„Seelisch Kranke die eigentlichen Helden“

Christian Topel

Foto: Gene Glover

himmeblau: „Romane spielen dort, wo sich der Autor auskennt“, soll Ihnen zu Beginn Ihrer Karriere Ihr Literaturagent geraten haben. Sie kennen sich demnach vor allem an zwei Orten aus: in Berlin und in der menschlichen Psyche. Zuerst zu Ihrer Heimat: Was macht Berlin lebenswert?

Fitzek: Ich liebe Berlin, weil hier alles möglich ist. Jeder kann machen und aussehen, was und wie er oder sie will. Stadt und Kultur entwickeln sich schnell und trotzdem gibt es noch verschlafene Kieze wie meinen, in dem sich seit Ewigkeiten nicht wirklich etwas ändert. Wenn ich über Berlin rede, komme ich immer ins Schwärmen, aber vielleicht geht das jedem so bei seiner Heimatstadt. Am bezeichnendsten für die Stadt finde ich den Spruch, mit dem Berliner alles erklären – vom skurilsten Outfit bis zur abgefahrenen Streetart Perfomance: Watt denn? Dit is Berlin.

himmeblau: Klingt einladend. Welche drei Orte sollten wir bei einem Berlinbesuch unbedingt anschauen?

Fitzek: Berlin sollten Sie sich vor allem erlaufen, vielleicht auch mal U-Bahn fahren. Wenn Sie durch Mitte, Tiergarten/Charlottenburg, Kreuzberg, Prenzlauer Berg spazieren, werden Sie bemerken, wie die Stadt tickt. Das ist kein Geheimtipp, aber ich glaube, das Spannendste hier sind nicht die Sehenswürdigkeiten, die Sie in jedem Reiseführer finden. Sie sollten den Herzschlag der vielen unterschiedlichen Menschen mitbekommen. Das ist hier ähnlich wie in New York. Da würde ich Ihnen auch nicht raten, aufs Empire State Building zu gehen, sondern sagen: Laufen Sie einfach durch Manhattan und Chinatown. Das ist toll! Wobei – einen konkreten Berlin-Tipp hab ich doch: Gehen Sie in den Thaipark am Fehrbelliner Platz, das ist schon sehr besonders für eine deutsche Stadt. 

himmeblau: Das klingt ja wie eine Liebeserklärung. Würden Sie dennoch etwas verändern, wenn Sie statt Autor Hauptstadtbürgermeister wären? 

Fitzek: Ich würde dafür sorgen, dass die Mietpreise wieder bezahlbar werden, ich würde die Ladenöffnungszeiten verlängern und, last but not least, würde ich mich dafür einsetzen, dass es mehr Kitas gibt und die Erzieherinnen und Erzieher, genauso übrigens wie Pflegepersonal, endlich viel besser bezahlt werden.

himmeblau: Bei aller Berlinliebe – Ihre Bücher werden in über 20 Ländern verlegt. Wo könnten Sie sich noch wohlfühlen?

Fitzek: Ich lebe gerne in Deutschland und werde meinen Hauptwohnsitz auch nicht ändern. Ansonsten halte ich es aber überall länger aus, wo es Wasser gibt. Bevorzugt Meere.

himmeblau: Dann Schauen wir doch mal nach Übersee: Warum schaffen es so wenige deutsche Thrillerautoren, auch in den USA oder Großbritannien wahrgenommen zu werden? 

Fitzek: Wir reden hier über die Wiegenländer des Spannungsromans. Hier gibt es dementsprechend ein Überangebot extrem talentierter Autorinnen und Autoren. Allerdings scheint sich gerade etwas zu verändern, nicht zuletzt durch deutsche Genre-Serien wie Dark, die auch in den USA in Original-Sprache gesehen werden. Das festigt das deutsche Thriller-Image, das bislang so nicht ausgeprägt war.

himmeblau: Sie haben es lange vor "Dark" geschaff – wie? 

Fitzek: Ich hatte großes Glück. Vielleicht sind meine Werke auch zur richtigen Zeit auf den Markt gekommen. Lange hieß es ja nicht nur aus dem Ausland, sondern von den deutschen Verlagen „Deutscher Thriller geht nicht“. Das hat sich sehr geändert. Außerdem habe ich ein super Team, das dafür sorgt, dass ich das tun kann, was ich am besten kann: Bücher schreiben.

himmeblau: Ihr erster Roman erschien 2006 – das Jahr des sogenannten Sommermärchens. Von jener Euphorie scheint wenig übrig. Was läuft da schief, in der „deutschen Psyche bzw. Seele“? 

