Seilschaft für Geist und Körper

Christian Topel

Fotos: Gibbon

Einst war Slacklinen ein Szene-Spaß für die Kletterszene. Auch dank des innovativen Herstellers GIBBON wird der „Drahtseilakt“ mehr und mehr zum Breitensport und erobert gar physiotherapeutische Praxen.

Mexico Stadt. Ein Moloch mit fast 9 Millionen Einwohnern. Die beiden höchsten Gebäude: der Torre Reforma und der Torre Bancomer. Hier hat der Rosenheimer Extremsportler Alexander Schulz im Jahr 2017 die längste (217 Meter) und höchste (247 Meter) urbane Highline – also eine in schwindelerregender Höhe gespannte Slackline – überquert. Weltrekord. Ortswechsel nach München, in die Weltstadt mit Herz und weltbekannter grüner Lunge: Sobald die Temperaturen es zulassen, spannen im Englischen Garten junge Leute ihre Seile zwischen die Bäume und balancieren von früh bis spät.

Wenn man ans „Slacklinen“ denkt, hat man solche Bilder im Kopf: entweder spektakuläre „Drahtseilakte“ über natürliche sowie städtische Schluchten, oder hippiesk angehauchte Cliquen, die in Parks oder am Baggersee neidvolle Blicke auf sich ziehen.

Slacklinen kann jeder!

Robert Käding, Gründer von GIBBON, einem der weltweit größten Hersteller von Slackline-Equipment, weiß, woran das liegt: „Slacklining entstand in den 1970er Jahren als Schlechtwetter-Alternative für Kletterer, die sich so im Base Camp die Wartezeit vertrieben.“ Bis heute besteht eine enge Verbindung zwischen Kletterszene und Slacklinern. Es gibt zahlreiche Wettkämpfe und Events, mit cooler Mucke und aberwitzigen Leistungen auf dem Seil. Auch GIBBON unterstützt ein Team aus professionellen Slackline-Athleten. Doch Robert Käding erkannte auch schnell, das viel mehr als nur „Szene-Potential“ in diesem so einfachen Prinzip steckt: ein Seil zu spannen und darauf zu balancieren.

Als echte Breitensport-Alternative etabliert GIBBON das Slacklinen durch Produktinnovationen wie beispielsweise die „Slackracks“ – clevere Konstruktionen, die es erlauben, unabhängig von „Stützpunkten“ wie Bäumen oder Felsen, drinnen wie draußen, nur ein paar Zentimeter über dem Boden diesen Sport zu betreiben. Eine eigens entwickelte App leistet Hilfe bei den ersten Schritten auf dem Seil und vernetzt die Anwender zur eingeschworenen Community. Käding versichert: „Damit ist Slacklinen genauso kinderleicht zu erlernen wie Fahrradfahren!“

Doch auch im therapeutischen Bereich und als Fitnesstraining setzt sich Slacklinen mehr und mehr durch. Das bestätigt auch Ramona Walch. Die staatlich geprüfte Physiotherapeutin setzt bei sich in der „Praxis für Naturheilkunde und Physiotherapie Curt Regner“ in Glonn mit Vorliebe Slackracks ein. Slacklines, sagt sie, seien vorzügliche Therapiegeräte. Zum einen mache es ihr als Therapeutin Spaß, einen neuen, modernen Ansatz einzubringen; zum anderen vereine das Slackrack viele verschiedene Geräte in einem und könne so ganz unterschiedlichen Patienten helfen.

Koordination und Gleichgewichtssinn

Von der Orthopädie bis zur Neurologie: Überall, wo Balance, Koordination oder Körperstabilität gefragt ist beziehungsweise wiedererlangt werden muss, punktet eine Slackline-Therapie. Ramona Walch schätzt darüber hinaus zwei Aspekte: Auf der Slackline werde quasi wie nebenbei über die eigentliche Indikation hinaus therapiert. Das heißt: Ob man wegen eines Gelenk-, Muskel- oder Bänderschadens balanciert, man stärkt sich automatisch ganzheitlich. Zudem würden sowohl sehr alte als auch sehr junge Patienten tolle Erfolge erzielen. „Viele Senioren schaffen plötzlich wieder Bewegungen, von denen sie nie zu träumen wagten“, schwärmt Walch. Und Kinder, so die Physiotherapeutin, empfänden klassische Therapieansätze oft langweilig und es mangele ihnen an Motivation. Der unkonventionelle Ansatz lasse sie völlig vergessen, sich in einer therapeutischen Situation zu befinden. Kindern wieder zu mehr Körpergefühl und Selbstbewusstsein zu verhelfen, hat sich dementsprechend auch Robert Käding auf die Fahnen geschrieben. GIBBON kooperiert mit mehr und mehr Schulen, die Slackracks im Sportunterricht einsetzen. Spielerisch werden Koordination und Gleichgewichtssinn gefördert, nehmen die jungen Leute eine bessere Haltung ein und bauen mehr Tiefenmuskulatur auf. Nicht zuletzt, freut sich der Geschäftsführer des Slackline-Herstellers, unterstützen sich die Schüler gegenseitig und erleben gemeinsam Erfolge. Angesichts all dessen darf man schon mal fragen: Geht Ihr noch, oder balanciert Ihr schon?

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