Symbiose in Woll

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Etwas anders gestrickt als herkömmliche Mode-Labels: „Made am Chiemsee“ steht für faire Stricksachen.

Schon beim Betreten des Ateliers ahnt man: Hier ticken die Uhren anders. Langsamer, bedächtiger, bewusster scheint die Zeit zu verstreichen, wenn man die leicht klemmende, blassblaue Tür hinter sich schließt und ein paar Schritte über den rohen Estrich zu dem handgemachten Bambustisch schlendert. An ihm sitzen die Inhaberinnen von „Made am Chiemsee“: Susanne Julinek und Eva Rabenberger.

„Wir können nicht nichts tun“, entschuldigen sie sich unisono dafür, die Hände während des Gesprächs nicht untätig in den Schoß legen zu können, sondern das Tagwerk fortspinnen zu wollen, während sie von ihrem Werdegang erzählen. Eva, gut doppelt so lang auf der Welt, dafür die jüngere in der Geschäfts-Partnerschaft, äugt angestrengt durch ihre Brille, während sie mit der Fadenspitze durchs Nadelöhr zielt. Susanne klaubt Farbkärtchen aus einem Katalog, die sie an ein hinter ihr an der Wand lehnendes, in Wirklichkeit weißes „schwarzes Brett“ pinnt – das „Moodboard“. Fotos, Postkarten, Zeitschriftenschnipsel und Farbkärtchen ergeben zuerst ein Stimmungsbild, irgendwann ein konkretes Farbkonzept. Die Umsetzungen früherer Farbfindereien liegen in den Regalen oder hängen an Kleiderstangen: Strickbekleidung, made am Chiemsee.

„Carpe diem“ – wenn man den beiden so zusieht, wie sie zwar beständig, aber völlig frei von Hektik vor sich hin arbeiten, dann scheinen sie den Sinnspruch auf seine ursprüngliche, buchstäbliche Bedeutung zurückzuführen. Das ist kein gestrenges Nutzenprinzip, dem die Frauen folgen, die zwei pflücken vielmehr, was der Tag so bringt. Und die Ernte dessen, was sie sich sähen, besteht nur in zweiter Linie aus monetärem Gewinn.

„Ätzend“ sei ihr erstes Berufsleben zum Ende hin gewesen, erinnert sich Eva Rabenberger: „Ich habe Produkte gemacht, die ich nicht mochte und musste in Länder, in die ich nicht wollte.“ Führten ihre Dienstreisen die frühere Produktionsleiterin großer Modehäuser zuerst noch nach Italien, maximal in die Türkei, durchquerte sie in späteren Jahren plötzlich Bangladesh oder China, wo sie stundenlange, holprige Zugfahrten hinter sich bringen musste, um zu den ärmlichen Stickereien zu gelangen. Was die zwei Prienerinnen zusammenschweißt – abgesehen von der unabhängig voneinander entdeckten Vorliebe für Reiswaffeln mit Tomatenmark – ist die Verachtung für jenen in sich und vom Konsumenten total entkoppelten Herstellungsprozess von Kleidung. Susanne, die ein paar Jahre im Mode-Management aushielt, fand es bemerkenswert und traurig zugleich, mit welcher Kaltblütigkeit Modehäuser Teile aus dem Sortiment strichen und im gleichen Atemzug hunderte Frauen irgendwo am anderen Ende der Welt auf die Straße setzten. Pech gehabt, the Show must go on...

„Ein nachhaltiges Produkt entsteht vor allem dann, wenn man es dort herstellt, wo es gebraucht wird“, findet demgegenüber das sich perfekt ergänzende Duo. Mit wirtschaftlichem Knowhow die eine, mit unersetzlichen Produktkenntnissen die andere; die aufstrebende, bildhübsche Vorzeigedesignerin und die mütterliche Verhandlungsführerin auf den Mode-Messen in Florenz oder Mailand. Ihre Rohstoffe, so viel Zugeständnis an eine globalisierte Welt gönnen sich die gleichberechtigten Geschäftsführerinnen dann gezwungermaßen doch, beziehen sie aus dem Ausland. Ihr Kaschmir, extrem feines und weiches Haar von in Nordchina und in der Mongolei lebenden Ziegen, wird einmal im Jahr durch bloßes Kämmen gewonnen. Das daraus gesponnene und gefärbte Garn beziehen sie von italienischen Spinnereien, die Knöpfe stammen aus der Steiermark.

Alles andere passiert hier, vornehmlich an den traditionellen Handstrickmaschinen im sonnenlicht-durchfluteten Atelier. Für Unbedarfte würde sich schon das Einfädeln der Wolle als unüberwindliches Gepfriemel gestalten. Schweiß und Tränen habe auch sie, Susanne, vergossen, ehe sie die Maschinen beherrschen lernte. Heute bilden hunderte kleiner Nadeln und Platinen blitzschnell eine Reihe Maschen, wenn Susanne den Strickschlitten hin- und her „ritscheratschen“ lässt. Weil sie Einzelteile wie Ärmel, Vorder- oder Rückenteile „in Form“ stricken, fällt kein Abfall an. Die Einzelteile ketteln Eva, Susanne (oder eine der auf stundenbasis arbeitenden Helferinnen) dann zusammen und vernähen sie. Gewaschen, gebügelt und mit dem „Made am Chiemsee“-Label versehen, gelangen die schnörkel- und schnickschnacklosen Pullis, Strickjacken, oder Schals schließlich in den Verkauf. „Basics“, die immer wieder farblich aufgefrischt oder der Größe des einzelnen Kunden angepasst werden, die ansonsten aber nicht den in der Branche üblichen Tod durch Neu-Kollektionszwang sterben müssen.

Mit dem Fahrrad, auf dem Gepäckträger eine gebrauchte Strickmaschine, so sei Eva eines Tages am Laden erschienen, erzählt Susanne. Sie hatten eine Weile gleichzeitig bei einem anderen Stricklabel gearbeitet, sich aus den Augen verloren und eines Tages im Supermarkt wiedergetroffen. Eva hatte der Modebranche zwischenzeitlich den Rücken gekehrt, dafür in Frasdorf zwei Töchter zur Welt gebracht, einen Montessori-Kindergarten gegründet und Englisch gelehrt. Susanne hatte gerade den Schritt gewagt und „Made am Chiemsee“ gegründet, Ende 2011, ganz allein, in diesem Gebäude, das schon immer Kreative,Chiemsee-Maler zum Beispiel, beherbergt hat. Eine erfahrene Partnerin wie Eva fehlte noch, um das Glück vom selbstbestimmten, vor allem fairen Arbeiten perfekt zu machen. Denn darum geht´s den Chiemsee-Strickerinnen schließlich: eine sinnvolle und erfüllende Arbeit zu tun, die auch anderen Freude bereitet; „Fair Knitwear“ herzustellen, faire Stricksachen, ohne Überproduktion, ohne Ressourcenverschwendung, dafür mit viel Liebe.

Zurück