde, die Kosten stiegen und der Mut sank. Aber Ehemann Georg und die Töchter haben nicht aufgegeben, bei den Behörden nachgebohrt, durchgehalten. „Ja, zum Glück haben Georg und die Kinder immer an unserem Traum festgehalten und jetzt bin  ich froh und erleichtert!“ Stolz und ein wenig ungläubig sitzt die 44-jährige Katharina jetzt mit Mann und Töchtern im fertigen Baum-Haus, während Sohn Girgl und Schwager Bernhard außen noch die letzten Arbeiten erledigen. Überhaupt war es der Familienzusammenhalt, der das Durchhalten ermöglicht hat. Die 400 Staketen fürs Geländer rund um die Baumhausterrasse hat der Hansen- Opa handgemacht. Mit 83. Die originellen Vorhangstangen sind vom Onkel.

Aber auch die Kooperation mit der Fachhochschule Rosenheim, die den Entwurfsplan vom Haus mit entwickelt hat, und die Zusammenarbeit mit „Baumbaron“ aus München war ein großes Glück. Denn die Energieversorgung mit Strom und Wärme und die Abwasserentsorgung mussten sinnvoll gestaltet werden. Auch die Frage, mit welchen Methoden man herausfinden kann, ob ein Baum von der Statik her überhaupt geeignet ist, ein Baumhaus zu tragen, wurde im Forschungsprojekt bearbeitet. Und wie tragfähig die Stelzenkonstruktion sein muss, die das Haus immerhin an der Vorderseite drei und zum Tal hin sieben Meter über dem Boden schweben lässt. In Zusammenarbeit mit der Münchner Firma Kubit, die Computerprogramme entwickelt, um am Rechner zu bauen und zu konstruieren, wurde  zudem erforscht, ob und wie man Bäume dreidimensional einscannen kann. So dass es in Zukunft möglich  sein wird, Baumhäuser direkt vom Computer aus - mit einem speziellen CAD-Programm - in die entsprechenden Bäume zu planen. Auch die Erfahrung des „Baumbaron“, der als Baumhaus-Bauer in ganz Deutschland tätig ist, wurde ins Forschungsprojekt geholt. Er weiß, wie Baumhäuser so befestigt werden, dass sie mitwachsen können und welchen Unterbau sie brauchen. Ja, das Baumhaus der Familie Riedl ist nicht nur wunderschön, es dient sogar der Wissenschaft! Als Ferien-Baumhaus-Prototyp, als Niedrigenergie-Haus neusten Standards. Und all diese, auf wissenschaftlichem Wege entwickelten Bauteile, wurden dann als Leichtbau-Module von Holzbau Wörndl in Eggstätt vorgefertigt und hoch zum Wald vom Talerhof transportiert. Bei so vielen professionellen Projektpartnern konnte das Riedlsche Baumhaus doch nur ein Knaller werden.

Dabei fing alles ganz klein an. Mit Tochter Ursl, die 2009 in der Montessori-Schule eine Facharbeit zum  Thema „Baumhaus-Hotels“ schrieb, und dafür sorgte, dass im idyllischen Steinkirchen das Baumhausfieber  ausbrach. Die damals 16jährige zimmerte sich hoch oben im alten Nussbaum unweit des Hofs ein kleines Häuschen, anfangs zu „Studienzwecken“, daraus wurde aber schnell ein Rückzugsort, zum Freisein und Träumen. Ihre Begeisterung war so ansteckend, ihre Recherchen zu  Baumhaushotels im Norden Deutschlands so spannend, dass schnell klar war, so etwas wollen wir auch für unsere Feriengäste. Georg und Katharina Riedl gingen Probewohnen in einem der ersten Baumhaus-Hotels in Norddeutschland. Es war ein tolles Erlebnis.

Und jetzt, vier Jahre später, ist es soweit. Der Tag der offenen Tür Anfang April war ein voller Erfolg, eine Homepage präsentiert das Baumhaus auf hohen Stelzen ganz professionell. Die ersten Gutscheine waren schon im März verkauft. Einer als Geschenk für einen abenteuerlustigen Großvater und seine Enkelkinder. Das Interesse ist groß. Schon seit Beginn der Bau(m)arbeiten pilgern immer  mehr Spaziergänger hinter an den Waldrand. Neugierig, mit einem Glänzen in den Augen, Erinnerungen  an Kindertage im Kopf, als es noch erlaubt war allein im Wald zu spielen und Kind sein hieß, sich verstecken und zurückziehen zu dürfen. Aber dieses Hoffen auf Rückzug in der Natur, auf ein bisschen Abenteuer, auf wohliges Träumen in den Bäumen – das kann sich jetzt jeder erfüllen, im Stelzenbaumhaus am Talerhof.

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