Tirol in glasklaren Tönen: Wiederaufführung des "Tirol Concerto for Piano and Orchestra" von Philip Glas

himmeblau Redaktion

Philip Glass mit seinem Orchester
Philip Glass gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Minimal Music. Das 15-Jahr-Jubiläum von "Musik im Riesen" widmete dem Komponisten unter dem Motto "Philip Glass in Wort und Ton" einen Konzertabend. Fotos: Swarovski Kristallwelten

Auf Adlerschwingen in die Herzen Tirols – und der Welt: Wiederaufführung des „Tirol Concerto for Piano and Orchestra“ von Philip Glass.

Wer Tirol in die Seele schauen will, muss die Augen schließen. Und die Ohren auftun. Vor 18 Jahren malte der Komponist Philip Glass mit langen Pinselschwüngen das Klangbild einer Landschaft und materialisierte alpine Sehnsuchtsorte zu kristallklar perlenden Tönen. Nun ist sein „Tirol Concerto“ erwachsen geworden. Es trägt als klangvolle Botschafterin das Gefühl eines Landes in die ganze Welt. Seinen Siegeszug verdankt die Komposition wunderlichen Zufällen und weitsichtigen Visionären.

Könnten das Streifen von Adlerschwingen klingen und Felswände singen, dann würden sie sich genauso anhören wie dieses Stück Musik. So vermessen es ist, Musik in Worte fassen zu wollen: Das repetitive Tönen dieses Werkes ist von einer simplen Schönheit, die sich von den Gehörgängen direkt ihren Weg in die Herzfasern frisst. Die Dichte der Akkorde schickt pulsierende Wogen wohliger Schauer durchs Rückenmark. Das „Tirol Concerto“ fasziniert. Besonders im zweiten Satz. In der Jahrtausendwende vom US-amerikanischen Minimalismusmeister Philip Glass als Auftragswerk der Tirol Werbung geschaffen, ist das „Tirol Concerto for Piano und Orchestra“ heute ein zur Melodie gewordenes Stück Tiroler Identität und für viele die heimliche Hymne des Landes. Ein in Mantua zu Banden gewesener Andreas Hofer oder die vielbesungene Treue zu Tirol vermögen wohl kaum so anzurühren.

Georg Riha, Josef Margreiter, Stefan Isser, Johannes Köck (v.l.)
Georg Riha, Josef Margreiter, Stefan Isser, Johannes Köck (v.l.) wollen auch in Zukunft dem "Tirol Concerto" Flügel verleihen.

Die restlos ausverkaufte neue Swarovski-Schleifhalle in Wattens ist an diesem Freitagabend Ende Mai der beste Beweis dafür. Zum 15-jährigen Jubiläum von „Musik im Riesen“ machte sich das Kulturformat der Tiroler Kristalldynastie seinem Publikum und sich selbst ein Geschenk. Über tausend Menschen waren gekommen, um sich von Philip Glass und seinen musikalischen Mitstreitern in die konzertante Sphäre an der Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Klassik und Popkultur entführen zu lassen. Thomas Larcher, künstlerischer Leiter von „Musik im Riesen“, vergleicht Glass` Werke gar mit jenen alter Meister: „Mit seinen Stücken verhält es sich wie mit Mozart. Für Anfänger sind sie leicht zu spielen, Profis beißen sich aber genau deshalb an beiden die Zähne aus. Das ist vermutlich der Grund, warum Glass’ Stücke viel zu selten von renommierten Orchestern aufgeführt werden.“ Larcher – selbst Komponist – war einer jener Menschen, die das ihre zum Erfolg des „Tirol Concerto“ beitrugen.

In den Archiven der Tirol Werbung schlummern heute noch einige Schnappschüsse, die den damaligen Chef der Schwazer Klangspuren beim Versuch zeigen, Tiroler Fleckvieh zu einem gemeinsamen Foto mit Philip Glass zu bewegen. Vielleicht wären Kühe ohnehin zu viel des Klischees gewesen. Schlussendlich sollte ein gefiederter Geselle Glass´ Concerto endgültig zum Herzenslied aller Tiroler werden lassen. Doch dazu später. Denn eine schicksalshafte Menage aus Zufall und Zielstrebigkeit war es, die seine Entstehungsgeschichte mindestens genauso außergewöhnlich macht wie das Werk selbst.

Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirol Werbung, erinnert sich: „Den Wunsch, Tirol in ein Klangbild zu gießen, gab es schon länger. Meine damalige Mitarbeiterin Bettina Schlorhaufer kam 1998 in einer Skihütte mit Glass´ Freund Dennis Russel Davis ins Gespräch. Er erzählte ihr, dass Glass derzeit an einem Klavierkonzert für ihn arbeiten würde. Warum nicht also den Stier bei den Hörnern packen und versuchen, den Komponisten für Tirol zu gewinnen?“

Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti und Pianistin Maki Namekawa unter der Leitung von Dennis Russel Davis
Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti und Pianistin Maki Namekawa unter der Leitung von Dennis Russel Davis hüllten am 25. Mai 2018 die "Kristallfabrik der Zukunft" in die Klangwolke von Philip Glass' Tirol Concerto ein.

Der Plan ging auf. Philip Glass kam nach Tirol und ließ sich wandernd und in alten Notenblättern wühlend von der Muse küssen. Ein um 1820 im Alpbachtal entstandenes Marienlied sollte schließlich zur tonalen Inspiration dienen. Glass tat das, was er am besten kann und ihm seinen unbestrittenen Rang als Gallionsfigur der Minimal-Music kontemporärer Klassik einbrachte: Er fragmentierte Akkorde, zerpflückte Melodienbögen und setzte sie in repetitiven Tonabfolgen zu einem neuen Ganzen wieder zusammen. Dem „Tirol Concerto“ wohnt eine meditativ anmutende Sogwirkung inne, meint Thomas Larcher: „Es gibt hier diese langen, sehnsuchtsvollen Linien, die den Zuhörer immer weiterziehen – insofern korrespondiert diese Musik ideal mit dem Flug eines Adlers, der ja auch im Film der Tirol Werbung vorkommt. Diese Kombination von Musik und bewegtem Bild hat das Werk letztlich so berühmt gemacht.“ Tatsächlich vermochte Glass´ Komposition erst in Symbiose mit den dokumentarischen Bewegtbildern des Filmemachers Georg Riha das Publikum zu erwärmen. Denn bei der Uraufführung des „Tirol Concerto“ im September 2000 in der Fertigungshalle der Jenbachern Werke fand es nicht den ganz großen Anklang. Zu progressiv sei es, zu wenig tiroltypisch, hieß es damals. Wieder trat ein Mensch mit Weitblick auf den Plan. Johannes Köck, Leiter der hiesigen Filmförderung, erkannte das cineastische Potential des ursprünglich sechzehneinhalb Minuten langen zweiten Satzes und spannte Riha und Glass in visionärer Manier vor einen gemeinsamen Karren. Der dabei entstandene Kurzfilm, der den Flug eines Adlers nachzeichnet, wurde zum zugkräftigsten Pferd im Stall der Tirol Werbung. Ein Glücksfall sondergleichen, betont ihr Geschäftsführer Josef Margreiter: „Der auf ungewöhnliche Weise entstandene Film „Tirol – Land im Gebirg“ ist für mich eines der größten Kunststücke in der Historie unseres Unternehmens und malt zugleich ein zeitloses Klangbild unseres Landes. Noch heute melden sich Interessierte bei uns, weil sie den Film für ganz besondere Anlässe verwenden wollen – von emotionalen Präsentationen und Kongressen über Weihnachtsgeschenke bis hin zur Untermalung bei Hochzeiten.“

Philip Glass am Klavier
Philip Glass' Werke sind geprägt von repetitiven Klangmustern und der Schönheit simpler Melodien.

Die anfänglichen Misstöne über das Glass´sche Abbild Tirols sind längst verhallt. Siebzehn Prämierungen im In- und Ausland spielte das Werk bis heute ein. Viel mehr wiegt aber, wie tief es sich in Menschenseelen einbrannte. Das wurde am 25. Mai bei Musik im Riesen eindrücklich spürbar: Als Dennis Russel Davis den Dirigierstab ansetzt und die Streicher des Kammermusikorchesters InnStrumenti den ersten Akkord spielen, setzt das Herz einen Takt lang aus. Um dann, mit den in vollendeter Klarheit angesetzten Klängen aus den Händen der Pianistin Maki Namekawa, gebirgsbachklar perlend und ganz nah am Pulsschlag eines Landes vibrierend weiterzuschlagen.

www.philipglass.com

www.kristallwelten.swarovski.com

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