Fitzek: So pauschal würde ich der These weder zustimmen noch hätte ich eine allgemeingültige Antwort. Die Probleme, über die wir jetzt diskutieren, waren ja auch 2006 vorhanden. Nur leben wir heute in einer Zeit, in der der Informationsfluss- und Austausch sehr viel intensiver ist als damals. Wir erfahren die Auswirkungen von Krisen immer schneller und deutlicher. Dass wir hierüber so heftig streiten, ist aber nicht allein Ausdruck einer Schieflage, sondern zum Teil auch eine dringend notwendige Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Welt.

himmeblau: In Ihren Romanen geht es eher um persönliche Probleme der Figuren. Ihr erster Protagonist war Psychiater, heute schicken Sie Ihren Helden in eine Psychiatrie, dazwischen tummelten sich viele, viele Psychopathen. Was reizt Sie als Schriftsteller an diesen Charakteren und ihren Abgründen? 

Fitzek: Mich reizen weniger die Täter, die ich oft auch für auserzählt halte, wenn man etwa an das Serienkillergenre denkt. Mich interessieren die Opfer, die in unserer Medienwelt oftmals vergessen werden, während die Täter zu Stars avancieren. Welche Auswirkung hat Gewalt, psychische wie physische, wenn sie ganz normalen Menschen widerfährt? Diese Frage treibt mich an.

himmeblau: Und wie gelingt es Ihnen, sich in die grausamen beziehungsweise erbarmungswürdigen Menschen hineinzuversetzen?

Fitzek: Ich unterhalte mich sehr oft mit Opfern von Gewaltdelikten, mit einigen bin ich befreundet. Aber generell gilt, egal ob es sich um liebenswerte oder verachtungswürdige Romanfiguren handelt: Es braucht Empathie. Jeder Autor muss sich in andere Menschen hineinversetzen können, sonst gibt es keine Romanfiguren, keine Geschichte. Erstaunlich finde ich, dass ich öfter gefragt werde, wie ich mich denn wohl in eine Frau hinein versetzen könne, als in einen Gewaltverbrecher.

himmeblau: Wer in Bayern stationär psychiatrisch behandelt wird, hätte – wäre es nach den Plänen der Staatsregierung gegangen – beinahe der Polizei gemeldet werden müssen, seine Daten fünf Jahre gespeichert. Was haben Sie bei Ihren Recherchen über psychiatrische Einrichtungen, die Insassen und eine etwaige Stigmatisierung psychisch Kranker erfahren?

Fitzek: Mein Roman „Der Insasse“ spielt nicht in einem klassischen psychiatrischen Krankenhaus, sondern in einer Gefängnisklinik, in der psychisch kranke Straftäter untergebracht sind. Insofern ist hier die Sorge, dass von den Insassen eine Gefahr ausgehen kann, durchaus berechtigt. Generell aber ist das Klischee ‚psychisch krank = gefährlich‘ sachlich falsch und schädlich. Durch alle meine Werke zieht sich der Grundgedanke, Menschen mit seelischen Problemen und Krankheiten nicht zu stigmatisieren. Oft sind sie sogar die eigentlichen Helden in meinen Büchern, was vermutlich auch ein Grund ist, weswegen so viele Patienten mir schreiben, dass Sie sich in meinen Büchern ernst genommen fühlen.

himmeblau: Dennoch faszinieren in thrillern gerade auch die "Bösen". Wie gelingt es Ihnen, sich einem etwaigen Sog des Bösen zu entziehen, um ein braves bürgerliches Leben zu führen?

Fitzek: Es ist umgekehrt. Mein bodenständiges Leben, wie Sie es nennen, also die Sicherheit, die mir meine Familie gibt und meine Freunde, der Spaß an meinen Kindern, das gute Gefühl, dass ich ein schönes Zuhause habe – das ermöglicht es mir, zu schreiben, abzutauchen und wieder hochzukommen.

himmeblau: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Infos zum Buch

Vor einem Jahr verschwand der kleine Max Berkhoff. Nur der Täter weiß, was mit ihm geschah. Doch der sitzt im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie und schweigt. Max‘ Vater bleibt nur ein Weg, um endlich Gewissheit zu haben: Er muss selbst zum Insassen werden...

Hardcover, Droemer HC
24.10.2018, 384 S.

ISBN: 978-3-426-28153-6

Ab Ende Oktober 2018 im Handel.

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