Süßer der Advent nie klingt

Christian Topel

Fotos: Salzburger Heimatwerk

Jedes Jahr bewegend: Unter der Leitung von Hans Köhl stimmt das Salzburger Adventssingen auf Weihnachten ein.

Als „Bergmenschen“ bezeichnen Salzburger die, die keine Wohnung haben und stattdessen in den historischen Wehranlagen auf dem Kapuzinerberg hausen. Von da oben hat man einen herrlichen Blick auf das mondäne Treiben unten in der Altstadt und gegenüber, jenseits der Salzach, thront die Festung Hohensalzburg. Während die Obdachlosen der Stadtobrigkeit ein Dorn im Auge sind, versuchen karitative Einrichtungen, ein paar dieser Ärmsten der Armen wieder zurück in ein geregeltes Leben zu führen. Und dann ist da noch Hans Köhl. Der Geschäftsführer des Salzburger Heimatwerks nahm vor rund zehn Jahren regelmäßig den Weg hoch zu den vier Wehrtürmen auf sich, um das Gespräch mit den Wohnungslosen zu suchen. „Da sind Freundschaften entstanden“, sagt der Mann, dessen Einrichtung mitten im Herzen des Wohlstands liegt, unten, in der Altstadt, in der Neuen Residenz. 

Die europäische Heimatwerk-Bewegung sei im 19. Jahrhundert entstanden, erzählt Köhl, ausgehend von den skandinavischen Ländern mit ihren „Hausfleißeinrichtungen“, um von dort aus nach Zentraleuropa zu wandern – zuerst in die Schweiz, von da nach Deutschland und Österreich. Die Idee war im Grunde überall gleich: Es ging darum, in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zentren Plattformen zu bilden, die der ländlichen Bevölkerung ermöglichen sollten, ihre Erzeugnisse zu präsentieren und zu verkaufen. Vom handgeflochtenen Korb über den Bienenhonig bis hin zur Volkskunst. Daran hat sich bis heute nicht recht viel geändert, wenngleich sich die Strukturen und die Verbreitung jener Heimatwerke innerhalb des heute 13 Länder umfassenden europäischen Verbands doch stark unterscheiden.

 

Er wisse um seine Verantwortung dem Publikum gegenüber, betont Köhl, der selbst einige Jahre im Vokalensemble des Adventssingens auf der Bühne stand. Immerhin setze sich gut die Hälfte der Besucher aus Stammgästen zusammen. Köhl schmunzelt, als er von der Begegnung mit einer Dame erzählt, die quasi schon im Bauch der Mutter vom Virus der weihnachtlichen Waisen infiziert worden sei und der Veranstaltung nun seit 45 Jahren beiwohne. „Deshalb ist es eine Gratwanderung“, sagt Köhl. Diese Menschen möchte er mit seinen Inszenierungen keinesfalls irritieren. Doch manchmal verlange es die Zeit, nicht nur eine herzerwärmende Heilsgeschichte zu erzählen, die vor 2.000 Jahren passiert ist, sondern Bezug zur Gegenwart herzustellen. Und so recherchierte der gebürtige Ennstaler vor einigen Jahren eben im Milieu der Salzburger Obdachlosen, um deren Situation in einer der umstrittensten Aufführungen seiner Ägide in Relation zu setzen zur Herbergssuche von Maria und Josef.

Nicht minder provokant: Das Adventssingen, in dem Köhl die Lebenslinien eines hiesigen Hotelierssohns mit einer in zweiter Generation in Salzburg lebenden, bosnischen Muslima und einer alten Amerikanerin mit jüdischen Wurzeln kreuzte. Diese Geschichte, sagt Köhl, empfinde er als eine der wichtigsten aus seiner Feder. Habe sie doch viele Menschen sehr zum Nachdenken gebracht – und teils heftigste Reaktionen hervorgerufen! Sein Ansinnen sei es gewesen, auf die Unsinnigkeit des Streits, mitunter Kriegs zwischen Christen, Muslimen und Juden hinzuweisen. „Wir sind doch alle Kinder Abrahams!“, sagt Köhl. „Und doch“, fügt er nachdenklich hinzu, „weiß ich nicht, ob ich das heute noch so bringen könnte...“

Im Winter des Jahres 2018 hat sich ohnehin ein anderes, harmloses Thema aufgedrängt. Im Salzburger Land, in der Pfarrkirche zu Oberndorf, hat es das Licht der Welt erblickt. Und so lag es auf der Hand, die Entstehungsgeschichte des wohl bekanntesten und ergreifendsten Weihnachtsliedes der ganzen Welt in das Adventssingen einzuweben: „Stille Nacht“. Ein, wie Köhl sagt, von der Tonfolge her ganz einfaches Lied, komponiert in kirchenmuskalischer Stilistik. Wirklich viel wüssten wir gar nicht darüber, wie es sich damals wirklich zugetragen hat, als der Hilfspriester Josef Mohr und der Organist Franz Xaver Gruber am Heiligen Abend des Jahres 1818 in der Schifferkirche St. Nikola dieses schlichte Weihnachtslied erklingen ließen. War das Orgelpositiv beschädigt? Gab es eine Gitarre? Da sei im Laufe der Jahre viel hinzugedichtet worden. Das habe diese Geschichte übrigens mit der biblischen Herbergssuche gemeinsam, so Köhl. Auch da finden sich ja nur ein paar Zeilen im Lukasevangelium. Er habe seine Aufgabe darin gesehen, die Mythen und Legenden aufs Wesentliche zu verdichten.

 Hans Köhl sinniert über seinem Text.

Bis zu 200 Menschen koordiniert der künstlerische Gesamtleiter, um die Adventssingen zum Erfolg zu führen. Schauspieler, Sänger, Musiker und die herzigen Hirtenkinder auf der Bühne, einen ganzer Stab an Hilfskräften dahinter – darunter die Ehefrau und die beiden Kinder Köhls. Setze er dabei voll auf Teamarbeit, ziehe er sich beim Schreiben in die Einsamkeit zurück. „Woher die Worte kommen, weiß ich nicht“, sagt der Autor, der schon vor eineinhalb Jahren mit den Recherchen zum Stille-Nacht-Jubiläum begann. „Das muss eine Energie von außen sein!“ Eine Energie, die sich jedes Jahr vom ersten Adventswochenende an auf das Ensemble und von dort aufs Publikum überträgt.

www.salzburgeradventsingen.at

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