Stärke, die von innen kommt

Christian Topel

Foto: Christian Topel

In der KwonRo Sprtschule trainieren auch viele Frauen. Taekwondo verleiht ihnen Kraft und Selbstvertrauen – privat und im Berufsleben.

Von wegen „seinen Mann stehen“. In der Rosenheimer KwonRo Sportschule tummeln sich auch jede Menge Frauen, um während des Trainings Kraft zu tanken – und das schon viele Jahre lang. Großmeister Stefan Roitner betont das derzeit ganz bewusst. Denn das Geschäft mit der Angst boomt. Selbstverteidigungskurse schießen aus dem Boden. Und manche sind nur aufs schnelle Geld aus. Woran Frau die schwarzen Schafe der Branche erkennt? „Wer Interessentinnen vorgaukelt, sie könnten sich nach ein paar Stunden Training gegen eine Übermacht männlicher Angreifer zur Wehr setzen, der lügt“, betont Stefan Roitner. Darum setzt er viel früher an.

Wie Polizeistatistiken zeigen, werden Menschen mit einem sicheren und selbstbewussten Auftreten wesentlich seltener angegriffen als solche, die duckmäuserisch und damit wie potenti­elle Opfer wirken, weiß Roitner. Nicht minder wichtig sei es, mögliche Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen, um ihnen aus dem Wege zu gehen. Natürlich erlernen Roitners Schüler – ganz egal, ob Mann oder Frau – in der KwonRo Sportschule waschechte Selbstverteidigungs-Techniken. Von der gehörigen Portion Fitness, die KwonRo-Mitglieder erwerben, ganz zu schweigen. Doch zeigt gerade der völlig gewaltfreie Aspekt des „erhobenen Hauptes“ seine spürbare Wirkung. Beste Beispiele sind Natalia Gambardella und Claudia Heppekausen.

Beide Frauen gehören in der KwonRo Sportschule zu den „alten Hasen“. Beide trainieren seit über zehn Jahren mit, haben sich den Schwarzgurt-Status erarbeitet und unterstützen Stefan Roitner inzwischen auch als Ausbilderinnen. Sie sagen: Durch das Taekwondo sei ihr Selbstvertrauen so gestiegen, dass sie privat und beruflich ungemein profitieren. Natalia Gambardella beispielsweise arbeitet bei einem internationalen Mode-Unternehmen. Es lässt viel in China produzieren und die eher kleingewachsene Rosenheimerin muss regelmäßig ins Land der Mitte reisen, um mit Lieferanten über Preise, Qualität oder Liefertermine zu verhandeln. Ihre Ansprechpartner sind in der Regel: Männer. Und obwohl die nie beobachtet haben, wie die 43-Jährige beim Bruchtest mit der bloßen Faust ein zwei Zentimeter dickes Brett zerschmettert, begegnen sie ihr mit höchstem Respekt. „Allein aufgrund meiner Haltung“, sagt Gambardella.

In einer Männerdomäne muss sich auch Claudia Heppekausen behaupten. Als Fachanwältin für Arbeitsrecht und Insolvenzrecht steht sie ebenfalls meist männlichen Kontrahenten gegenüber. Oder es gelte, seinen Standpunkt vor Richtern mit Nachdruck zu vertreten, erklärt die 37-Jährige. Beide, Claudia Heppekausen und Natalia Gambardella, sind felsenfest überzeugt, dass ihnen die Kampfkunst zu einer respekteinflößenden, inneren wie äußeren Haltung und einem selbstbewussteren Auftreten verholfen hat. Ein Selbstbewusstsein, konkretisiert Gambardella, das im Trainingsalltag stetig mitwachse mit den gemeisterten Aufgaben.

Das Taekwondo nämlich bietet körperliche und geistige Herausforderungen. Herausforderungen, die sich zunächst oft als überraschend vielfältig erweisen und unüberwindbar erscheinen: Das Aufwärmstretching, die Grundtechniken, die Kraftausdauer oder der Freikampf. Gambardella und Heppekausen betonen jedoch: „Gerade das begeistert uns so am Taekwondo. Keine Trainingseinheit gleicht der anderen.“ Und mithilfe der Gemeinschaft meistere man letztlich alle Hürden – auch außerhalb des Trainingsraums.

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