„Retten, Löschen, Bergen, Schützen“

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob


Vier Schlagworte fassen die Aufgaben der Feuerwehr zusammen. In Waldkraibung gibt ein Aktiv-Museum hautnah Einblick in die Welt der Floriansjünger. 

Wer hat’s erfunden? Die Römer! „Notgedrungen, wenn dir der Kaiser die eigene Stadt anzündet“, sagt Markus Zawadke zwinkernd. Der Historiker des Feuerwehrmuseums Bayern spielt auf das Gerücht an, Nero höchstselbst habe in der Nacht zum 19. Juli im Jahre 64 n. Chr. den bis dato verheerendsten Brand in der Geschichte Roms gelegt. Ein Inferno, das zehn der vierzehn Stadtbezirke in Schutt und Asche legte. Historiker wie der Nero-Biograph Holger Sonnabend haben inzwischen viele gute Gründe zusammengetragen, die das Bild des brandstiftenden Kaisers ins Reich der Fabeln verweisen. Doch Zawadkes Kernaussage bleibt: Nach diesem fatalen Feuer rückte erstmals die Idee eines organisierten Brandschutzwesens verstärkt in den Fokus. Die Römer gingen das nach ihrer Art pragmatisch an, wie Zawadke weiß: „Es gab ja ohnehin die Pionier-Bataillone. Denen hat man einfach Sklaven unterstellt und die haben dann Löschmannschaften gebildet.“ Das wiederum erklärt die bis heute ans Militärische erinnernde Sprache und Struktur der Floriansjünger.

Der Beruf des Feuerwehrmanns gehört seit Jahrzehnten zu den Traumberufen kleiner Buben. Eine Aura von Heldentum haftet ihnen an; furchtlos, so die Fantasie, stürzen sie sich in brennende Häuser, um Menschenleben zu retten. Und dann diese Ausrüstung: gigantische Fahrzeuge mit schier bis in den Himmel reichenden Leitern, mit Wasserspritzen, die im Nu einen See füllen könnten; Kräne; Rettungswägen... Seit sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf deutschem Boden das moderne Feuerwehrwesen gründete (laut Markus Zawadke streiten sich die Orte Meißen, Durach und Barmen um den Titel der ersten Freiwilligen Feuerwehr des Landes), haben sich die Aufgabenbereiche deutlich erweitert – und die Technik wuchs auf beeindruckende Weise mit.

Reine Löschtrupps sind Feuerwehren schon lange nicht mehr. Rein von der Häufigkeit her rücken die in Bayern rund 320.000 aktiven Feuerwehrler vor allem zu technischen Hilfeleistungen aus: bei Verkehrsunfällen zur Bergung der Fahrzeuge, um umgestürzte Bäume oder Ölspuren zu beseitigen oder um nach Unwettern vollgelaufene Keller leerzupumpen. Um es in konkrete Zahlen zu fassen: Laut Innenministerium wurden die bayerischen Feuerwehren im Jahr 2018 zu 119.000 Technischen Hilfeleistungen, zu 68.000 Rettungsdiensteinsätzen, zu 21.000 Bränden und nicht zuletzt zu 5.000 ABC-Einsätzen gerufen. (Und die berühmt-berüchtigen Feuerwehrfeste sollten natürlich nicht unter den Tisch fallen!)


Wie sich Technik und Ausrüstung
von den Anfängen bis heute entwickelt haben, zeigt das Feuerwehrmuseum Bayern in Waldkraiburg in der Inn-Salzach-Region in seiner europaweit wohl einzigartigen Sammlung, die auf 4.500 Quadratmetern 5.000 Exponate beherbergt – von Helmen und Uniformen über Blaulichter und Tragkraftspritzen bis hin zu einer liebevollen Modellbauabteilung. In Staunen versetzen große und kleine Interessierte überdies gut 100 Fahrzeuge, Spritzensysteme und eine ganze Leiterschau. Der Rundgang beginnt mit historischen Schmuckstücken. Handdruckspritzen aus der Gründerzeit, als vier Mann notwendig waren, um für „Wasser, Marsch!“ zu sorgen. Aus dieser Zeit, erzählt Historiker Zawadke, stammt das geflügelte Wort vom „ausgepumpt sein“. Selbst die kräftigsten Kerle mussten nach ein paar Minuten des Pumpens ausgewechselt werden, so antrengend war die Arbeit. Der Verbrennungsmotor sollte für Erleichterung sorgen – wenngleich man ihm zuerst noch nicht so recht vertrauen wollte. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte man dementsprechend auf doppelte Pferdestärken – die Wasserpumpe wurde von einem Motor betrieben, während nach wie vor Pferde das ganze Gestell zum Einsatzort zogen.

