Rock´n´Roll-Keramik

Christian Topel

Es gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Doch „TON HASN SCHERBEN“ entstaubt das Kunsthandwerk des Töpferns ganz gewaltig.

Die Villa Kunterbunt liegt westlich des Inns, im Landkreis Rosenheim. Raus aus der Innstadt, runter von der B15, quer durch die Gemeinde Schechen und einen einsamen Hügel hoch landet man: Am Berg 1. Eine 2 ist in nächster Nachbarschaft nicht auszumachen. Nur ganz unten, am Fuße der Anhöhe, galoppieren ein paar Pferde über ihre Koppel, bergan passiert man eine kleine Kapelle. Oben steht man vor einem zweistöckigen Backsteingebäude, das dereinst eine Landwirtschaft beherbergt haben muss. Ställe, Heuschober anbei. Heute könnte man sein Mittagsschläfchen in der Hängematte abhalten, die zwischen zwei greisen Apfelbäumen schaukelt. Von den Balken über der Holzveranda lachen ein paar Lampions, aus dem Fenster lacht die Pippi Langstrumpf des Gehöfts: Ursula Scherr.

Hätte die 27-Jährige ihr kupferfarbenes Haar zu zwei Zöpfen gebunden, man würde sich wirklich wie im Film fühlen. Statt farbiger Strumpfhosen trägt sie aber gottlob Jeans, auch begrüßt kein Äffchen die Besucher, sondern ein genauso neugieriger wie tollpatschiger Hund. Die „Scherben“ in ihrer Unternehmensbezeichnung seien aber nicht Marla, diesem unzähmbaren Stolperstein, zu verdanken, beteuert die Einsiedlerin. Vielmehr bezeichnen Keramiker das rohe Tongefäß als „Scherben“. Hier, im ehemaligen „Hasnhof“, hat Ursula Ende letzten Jahres ihre offene Werkstatt mit Laden eingerichtet. „TON HASN SCHERBEN“ hat sie das Unterfangen in anspielungsreicher Anlehnung an Handwerk, Ort und jene Rockband getauft, die das Genre ihres genialen Kopfes Rio Reiser wegen nachhaltig prägte.

Rock´n´Roll: das passt zu der an der Keramikschule in Landshut ausgebildeten Kunsthandwerkerin wie die Lindgren zu Schweden. Nasenpiercing, bunte Tattoos und in den Pausen selbstgedrehte Zigaretten. Rock´n´Roll, das passt aber auch zu ihrer Technik sowie den Gegenständen, die sie formt. Gartenkugeln oder possierliche Tierchen sucht man vergebens. Tassen, Teller, Krüge, Brotzeitbretter belagern die Regale. Gebrauchsgegenstände, die sich jedoch so weit entfernt haben von der aus industrieller Produktion gewohnten Gleichförmigkeit und seriellem Ebenmaß wie die Werkstatt von der Zivilisation. Als perfekt unperfekt könnte man etwa jene Vasen bezeichnen, die Ursula eben nicht – obwohl naheliegend – auf der Töpferscheibe möglichst kreisrund hochzieht. Sie setzt ihr Tonzeug am liebsten aus einzelnen Platten bzw. Streifen zusammen, so, wie man es eigentlich von der Baukeramik kennt. Manchmal kombiniert sie die Techniken auch, beginnt ein Geschirr ganz brav, setzt dem konventionellen Scheibenboden dann aber einen „Plattenbau“ oben drauf. Ein Holzbrand-Keramikmeister aus England habe sie zu dieser Experimentierfreudigkeit inspiriert, erzählt Ursula.

Sie selbst sitzt am Anfang zumeist vor einem Tonquader, dem sogenannten Blätterstock. Mithilfe von Holzleisten und Draht teilt sie ihren Werkstoff in gleichstarke Platten. Die schneidet sie in Streifen, aus denen sie die meisten Objekte zusammensetzt. Ecken, Kanten, „Nähte“ bleiben unbedingt sichtbar. In unserer globalisierten, durchindustrialisierten Welt, sagt Ursula, sehe man den Dingen weder ihre Herkunft noch den Entstehungsprozess und damit schon gleich gar nicht ihren Wert an. Zu den Gegenständen vom Hasnhof hingegen baut man regelrecht eine Beziehung auf – und zwar nicht nur, wenn man in einem der Keramik-Kurse selbst Hand angelegt hat. Jedes Objekt erzählt eine Geschichte, wirkt lebendig, liegt ganz anders in der Hand als der glattgebügelte Kram von Maschinen.

Nach einer Zeit des Trocknens folgt der erste Brand, der „Schrühbrand“. Bei rund 940 Grad Celsius  geht sogar das restliche, noch chemisch gebundene Wasser flöten. Aus dem Ofen schlüpft ein rohes  Tonobjekt: der Scherben. Es folgt, was Ursula als „Wonnegraus“ bezeichnet: der „Glattbrand“. Dabei wird die Glasur wie ein Glasüberzug quasi aufgeschmolzen, um dem Gefäß Glanz und Widerstandsfähigkeit zu verleihen. Ein spannender, weil immer überraschender Prozess. Wird beispielsweise ein glänzendes, tiefes Schwarz entstehen, oder doch nur ein mattes Dunkelgrau? „Alles, was beim Glasur-Brand passiert, lässt sich nur bis zu einem gewissen Punkt steuern und vorhersagen“, erläutert der Rotschopf. Denn: Faktoren wie Temperatur, Auftragsdicke der Glasur, Brennkurve  des Ofens und Massezusammensetzung gelte es aufeinander abzustimmen. Neben  ihren drei angestammten Glasuren Schwarz, Weiß und transparent erzeugt Ursula Farben mittels „Engoben“, das sind flüssige, gefärbte Tonmassen, die es aber schon vor dem Schrühbrand aufzutragen gilt.

Weil die Renovierung und Umfunktionierung des vom Großonkel geerbten Hofs nebenbei mitläuft, verströmt die Ladenwerkstatt noch ein wenig den Charme eines Provisoriums. Ob sich das aber wirklich jemals so ganz ändern wird – überhaupt ändern soll? Besonders gestört scheint sich die Künstlerin nicht zu fühlen, wenn Kunden mangels Orientierung plötzlich in der Küche stehen. Dann setzt Ursula einfach heißes Wasser auf, und aus dem Keramikkauf wird ein Kaffeekränzchen. Die Kurse hingegen enden gern am Lagerfeuer. Ein kühles Helles aus dem getöpferten Humpen – das ist doch feinste TON HASN SCHERBEN Rock´n´Roll-Romantik!

Zurück