Streifzug durch die Braugeschichte

Christian Topel

Fotos: Christian Topel/Binder Bräu

Im „Tölzer Bau- und Volkskunsthaus“ werden 6.000 Jahre Braukunst lebendig – bei Speis und Trank. 

Die Zinnsoldaten sind bei näherer Betrachtung gar keine. Vielmehr hat sich Andreas Binder – bis 2012 Leiter des Bad Tölzer Stadtmuseums – 140 Schaukästen gesichert, die mithilfe bunter Zinnfigürchen die 6.000 Jahre alte Geschichte des Bierbrauens wiedergeben. Binder, ein gemütlicher Mittvierziger mit akkurat gestutztem Schnurrbart, hängte 2012 seinen Posten im Dienste der Stadthistorie an den Nagel, um sich quasi zu spezialisieren: Er gründete eine Schau-Bauerei, packte die mitten in sein neu ins Leben gerufene Wirtshaus und gliederte gleich noch das „Tölzer Brau- und Volkskunsthaus“ an. Ab 2017 sollen Besucher im ersten Stock des gegenüber des ehemaligen Alpamare gelegenen Gebäudes anhand jener  Dioramen sowie hunderter Originalexponate in die (Kunst-)Geschichte des Bierbrauens und der Bierkultur eintauchen. Herangeschafft hat etliche Exponate Binders Schwiegervater, ein Galerist und Restaurator.  Längst melden sich aber auch Sammler oder Traditionsgaststätten, um den Sohn eines Steinbildhauers mit Fundstücken zu versorgen.

Wahre Schätze aus vielen Jahrhunderten des Bierbrauens und -trinkens können Wirtshausgäste  schon jetzt bewundern, wenn sie die Augen von den Tellern losreißen und die Blicke umherschweifen lassen. Am besten man schnappt sich den Wirt und lässt sich ein wenig herumführen. In der Coletta-Stubn beispielsweise sitzt der Stammtisch unter zwei leicht frivolen Gemälden von Friedrich August von Kaulbach. Sie zeigen die Ende des 19. Jahrhunderts in Bayern als eine Art Werbe-Ikone zu Berühmtheit gelangte Kellnerin Coletta Möritz, die einen Mönch becirct – um sich als Teufel zu entpuppen. Eine Vitrine zeigt Stücke aus dem Leben von Studentenverbidungen:  Farbenfrohe Mützen zum Beispiel, die als Symbol für die Mitgliedschaft bei einer bestimmten Verbindung dienten. Ebenfalls zu sehen: Einige „Bierzipfel“, also farbige Bänder, deren Enden in Metall gefasst sind. Diese trugen Verbindungsstudenten am Gürtel. 

Fast obligatorisch für eine Sammlung rund ums Bier, konnte Andreas Binder zahlreiche prachtvolle Gläser und Krüge erwerben, darunter etliche aus der Jugendstilzeit. Ein Familienhumpn von 1640 trägt eine Email-Malerei von außerordentlicher Qualität. Heutzutage völlig aus der Mode: aus einem mit einem Sieb versehenen Gewürzkrug zu trinken. Zu Hofe, erklärt Andreas Binder, habe man das Bier früher gern mit allerlei Gewürzen versetzt – wenn auch weniger des Geschmacks wegen als zu Demonstrationszwecken. Man protzte schlicht mit seinem Reichtum, denn Gewürze waren ein Luxusgut. Nicht minder bewundernswert: das gut zwei Meter große Orchestrion. Sobald es hergerichtet wurde,  soll die  „Jukebox“ des 19. Jahrhunderts nach Münzeinwurf das „Flößer-Salettl“ mitsamt dem 3,5 Meter langen Relief des Bier „kutschierenden“  Flößers zum Beben bringen. Die Geschichte des Bieres  – hier wird sie lebendig!  

www.toelzer-binderbraeu.de

 

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