Sport mit Sexappeal

himmeblau Redaktion

Fotos: Andreas Jacob

Echter Sport oder zwielichtige Unterhaltung? himmeblau-Autorin Constanze Haslacher wagt sich an die Poledance-Stange.

Den Hype mach ich nicht mit! – lautete mein Vorsatz vor ein paar  Jahren, als „Poledance“ aus den Stripschuppen in die Fitnesstudios schwappte und nahezu jede Frau sich aufmachte, ihre „Innere Göttin“ zu suchen (wie es die Protagonistin einer bekannten Erotikschinken-Reihe beschreiben würde). Neue Arten des Schwitzens zu entdecken ist eigentlich genau mein Ding, doch dieser Trend war selbst mir zu schick. Ich blieb der Stange fern! Heute ist der Hype eine etablierte Sportart geworden. Und so sehr ich mir auch einredete, nicht überall dabei sein zu müssen, war ich doch oft neidisch, wenn Bekannte prahlten, endlich den „Superman“ oder den „Flatlined Scorpio“ geschafft zu haben. Ich hingegen – ich kann 50 Liegestütze! Interessierte irgendwie niemanden, mich dafür das Poledancen immer mehr. Also beschloss ich, doch noch auf den Wagen aufzuspringen. Da ich eine Befürworterin professioneller Herangehensweisen bin, wollte ich nicht im nächstbesten Kurs mit „turnen“, sondern schrieb mich für einen Level 1 Kurs beim größten Anbieter Tirols ein, dem Poledance-Studio Innsbruck.

Stunde eins: Das Studio ist pink! Wirklich! Überall! Ich frage mich, ob man in einem schwarzen T-shirt überhaupt mitmachen darf. Als ich den Saal betrete, sitzen schon ein paar Mädchen auf Yogamatten. Sie tragen auch alle falsche Farben, bin ich beruhigt. Wir beginnen mit Aufwärmübungen: eine Mischung aus Ballett, Kraftübungen und Yoga. Nach Plié, Liegestütz und Sit-ups bin ich nicht nur warm, meine Wasserflasche ist auch halb leer. Die Frau mit dem langen Zopf ganz vorne sagt, es sei wichtig, die Muskeln jetzt aufzubauen, die man später für die Haltefiguren an der Pole (-Stange) braucht. Klingt plausibel. Also anstrengen! Beim Dehnen sind die persönlichen Grenzen schnell erreicht. Wir lassen uns aber nicht entmutigen, denn jetzt beginnen die Übungen an der Pole.

Wir erlernen den „Fireman“. Dabei klemmt man die Achillessehne des einen Fußes von vorne und das vordere Fußgelenk des anderen Fußes von hinten gegen die Stange. So dreht man sich dann um die Pole, bis man am Boden ankommt. Wir kommen alle schneller dort an als im Idealfall, aber es funktioniert dennoch besser als erwartet. Da wir immer zu zweit üben, hat man erstens direkte Rückmeldung zu den Fehlern, zweitens immer wieder kurze Pausen. Die braucht man auch! Nach ein paar Mal üben sieht es schon ganz gut aus. Wir probieren noch den „Prayer Slide“. Dabei hält man sich mit beiden Händen an der Stange fest, gibt hinten die Zehen zueinander, macht ein Hohlkreuz und rutscht möglichst elegant „stangab“. Am Schluss fragt uns die Dame mit dem langen Zopf, die Linda heißt, ob einer von uns leicht übel wird. Eine beunruhigende Frage. Wir sehen sie mit aufgerissenen Augen an. Übungen an der „Spinning Pole“ stehen uns bevor. Dabei ist die Stange nicht statisch, sondern dreht sich um die eigene Achse. Ich werde tatsächlich seekrank. Macht aber Spaß – Karussell fahren macht ja auch Spaß. Dann ist die erste Einheit überstanden, mitsamt blauer Flecken an so manchen Schienbeinen.

Stunde zwei: Wir kennen uns jetzt schon – 90 Minuten miteinander schwitzen verbindet. Linda trägt  heute keinen Zopf. Wir lernen den „Backhook“ und den „Ballethook“. Ich verzweifle ein wenig am „Sit Pretty“.  Ich kann mich einfach nicht von der Stange weghalten, stattdessen sehe ich aus wie ein nasser Sack. Da überall Spiegel hängen, kann man sich vor dieser Realität leider nicht verschließen. Linda meint, ich hätte die Hände zu nahe beieinander. Okay, so geht es besser, aber meine Kraft lässt langsam nach. Mut macht, dass die anderen Ladys auch schon ein wenig wie nasse Säcke aussehen.

Stunde drei: Der Muskelkater kneift heute besonders böse. Eine kleine Erinnerung daran, dass man hier Muskeln trainiert, von denen man vorher nicht mal wusste. Die Nasse-Sack-Übung vom letzten Mal funktioniert heute auf einmal. Vielleicht, weil ich sie gleich zu Anfang versuche und nicht erst, wenn ich schon völlig am Ende bin. Wir lernen den „Flirty Fireman“ und das „Sunwheel“, bei dem ich die  Beine gar nicht mehr zur Unterstützung an der Stange habe und mich mit den Armen wegstemme. Beim  „Chair“ schließlich soll man sich an der Stange festhalten und so tun, als sitze man auf einem Stuhl – der aber nicht da ist, was meine Bauchmuskeln auch sehr schnell beanstanden.

Bei Linda sehen die Figuren mühelos aus. Ich finde das ein bisschen unfair und hoffe, sie trainiert schon viele, viele Jahre. Ich werde enttäuscht: Vor zweieinhalb Jahren erst hat sie begonnen, und unterrichtet seit einem halben Jahr selbst. Dann hat sie aber vorher Gymnastik gemacht? Nein, Fußball habe sie gespielt, lacht sie. Zum Poledance kam sie über eine Freundin und war der Sportart gleich  verfallen: „Das ist eine Sportart, bei der man gleichzeitig Spaß hat und seinen ganzen Körper trainiert“, sagt sie. „Mir gefällt am Poledance, dass man sein eigenes Ding machen kann. Manche konzentrieren sich auf die Kraftübungen, andere auf den sexy Aspekt und ich mag das Tänzerische am liebsten“, ergänzt Sarina, eine andere Trainerin. Sexy, da fällt das Stichwort. Ich muss fragen, ob der Sport noch stark mit dem Zwielichtigen verwechselt wird, in dem er zweifelsohne wurzelt. Linda räumt ein, dass viele ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen könnten, wenn sie erzähle, an der Pole zu tanzen. Im  Grunde sei der Sport aber als solcher etabliert. Wer einmal zugeschaut hat, weiß, um was es wirklich geht. Und die Meisten kommen wieder. Die Kurse finden täglich statt und sind fast immer ausgebucht.

Wie entstand das Poledancestudio Innsbruck? Gründerin Veronique Claerebout – die sich derzeit in New  York weiterbildet – kam für ihr Sportstudium nach Innsbruck. 2011 eröffnete die Luxemburgerin das erste Poledancestudio der Stadt. Heute ist es das größte in Tirol. Für alle, für die Poledance „too last year“ ist, bietet sie auch Aerial Yoga, Aerial Hoop Akrobatik und Suspension Training an. Doch der Hauptaugenmerk liegt auf der Stange. Und wem das nicht gefallen könnte – weiß ich nicht. Ich  jedenfalls freue mich auf Stunde vier, wo ich fest vorhabe, den „Chair“ zu meistern.

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