Robusta Filta

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Feinschmecker schlürfen derzeit auf der dritten Welle. Für Freunde entschleunigten Filterkaffees fertigt ein junger Neubeurer nachhaltige Pour Over Handfilter aus heimischem Obstholz.

Den Kaffee-Connoisseur sieht man Michael Briechle auf den ersten Blick nicht an: Wenn er nicht geschniegelt und gestriegelt vor seiner Grundschulklasse im Rosenheimer Stadtteil Happing steht, verbringt er viele Nachmittage in einem zur Werkstatt umgebauten Schuppen, der auf dem elterlichen Grundstück in Neubeuern liegt. Ganz gemütlich in Lederhose, Kapuzenpulli und mit Kappi auf dem Kopf werkelt er hier – stumm beäugt von Bud Spencer, Terence Hill sowie einem Alm-Öhi in Öl – an jener Entwicklung, die ihn als Anhänger der sogenannten „Third-Wave-Bewegung“ identifiziert.

Nach der Industrialisierung der Kaffeeproduktion und der damit enstandenen Möglichkeit, Kaffee als Massenware zu konsumieren („First Wave), brachte die zweite Welle auf Geschmacksebene mehr Vielfalt und gewisse spielerische Elemente (um nicht zu sagen: eine Art Starbucksianisierung) sowie damit einhergehend mehr Qualitätsbewusstsein mit sich; die Verbraucher interessierten sich plötzlich für die Herkunft und das Aroma der unterschiedlichen Bohnensorten und verlangten nach frischer, kreativer Zubereitung aus Barista-Hand. Gleichzeitig entwickelte sich die Coffee-to-go-(Un)kultur. Mit der dritten Welle erreichte dann das Credo von Achtsamkeit und Entschleunigung auch die Kaffeetrinker – darunter Michael Briechle.

Eine windige Holztreppe ohne Geländer führt in den ersten Stock des Schuppens. Hier hat der 31-Jährige „Filtrillo“ erfunden, seinen Beitrag zur Pour-Over-Methode. Man möchte mit den Augen Rollen ob all der Anglizismen, doch schwappte die dritte Welle nun einmal aus den Metropolen aufs Land, und die Hipster dieser Welt würden einen Teufel tun und zugeben, dass sie schlicht und ergreifend den Reiz des guten, alten Filterkaffees wiederentdeckt haben – nichts anderes meint nämlich „Pour Over“. Entscheidender Unterschied: Heutzutage lassen Feinschmecker gehobenen Kaffeegenusses ihr Manna eben nicht mehr literweise durch die Maschine tröpfeln, sondern schütten von Hand das Wasser für genau eine Tasse durch die Filter. Handfilter, meist aus Porzellan oder Keramik, die teilweise durch zwar schlichtes, doch großartiges Design bestechen. Die sogenannte „Chemex“ etwa, eine Pour-Over-Karaffe aus Glas und Holz, hat längst einen Platz in der Design-Abteilung des Museum of Modern Art in New York gefunden. Und hier kommt Michael Briechle ins Spiel, der zwar die allmorgendliche, von Hand gebrühte Tasse Kaffee zu schätzen wusste, den dabei fabrizierten Müll aber gar nicht zeitgemäß, die braunen Filtertüten alles andere als ästhetisch ansprechend fand. „Das muss doch nachhaltiger und schöner gehen!“, dachte der werdende Vater und ersonn seinen Pour Over Handfilter aus heimischem Obstholz.

 

Unter einer Glasglocke thront der Prototyp, der erste, zunächst aus Fichtenholz gefräste Filtrillo. „Geschmacklich“, gibt Briechle schmunzelnd zu, „war das eine Katastrophe!“ Der Kaffee schmeckte nach Wald statt nach den tausend tollen Aromen, die man den Bohnen nachsagt. Weil sich Weichholz offenbar nicht eignete, empfahl ein befreundeter Holztechniker, doch auf Tropenholz umzusatteln. Briechle fertigte wirklich ein paar Einzelstücke, sah aber schnell ein, dass er damit seinen ökologischen Ansatz zunichte machen würde. Der Weisheit folgerichtiger Schluss waren heimische Hölzer – versiegelt mit geröstetem Walnussöl. Heute gibt es die schicken Holzquader mit dem Metallsieb in der Mitte aus Walnuss, Birne und Kirsche, Apfel steht in den Startlöchern. Das Holz bezieht Briechle von einem oberbayerischen Forstbetrieb, der es wiederum auf privaten Streuobstwiesen einsammelt und gleich zuschneidet. Geschmacklich ahne man nun nur noch anfangs eine leicht holzige Note, die schnell verschwinde, da sich die Kaffeeöle ins Holz einarbeiten, beteuert Briechle. „Letztlich verstärkt sich dann sogar das Kaffeearoma!“

Die Zubereitung erinnert fast an eine Teezeremonie. Briechle mahlt sich erst eine Portion Kaffee – mittel bis grob, sonst rutscht das Pulver durch den Sieb! Das heiße Wasser gießt er dann in langsamen Kreisbewegungen über den Filter. Nach zwei, drei Minuten dampft es vollmundig aus der Tasse. Briechle kippt den Kaffeesatz in den Mülleimer, spült seinen Handfilter kurz mit Wasser aus und stellt ihn zum Trocknen hin. Wenn er das Türl des ehemaligen Heuschobers öffnet, kann er sich auf den Boden setzen, die Beine baumeln lassen und über den blühenden Garten blicken. Ein Schluck Kaffee dazu – ein Leben wie Gott in Bayern!

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