Sehnsuchtsorte und Plätze der Glückseligkeit

Verena Kögel

Text: Verena Kögel, Fotos: Andreas Jacob & Kerstin Weidemeyer

Die Interior Designerin Stephanie Thatenhorst zaubert bei ihrer Arbeit Seele in neue Räume – charmantestes Beispiel: eine umgebaute Scheune im Chiemgau!  

Montagmorgen, 6:30 Uhr, der Wecker bei Familie Thatenhorst klingelt – und der werktägliche Wahnsinn beginnt! „Bis halb acht herrscht bei uns Rambazamba“, sagt Stephanie Thatenhorst lachend. Aufstehen, anziehen, frühstücken, Schulzeug beziehungsweise Büromaterial zusammenpacken – dann geht´s los: Die beiden Jungs Jonny und Jimmy fahren in die Ganztagsschule, Gatte und Gastronom Markus in eins seiner Restaurants und Stephanie geht gegenüber in ihr Architekturbüro, ein heller Altbau mit hohen Wänden und stilvollem Stuck an der Decke, mitten in München Schwabing. Ein Zwölf-Stunden-Tag steht ihr bevor. Schließlich betreuen sie und ihr Team immer mindestens zehn bis zwanzig Projekte gleichzeitig.

Ein Team, das sicher nicht die Regel darstellt in dieser Branche. Bei „Stephanie Thatenhorst Interior Design“ arbeiten ausnahmslos Frauen. „Wir acht bilden ein wirklich starkes Team. Von wegen Stutenbissigkeit!“, sagt Thatenhorst. Ein Zusammenhalt, den die weltweit gefragte Münchnerin sehr zu schätzen weiß, hilft er doch, so unterschiedliche Projekte wie private Appartements, Restaurants, Büros, Hotels, Showrooms und Messe-Stände zu einzigartigen Orten zu machen. „Als Interior Designerin ist es meine Aufgabe, Mensch und Raum in Einklang zu bringen. Geborgenheit zu schaffen. Es ist wie ein Puzzle, das ich zusammensetze, damit am Ende ein stimmiges Bild herauskommt!“, erklärt Thatenhorst. Böden, Wände, Möbel, alles müsse zusammen passen. Damit das gelingt, versucht sie, zuerst den Menschen kennenzulernen, dann den Standort genau zu betrachten. Zuletzt denke sie sich von außen nach innen. Gibt es also eine spezielle „Thatenhorst- Handschrift“? „Viele meiner Arbeiten sind laut, fröhlich und farbenfroh. Wenn es aber nicht zu den Räumen und den Menschen passt, kann ich mich auch ganz zurücknehmen, dezenter sein und andere Akzente herausholen. Das sind meine beiden Seelen – das Laute und das Leise“, antwortet die Unternehmerin.

Stephanie Thatenhorsts Arbeiten sind so facettenreich und gegensätzlich wie ihr Leben. Aufgewachsen auf einem Bauernhof im Chiemgau, wollte sie nach dem Abi die große weite Welt kennenlernen und bereiste für einige Jahre Neuseeland und Australien. Inspiriert von ihrem australischen Gastvater, der als Architekt wunderschöne Häuser baute und die junge Frau mit auf seine Baustellen nahm, kehrte sie mit dem Entschluss zurück, in Rosenheim Innenarchitektur zu studieren. Weil sie aber durch die Aufnahmeprüfung rasselte, ging sie nach München und schrieb sich für Architektur ein. „Eigentlich war das eine Nummer zu groß, aber mir blieb ja nichts anderes übrig. Am Ende war das mein großes Glück. So habe ich gelernt, jedes Bauprojekt ganzheitlich zu betrachten. Nur so kommen Mensch und Raum am Ende in Einklang“, erinnert sie sich. Während ihres Studiums kellnerte sie im Schwabinger Kaisergarten, der damals schon ihrem jetzigen Mann Markus gehörte. Die beiden verliebten sich und so rutschte Thatenhorst in die Gastronomie. Nach und nach eröffnete das Ehepaar weitere Bars und Restaurants: die „Seerose“, das „Theresa“, das „Freebird“, „Occam Deli“ und zuletzt das „Lilli P“ im Münchner Arnulfpark.