Eine Führung durch das Museum lohnt sich gerade auch wegen dieser Anekdoten, von denen Markus Zawadke unzählige auf Lager hat. Eine der Drehleitern, verrät der 1. Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr Waldperlach, trage den Spitznamen „Jungfrau“. Die „DL 50“ war ursprünglich für die Berufsfeuerwehr der Stadt Luxemburg angeschafft worden. Dort hatte die EU ein Bürohochhaus gebaut, aber schlauerweise bei der Bauplanung ein aus Brandschutzgründen notwendiges zweites Treppenhaus vergessen. Die EU spendierte kurzerhand ein Feuerwehrauto mit 50-Meter-Leiter, das einzig und allein für dieses Gebäude gedacht war. Im Einsatz war es nie. Nachdem doch ein zweiter Rettungsweg eingebaut werden konnte, überließ ein Sammler den jungfräulichen Schildbürgerstreich auf sechs Rädern den Waldkraiburgern.

Sogar zur russischen Raumfahrt hat die deutsche Feuerwehr beigetragen. Immer noch an den Leitern vorbeiparadierend, erzählt Zawadke, dass eine ganze Reihe ausrangierter 50er eigentlich an die Berufsfeuerwehr Moskau verkauft worden seien – dort jedoch niemals ankamen. Gelandet sind die Leiterfahrzeuge im Raumfahrtzentrum Baikonur, dem heutzutage in Kasachstan gelegenen, größten Rakentenstartplatz der Welt. Um unkompliziert an den Raketenkopf heranzukommen, nutzten die Russen eine Zeit lang die deutschen Drehleitern. Nun mögen Hubrettungsfahrzeuge mit ihren langen Leitern (und die ihnen nach und nach eingebaute Elektronik vom eher tumben Commodore bis zu mehrfachen, modernsten Computer-Chips) eher eingefleischte Feuerwehr-Fans begeistern, doch auch Laien können sich königlich in dieser als Aktiv-Museum angelegten Feuerwehr-Vergnügungsstätte amü-sieren, informieren und vor allem ausprobieren.


Sobald es die Hygiene-Vorschriften zulassen,
dürfte insbesondere der Rettungsgassen-Simulator ein echtes Highlight werden. Ins Cockpit  eines dieser riesigen Rettungsfahrzeuge zu klettern, um dort per Computersimulation auf einen Unfall zuzurasen, lässt erahnen, welchem Stress die Helfer schon auf der Strecke ausgesetzt sind – und wie wichtig unser aller Vernunft und Besonnenheit im Straßenverkehr wäre. Apropos Unfall und obligatorisches Tatütata: die einzigartige Blaulicht-Sammlung des Museums hat Alexander Süsse beigesteuert, der Vorsitzende des Trägervereins. Anders als viele seiner Mitstreiter im Museumsbetrieb firmiert er „im echten Leben“ nicht als Feuerwehrmann. Doch der 50-Jährige sammelt seit seiner Jugend Blaulichter.

500 Einzelblaulichter und über 40 Balken sind im Laufe von fast 30 Jahren zusammengekommen. Da kanns im eigenen Keller schon mal eng werden. Also hat Süsse ein herrlich blinkendes Pottpourri an Blaulichtern ins Museum „outgesourced“, und bietet zudem einen sozusagen fachfremden Blickwinkel. Diese eher museale und marketingtechnische  Sicht hat dem Museum buchstäblich Feuer unter dem Hintern gemacht. Deutlich solider steht es heute da als zu den Anfangszeiten, was Besucherzahlen und Finanzen angeht. Und nach dem großzügigen Umbau, der während der Zwangspause stattgefunden hat, präsentieren sich auch die Räumlichkeiten in einem neuen, noch besseren  Licht. Da kann man Eltern nur warnen: Sollte das Kind den Berufswunsch Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau hegen – hier wird der Traum maximal befeuert. 

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