Tierisch gut ganz ohne Tierisches

Christian Topel

Anna Buschmann beim Einkaufen ihrer veganen Zutaten. (Fotos: Christian Topel)

Vom Fingerfood bis zum üppigen Menü: Mit ihrem Cateringunternehmen „Vega“ beweist Anna Buschmann, dass vegane Ernährung  nichts mit Verzicht zu tun haben muss.

Goldbraun glänzen die Ofenkartoffeln. Der Duft gerösteten Rosmarins liegt in der Luft. Die Hokkaido-Kürbis-Ecken zergehen auf der Zunge. Dann eine Gabel Sellerie-Schnitzel, knusprig paniert. Während ich ihre Kreationen verspeise, beäugt mich Anna Buschmann aufmerksam. Und lächelt vom einen Ohr zum anderen, als ich ein dickes Lob ausspreche. Die Rosenheimerin betreibt „Vega“, ein Ein-Frau-Catering-Unternehmen; ein Catering-Unternehmen der „exotischen“ Art allerdings; exotisch zumindest, was hiesige Fressgewohnheiten angeht. Hört sich unhöflich an, trifft aber zu. Der Großteil unserer Gesellschaft gehört zu den kulinarischen Gewohnheitstieren der Gattung „Omnivoren“ – Allesfresser.

Wobei sich dieses „Alles“ stark konzentriert. Sprich: In der Regel dreht, genauer gesagt, gruppiert sich auf unseren Tellern alles um Fleisch. Drumherum die  – schon dem Wortlaut nach untergeordneten – Beilagen. Andererseits gibt es seit geraumer Zeit eine Gruppe Menschen, die sich – wie die unbeugsamen Gallier den Römern – dem Fleischkonsum entgegensetzen. Aus den unterschiedlichsten Gründen (negative Auswirkungen von Viehwirtschaft auf Natur, Klima, Wasser; Zusammenhang zwischen Hunger und Massentierhaltung) und gottlob mit deutlich friedlicheren Mitteln!  

Bereits 1867 gründete ein gewisser Eduard Baltzer den „Deutschen Verein für natürliche Lebensweise“. Er darf damit als Vorreiter der deutschen Vegetarierbewegung gelten. 1892 schloss sich dieser Verein mit dem  Hamburger Vegetarierverein zum heutigen Vegetarierbund (VEBU) zusammen. Sein vorrangiges Ziel lautet bis heute: den Pro-Kopf-Fleischverbrauch in der Bevölkerung zu senken, um zu einer weltweiten Verbesserung ökologischer und gesundheitlicher Probleme beizutragen. Wenige sinds nicht, die auf diese Weise ein Herz für Tiere zeigen. Laut Hochrechnungen des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) und des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov verortet der VEBU in Deutschland derzeit rund 7,8 Millionen Vegetarier. 

Anna Buschmann geht noch einen Schritt weiter. Sie gehört sozusagen zu einer Minderheit innerhalb der Minderheit. Die 27-Jährige verzichtet nicht nur auf Fleisch, sie lebt – genau wie mittlerweile immerhin 900.000 Deutsche – völlig vegan. Das heißt: Anna ernährt sich (und folglich auch die Kunden ihres Caterings) komplett pflanzlich, also ohne jeglichen tierischen Anteil in den Speisen, seien es Fleisch, Fisch, Milch, Eier oder Honig. Darüber hinaus versucht sie, auch außerhalb der Küche ohne tierische Produkte wie Leder, Wolle oder Seide auszukommen. Das Wort „Verzicht“ nimmt Anna jedoch nicht in den Mund! Ganz im Gegenteil erschließe vegane Kost neue Genüsse, betont die Biologie-Studentin.

Genüsse, deren Zubereitung auch nicht aufwendiger wirkte, als die einer Portion Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat. Eine Dreiviertelstunde schaute ich Anna über die Schulter, während sie Feldsalat mit Ofenkürbis, Sellerieschnitzel mit Ofenkartoffeln und eine Weiße Mousse zauberte. Gewusst wie, lautet die Devise, wenn man zum Panieren weder Ei noch Butter verwenden darf oder ins Dessert keine Sahne soll. Und am Ende lautete die Erkenntnis: mit Brühe verrührtes Sojamehl klebt auch ohne Ei vorzüglich am Sellerie-Schnitzel, das in Pflanzenmargarine perfekt vor sich hin briet; die Ersatzsahne ließ sich problemlos steif schlagen und bestand den berühmten Kopfüber-Test mit Bravour. Zumal, erklärte Anna, das Ersatzprodukt deutlich weniger Fett enthalte als das aus Kuhmilch gewonnene Original. Viel entscheidender jedoch: Geschmacklich entpuppte sich das Menü als Gedicht, und die Mär vom mangelnden Sättigkeitsgefühl kann ad acta gelegt werden. Insofern dürfte Annas Plan aufgehen. Die in Beeskow bei Berlin geborene Autodidaktin möchte nämlich nicht missionieren. Vielmehr lässt sie ihr äußerst kreatives Catering für sich sprechen. Überzeugungsarbeit über den Gaumen quasi.  

Die Gesellschaft scheint jedenfalls bereit. Ob man es Boom, Trend oder Hype nennen will: die vegane Welt wächst. Nur ein paar Beispiele: Wurden 2011 zwölf vegane Kochbücher veröffentlicht, waren es 2012 bereits 23, im Jahr 2013 dann 50, 2014 schließlich kamen 77 vegane Kochbücher neu auf den Markt. Es gibt über ein halbes Dutzend Lifestyle-Magazine, die rein vegane Themen abhandeln, und mehr und mehr Restaurants mit rein veganer Küche. Selbst der bis vor kurzem noch relativ nervenaufreibende Einkauf entspannt sich zunehmend, seit vegane Nischen auch in ganz gewöhnlichen Supermarktregalen einziehen.  

Mit Soja, Seitan und Lupine stehen Köche vor einer neuen Herausforderung, und Küchen erschließt sich eine neue Vielfalt. Denn was vordergründig nach Einschränkung ausieht, ist in Wirklichkeit wie die Entdeckung eines neuen, üppig blühenden Kontinents. Anna freut sich fast diebisch, wenn sie wieder einmal der Angst eines jener Gewohnheitstiere den Gar ausmachen konnte. Der Angst, vegane Kost sei eintönig, saft- und kraftlos. Anna jedenfalls strotzt vor Gesundheit und Lebensfreude, und ihre genauso abwechslungsreichen wie reichhaltigen Köstlichkeiten lassen nichts, rein gar nichts vermissen. Vielleicht wird es langsam Zeit, alten Ess-Gewohnheiten Adieu zu sagen! 

www.vega-catering.de

 

Zurück