Während sich Markus um Personal, Einkauf und Gäste kümmerte, war Stephanie jeweils für die Innengestaltung zuständig. Besonders beispielhaft: die Theresa Bar, eine opulente Bar im James-Bond-Stil, mit dickem Teppich, viel Samt und gedimmtem Licht. Mit dem Design und der Gestaltung der Restaurants machte sich Stephanie Thatenhorst schnell einen Namen. Zu einem ersten Meilenstein als Interios Designerin verhalf ihr auch der Freund und Optiker Christian Leidmann, der sie bat, sein Optikergeschäft in der Maximilianstraße zu gestalten.

„Was mir bei meiner Arbeit sehr hilft, sind meine Wurzeln. Ich liebe das laute Stadtleben, in dem ich als Business-Frau einen Termin nach dem anderen absolviere. Ich brauche aber auch das Leben auf dem Land, die Ruhe und Einfachheit dort“ betont Thatenhorst. Deswegen kehrt die Familie fast jedes Wochenende dorthin zurück – auf den Biobauernhof ihrer Eltern. Genauer gesagt, in die aufwendig umgebaute Scheune. „Weil mein Mann und ich so wahnsinnig viel arbeiten, wenn wir in München sind, haben wir einen Rückzugsort auf dem Land gesucht, aber nichts gefunden. Bis mein Vater uns eines Tages das nicht mehr benötigte Heulager anbot“, erzählt die gebürtige Chiemgauerin. Ein Jahr lang designte, baute und bastelte Stephanie Thatenhorst an diesem Ort, der heute ihr Showroom ist.

„Hauptaufgabe war es, die historische Hülle zu erhalten und gleichzeitig modernen Zeitgeist einkehren zu lassen.“ Gelungen ist ihr das, indem sie altes Holz, das außen abgetragen wurde, im Inneren wieder sanft einfügte. Eine geradlinige Treppe aus alten Holzdielen führt zum Beispiel ins obere Stockwerk, wo entzückende Kinderzimmer liegen. Mit modernen, spärlich gesetzten Möbeln wirken die Räume sehr offen. Und damit genügend Licht hereinfällt, ließen die Thatenhorsts große Fenster einbauen, durch die sie einen herrlichen Blick in die Berge genießen. Vintage-Möbel und Designer-Leuchten sorgen für das gewisse Etwas. Stephanie Thatenhorst wollte alles einheitlich halten und so gibt es in der Scheune kaum Materialvielfalt. Ausnahmslos jede Wand ist mit einem grauen Tonputz überzogen. „Auch im Badezimmer, was eigentlich total unpraktisch ist, weil es hier ja immer feucht ist“, erklärt Thatenhorst. Das Ehepaar habe extra eine spezielle Beschichtung entwickeln lassen, damit der Putz geschützt bleibt. Nicht sehr alltagstauglich, aber schön. „Die örtlichen Handwerker waren mit Sicherheit oft verstört, weil ich so seltsame Wünsche äußerte“, lacht Stephanie Thatenhorst. „Doch letztlich war es eine sehr harmonische Baustelle. Die Bauarbeiter waren total offen und haben sich sehr gefreut, mal etwas Neues machen zu dürfen. Bei unserem Einweihungsfest waren alle dabei und die Handwerker haben ihre Frauen mitgebracht, um zu zeigen, was hier entstanden ist. Das war total schön!“ Auch die Eltern, die ganz anders leben, schüttelten immer wieder den Kopf ob dieser obskuren Ideen. Doch am Ende waren auch sie mächtig stolz auf das Ergebnis: Zwei Welten, die auf den ersten Blick so gar nicht, auf den zweiten aber ganz wunderbar zusammenpassen. So wie die beiden Seelen im Leben und in der Arbeit der kreativen Seele Stephanie Thatenhorst.

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