Stahlriesen und Wunderwelten

Axel Effner

Fotos: Effner/Falkinger/Privat

Bei der 7. Trostberger Kunstmeile machen rund 75 Künstler aus Deutschland, Österreich und Italien eine ganze Stadt zur Kunstarena.

Rund drei Wochen bevor in Kassel mit der Documenta die weltweit größte Ausstellung zeitgenössicher Kunst eröffnet wird, erlebt Südostbayern ebenfalls ein Kunstspektakel von ganz ungewöhnlicher Dimension. Im Rahmen der 7. Trostberger Kunstmeile machen 75 Künstler und 200 Ausstellungsobjekte die Alzstadt vom 18. Mai bis 5. Juni zu einem Zentrum der Gegenwartskunst. Führungen, Schulprojekte, Dokumentarfilme über zwei Künstlergrößen im Kino sowie ein großes Rahmenprogramm lassen die Kunstmeile zu einem besonderen Kulturereignis werden.

Seit 2005 findet es alle zwei Jahre statt. Bei einem rund 1,6 Kilometer langen Spaziergang durch die Innenstadt kann man in lauschigen Auenlandschaften, auf Wegen und Plätzen, vor Schulen oder in unterschiedlichen Ausstellungsräumen auf Entdeckungsreise gehen. Skulpturen aus Stahl, Bronzeplastiken und Holzfiguren wechseln mit Installationen und Ölgemälden, verfremdeten Fotocollagen oder Zeichnungen. Der neugebaute und im Mittelalterstil konzipierte Wohnturm zu Schloß Schedling oder das modern-lichtvolle Atrium des Stadtmuseums sorgen für reizvolle Wechselwirkungen von Kunstwerk und Architektur.

Den besonderen Reiz schildert Kulturamtsleiterin Dr. Johanna Steiner so: „Die Kunstmeile ist zeitlich und örtlich begrenzt, und das macht ihr Erleben besonders intensiv. Da kommt ein großes kreatives Potential ans Tageslicht, unterschiedlichste Kunstwerke prägen plötzlich das gesamte Stadtgebiet und bestimmen die Wahrnehmung im öffentlichen Raum. Das regt unmittelbar zur Auseinandersetzung an, und zwar nicht nur Kunstkenner.“ Die bisherigen Events zogen jeweils mehrere tausend Besucher an. Steiner gehört zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Monika Wiedl sowie Dr. Rainer Lihotzky, ehemals Kulturreferent der Stadt, und Werner Pink, dem Initiator der Kunstmeile, zum Gremium, das die Auswahl der Künstler getroffen hat.

Anerkannte Künstler und Neuentdeckungen

„Mit 120 Künstlern hatten wir noch nie so viele Bewerbungen wie diesmal“, erklärt Pink. „Die Auswahl ist immer wieder eine Gratwanderung. Wir versuchen einen gewissen Stamm auch an anerkannten Künstlern zu halten und öffnen die Kunstmeile aber ebenso für unbekannte Talente und Neuentdeckungen.“

Bei der Auswahl der Künstler kann der 68-jährige Pink auf ein reiches Netzwerk an grenzübergreifenden Künstler-Kontakten zurückgreifen. Viele fruchtbare Begegnungen ergaben sich beim gemeinsamen Hantieren mit Schweißbrenner und zentnerschweren Eisenplatten: bei den seit 1988 jährlich veranstalteten Stahlsymposien im oberösterreichischem Kraftwerk Riedersbach.

Vor knapp 30 Jahren ließen deutsche und österreichische Bildhauer während der Sommerpause des grenznahen Kohlekraftwerks in der Gipshalle erstmals ihrem künstlerischen Gestaltungswillen im Umgang mit Stahl freien Lauf. Die mitunter sehr beeindruckenden Ergebnisse der zahlreichen Arbeiten waren im Stahlpark Riedersbach zu bewundern.

Als ehemaligen Inhaber eines Autohauses verbindet Pink nicht nur die jahrzehntelange Übung im Umgang mit veredeltem Blech mit dem Stahlsymposion in Riedersbach. Dessen Initiator und künstlerischer Leiter, Professor Karlheinz Schönswetter, ermunterte Pink auch zur Veranstaltung der ersten Trostberger Kunstmeile im Jahr 2005. In einem Kraftakt ohnegleichen versammelten Pink und sein Organisationsteam seinerzeit mit finanzieller Unterstützung der Stadt und Sponsoren aus der Wirtschaft 40 Künstler zu einem vielbeachteten Ausstellungsevent. Schönswetter hielt damals die Eröffnungsrede. Im Jahr darauf starb der umtriebige Pädagoge, Kunst- und Kulturberater allerdings unversehens.

Vom häufigen Symposionsteilnehmer ist Pink inzwischen somit zu einer Art Erbwalter von Schönswetters Begeisterung für die Kunst geworden. Nach dem Beginn 1988 kam im letzten Jahr das Aus für das Stahlsymposion in Riedersbach. Die Energie AG aus Linz legte als Betreiber das Kohlekraftwerk still. Auf dem Gelände des Stahlparks mit seinen Kunstwerken soll bald ein neues Rechenzentrum entstehen. Die letzten der noch nicht abgeholten Stahlkunstriesen sind derzeit im ehemaligen Kohlelager abgestellt. „Wir wollen wenigstens einen Teil des imposanten Skulpturenparks bewahren und ihm in Form einer Dauerausstellung in Trostberg ein Andenken setzen, bevor sich die Werke in alle Winde zerstreuen“, sagt Pink bei einer Besichtigung vor Ort. Bisher bildeten die Stahlskulpturen einen zentralen Kern der Trostberger Kunstmeile. Ein zweiter Standort des angedachten „Stahlparks über Grenzen“ ist im österreichischen Ried im Innkreis vorgesehen.

Rund 30 Werke will Pink in Absprache mit den Künstlern wenigstens für einige Jahre in der Alzstadt ausstellen. Mit einem majestätischen Drachen und einem begehbaren Kopf aus Stahl setzt Pink bei der diesjährigen Kunstmeile eigene Akzente.

„Ein wichtiges Anliegen ist uns, mit der Kunst Brücken zu schlagen“, formuliert Mit-Organisator Dr. Rainer Lihotzky ein wichtiges Ziel der Trostberger Kunstmeile. Brücken zwischen Künstler und öffentlichem Raum, Brücken zum Euregio-Nachbarn Österreich und zu Italien, aus denen eine ganze Reihe von Künstlern kommen, und Brücken zwischen den Kulturen. Auf diese Weise entstanden im Rahmen eines Schulprojekts mit der Realschule unter dem Motto „Integration“ im künstlerischen Dialog Selbstporträts von Flüchtlingen.

Im Trostberger Stadtkino sind die Zeichen ebenfalls ganz auf Kunst gestellt. Passend im Anschluss zu drei öffentlichen Kunstführungen durch die Stadt zeigt Lichtspielhausbetreiber Christoph Loster Film-Dokumentationen über den Leipziger Neo Rauch, einen der erfolgreichsten deutschen Maler der Gegenwart, und über die Künstler-Legende Joseph Beuys. Einstimmen können sich die Besucher auch hier durch die im Kinofoyer ausgestellten Kunstwerke.

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