Stoffe, aus denen Träume sind

Axel Effner

Fotos: Melanie Franzl, Nina Rossa Fotografia

Als selbstständige Gewandmeisterin kleidet Alexandra Brandner Fernseh-, Kino- und Theaterfiguren ein.

Figuren wie Papageno oder Aida, Krieger aus Mittelerde, Feldherren aus dem Dreißigjährigen Krieg oder Superhelden wie Captain America und Thor: Sie alle verzaubern Zuschauer nicht nur Kraft der Schauspielkunst ihrer Darsteller, sondern auch dank des Einfallsreichtums und des Könnens von Menschen wie Alexandra Brandner. Sie verleiht den Rollen zusätzlich an Strahlkraft und Authentizität. Die 44-Jährige aus Garching an der Alz ist selbstständige Gewandmeisterin – und damit eine absolute Seltenheit in ihrem Beruf. Traditionell sind Gewandmeister in den Kostümabteilungen von Theatern oder bei Filmproduktionen angestellt. Sie setzen dort die Entwürfe des Kostümbildners um. Ihre Aufgabe ist es, sich mit dem künstlerischen Konzept der Inszenierung auseinanderzusetzen, die gewünschten Gewänder herzustellen und für ihre Instandhaltung zu sorgen.

Das hört sich einfach an, geht aber über die Fähigkeiten eines „gewöhnlichen“ Schneiders weit hinaus. Warum, das erfahren wir bei einem Besuch im neuen Atelier von Alexandra Brandner. Seit März letzten Jahres hat sie in Altötting in einem ehemaligen Fotostudio ihre Werkstatt mit prunkvollen Empfangs- und Ausstellungsräumen eingerichtet. Wandverkleidungen aus antikem Holz, Büsten mit historischen Gewändern oder von barocken Herrschern, eine Fotosammlung prominenter Kunden und Kerzendurft sorgen für eine kreativ-entspannte Atmosphäre.

„Was macht denn den Reiz und die große Anziehungskraft von Filmen wie ,Herr der Ringe‘ oder Serien wie ,Game of Thrones‘ und ,Downtown Abbey‘ aus?“, fragt Alexandra Brandner im Gespräch. Und gibt die Antwort gleich dazu: „Neben den Schauplätzen und der schauspielerischen Leistung gehören auch die Opulenz, der Detailreichtum und die Authentizität der Gewänder dazu.“ Bevor Gewandmeisterin Alexandra den ersten Schnitt setzt oder den ersten Knopf annäht, ist oft erst einmal Detektivarbeit gefragt.

 

Stammt das gewünschte Kostüm aus der Antike, der Renaissance, aus dem Barock oder dem Empire? „Ich muss nicht nur die Mode der jeweiligen Zeit kennen, sondern auch die damals üblichen Stoffe, Näh- und Verarbeitungstechniken, Farbzusammensetzungen und Unterbauten sowie die unterschiedlichen Schnitttechniken“, sagt die Altöttingerin. Ebenso sind landestypische Unterschiede zu Kostümen aus der gleichen Epoche zu beachten. Um diese Herausforderungen zu meistern, kann Alexandra nicht nur auf eine Ausbildung als Theaterschneiderin und Gewandmeisterin sowie auf ein Studium als Kostümbildnerin zurückgreifen. Know-how zieht sie auch aus ihrem Bestand an rund 2.000 Büchern unter anderem zu Ausstellungen, Museen oder zur Kostümgeschichte. „Bevor es losgeht, ist minutiöse Recherche gefragt“, erklärt sie. Dafür sammelt sie auf Flohmärkten auch eifrig alte Knöpfe, Stoffe, Borten und was immer sie gebrauchen kann. Immer wieder wird die Meisterin der Stoffe auch mit besonders kniffligen Herausforderungen konfrontiert. „Vor einiger Zeit kam ein Herr, der wollte für eine private Sammlung ein asyrisches Kostüm aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Da habe ich erstmal geschaut“, schildert sie grinsend. Nicht weniger herausfordernd war der Wunsch eines comicbegeisterten Brüderpaars aus der Region, die Outfits von Thor und Captain America aus den gleichnamigen Kino-Blockbustern haben wollten. „Ich bin da schier verzweifelt, weil das aus lauter kleinen Lederteilen zusammengesetzt war, die dauernd verrutscht sind.“ Aber Alexandra Brandner wäre nicht eine der besten ihrer Art, wenn sie nicht auch dafür eine Lösung gefunden hätte.

Die Gewandmeisterin stattet nicht nur zahlreiche Museen, Burgen und historische Umzüge mit detailverliebten Kostümen aus, sondern hat auch Outfits für den Kino-Blockbuster „Herr der Ringe“ geschneidert und die Filmstudios Babelsberg in Potsdam, Europas größten Filmfundus, beliefert. Für das ehemalige Wachsfiguren-Museum in Mozarts Geburtshaus in Salzburg hat sie im Auftrag eines arabischen Großinvestors sämtliche Kostüme genäht. „Das Meisterstück war ein Kleid für Papageno aus tausenden bunten Federn.“ Seit diesem Jahr ist sie für die Kostümleitung der Lehár-Festspiele in Bad Ischl verantwortlich. Ebenso vertrauen Klassikstars, Schauspieler, Volksmusiklegenden und Privatleute auf ihre Künste, wenn sie festliche Roben, Trachten oder Hochzeitskleider brauchen.

Für ihr eigenes Atelier schmiedet Alexandra Brandner große Pläne. Ihr schwebt eine „lebendige Werkstatt“ vor. „Eine befreundete Fotografin bietet dazu die Möglichkeit an, sich im historischen Traumkleid oder Kostüm ablichten zu lassen“, erklärt sie. Inspiriert haben sie Besuche in englischen Museen, wo das Erinnerungs-Foto im historischen Outfit quasi obligatorisch ist.

Eine kreative Atmosphäre zieht sich durch die gesamte Werkstatt-Kulisse. Auf einem großen Tisch schneidet Alexandra die Stoffmuster zu, hinter sich im Regal die Schätze aus der Bibliothek zum Nachblättern. An mehreren Nähmaschinen nehmen die Gewänder Gestalt an, bevor sie auf der Büste perfekt in Form gebracht werden. In den Regalen der antiken Schränke warten derweil große Gläser voller Knöpfe, Pailletten, Perlen, Applikationen und anderem Zubehör sowie Wickelbänder mit Borten und verzierten Bändern auf ihren Einsatz. Um die Aufträge bewältigen zu können, geht der Gewandmeisterin inzwischen eine Auszubildende zur Hand. Nach einem weiteren Nachwuchstalent ist sie gerade auf der Suche.

Auch sonst ist die „Stoffzauberin“, die 1995 in den Grüben in Burghausen ihr erstes Atelier begründete, sehr umtriebig. Nicht als Gewandmeisterin, sondern als Jurymitglied war sie im letzten Sommer in der Versteigerungsshow „Viel zu bieten“ von ZDFneo zu sehen. Darin bewertete sie zusammen mit drei anderen Juroren Fundstücke, Raritäten, Kunststücke, Musiknummern oder ähnliches. Mit nicht weniger Ehrgeiz verfolgt sie ein anderes Herzensanliegen: Zusammen mit einer befreundeten Fotografin will sie ein Buch zur Kostümgeschichte veröffentlichen. „Auf Deutsch. Da gibt es nämlich bisher nichts Fundiertes“, sagt sie – und zeigt fast erstaunt auf ihre Armada an Fachbüchern.

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