St. Johanner Wolkenfall

Andreas Jacob

Fotos: Andreas Jacob

Für ambitionierte Sportler und sportliche Familien eignen sich die neuen Klettersteige am Kitzbüheler Horn. Uns überraschten sie mit wundersamen Wolkenformationen.

 

Mittwoch. 17 Uhr. Feierabend – zumindest für die meisten Büromenschen. Andi Altmaier und ich wollen allerdings nicht nach Hause, sondern hoch hinaus. Der Plan lautet: frühabendliche Erkundung des Klettersteigs am Kitzbüheler Horn. Der Gipfel gilt als einer der schönsten Aussichtspunkte in den Kitzbüheler Alpen, man soll eine atemberaubende Rundumsicht über das Kaisergebirge und bis hin zu den Loferer und Leoganger Steinbergen genießen. Also hüpfen wir ins Auto und düsen nach St. Johann.

An der Bergbahn Harschbichel angekommen geht es mit der Gondel hinauf zur Bergstation auf 1.604 Meter. Unterwegs bangen wir ein bisschen, ob wir uns verspekuliert haben in Sachen Panorama. Statt blauem Himmel und Sonnenstrahlen umschließt uns eine dichte Wolkendecke. Eigentlich sollen wir ja beeindruckende Bilder mit heim bringen – ob das was wird?

Von der Bergbahn geht es ein paar Meter bergab bis zu dem Schild, das Richtung Klettersteig weist – und siehe da, die Spitze des Horns mit seiner markanten Antenne blitzt kurz durch die Watte. Vielleicht haben wir doch noch Glück mit dem Wetter! Die gut 250 Höhenmeter bis zum Einstieg spazieren wir gemütlich in einer halben Stunde. Wer sich noch etwas unsicher ist oder einfach nur erste Erfahrungen in einem Klettersteig sammeln möchte, kann links zu einem Übungsklettersteig abbiegen. Der ist leichter und deutlich kürzer als der Hauptklettersteig, aber dennoch nicht zu unterschätzen: Einige Stellen sind auch hier mit dem Schwierigkeistgrad C ausgeschrieben.

Erfahrung haben wir inzwischen genug, also lassen wir die Aufwärmrunde links liegen und widmen uns direkt dem Hauptsteig. Jedoch erst, nachdem wir eine Runde pures Glück getankt haben. Hier, auf 1.850 Metern, blicken wir hinunter auf die Wolkendecke, die wie ein Ozean gegen das Gebirge schwappt. Der absolute Wahnsinn: Sogar ein Wolkenfall stürzt in die Tiefe. Wir waren wahrlich schon oft in den Bergen unterwegs und haben nahezu jedes Wetter mitgemacht – doch solch einen mystischen Anblick durften wir noch nie erleben. Mir fällt keine bessere Beschreibung ein für meine Gefühlswelt als: vollkommen geflashed. Minutenlang beobachten wir die weißen Wogen, ehe wir uns losreißen können, um uns unserer Mission zu widmen.

Nach einigen Aufschwüngen, die teils auch etwas knackiger werden, gelangen wir zu einem großen Grasband, auf dem wir noch einmal eine kurze Rast einlegen. Nicht aus Gründen der Erschöpfung – der Blick ist nur wieder so phänomenal! Und da wissen wir noch nicht, dass es oben sogar noch besser werden wird... Zuerst  haben wir aber wieder einige steile Stücke zu überwinden, plattige Aufschwünge, bevor der Klettersteig in einen gesicherten Grat übergeht, der uns wiederum eine wildromantische Weitsicht ermöglicht. Mit diesem Wolkenmeer  unter den Füßen kommen wir uns vor, als wären wir weiß Gott wo auf dieser Welt unterwegs – aber gewiss nicht in den heimischen Bergen.

Rund eine Stunde brauchen wir letztlich für die 150 Höhenmeter aufs Kitzbüheler Horn. Wir empfanden sie als abwechslungsreich und durchaus anspruchsvoll. Als wir oben an der Plattform auf 1.996 Metern herauskommen, belohnt uns Mutter Natur mit einem Schauspiel, das kein Computer kitschiger, kein Maler farbenprächtiger, kein Drehbuch herzergreifender hinbekommen könnte. Die Wucht der scheinbar vom Rand der Welt fallenden Wolken, die Schärfe des sich in den Himmel bohrenden Wilden Kaisers, das Feuer der untergehenden Sonne – wir können Campino nur zustimmen: An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit!

Ein Ende muss es aber geben, leider. Um nicht in der Dunkelheit hinunter gehen zu müssen, reißen wir uns los. Abstieg! Es geht durch den Spielplatz des Gipfelhauses, an dessen Ende ein Schild Richtung St. Johann zeigt. Wir folgen einem schmalen Jägersteig, überqueren Almwiesen und kommen nach etwa einer Dreiviertelstunde wieder am Ausgangspunkt an. Wer die Tour tagsüber unternimmt, kann von hier ab bequem mit der Gondel abfahren.Für uns heißt es: Fußmarsch. Glücklich speichern wir dieses erhabene Erlebnis ab.  

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Anforderung: C/D
Höhendifferenz: 150 HM
Gehzeit: ca. 1 Stunde
Gebirge (Region): Kitzbüheler Alpen
Einkehrmöglichkeit: Harschbichlalm oder zum Beispiel Angereralm
Ausgangspunkt: Bergbahn Harschbichl
Beste Tourenzeit:

Juni bis Oktober

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