Pumping Sophia

Christian Topel

Sie ist verliebt in Muskeln. Die Rosenheimerin Sophia Thiel schickt sich an, die Bodybuildingszene aufzumischen.

In der Stunde der Niederlage postet Sophia Thiel ein Foto auf ihrer Facebookseite: Schmollmund, trauriger Blick, Daumen nach ­unten. Sie hat das Finale der Internationalen Deutschen Meisterschaften im Bodybuilding verpasst. Also den extra für den Wettkampf gekauften Bikini in die Tasche stopfen, unter die Dusche hüpfen, Schminke und Bräunungscreme abwaschen, in Jeans und Sweatshirt schlüpfen und ohne Pokal von Bochum zurück nach Rosenheim tuckern. Viel Zeit, um über die letzten Tage, Wochen und Monate nachzudenken. Die intensivste Zeit ihres noch jungen Lebens.  

Eine Zeit der totalen Veränderung. Innerhalb von zwei Jahren verwandelte sich das damalige Pummelchen Sophia in „Pumping Sophia“, stählte sich das schüchterne 80-Kilo-Mädchen zur selbstbewussten, restlos durchtrainierten Frau. Heute geht ihr Körperfettanteil gegen Null, die Muskulatur gleicht der von griechischen Statuen. Und dennoch hat es dieses Mal nicht gereicht. Es heißt, in der Niederlage offenbare sich der wahre Charakter eines Menschen. Die 19-Jährige jedenfalls nimmt das Wort Niederlage nicht mal in den Mund. Obwohl ihr anfänglicher Durchmarsch von der Südbayerischen (ihrem ersten Wettkampf überhaupt) über die Internationale Bayerische bis hin zur Internationalen Deutschen Meisterschaft jäh – in der Vorrunde nämlich – gestoppt wurde, spricht Sophia von einer „tollen Erfahrung“.

 

Beim ersten Aufeinandertreffen – mitten in der Wettkampfvorbereitung im „1st Fitness, einem Rosenheimer Fitnesstempel alter Schule – erzählte Sophia, sie wolle eine Vorbildfunktion einnehmen. Nach diesem vermeintlichen Rückschlag zeigt sich, wie sie diese auszufüllen gedenkt. Nicht missionarisch nämlich, sondern als Motivationskünstlerin. Sophia ist sich vollkommen bewusst, dass ihre Definition von Ästhetik, ihre – wie sie es nennt – „Liebe zu Muskeln“ nicht Jederfraus Sache ist. Muss es auch gar nicht. Ihr unbedingter Wille aber, ihre feste Überzeugung, jedes Ziel erreichen zu können, stünden sicherlich vielen Menschen gut zu Gesicht. Diesen Mut, stets an sich selbst zu glauben, den möchte diese 1,72 kleine, aber doch so große und starke Frau weitergeben. „Lasst euch nie nie niemals einreden, dass ihr etwas nicht schaffen könnt!“, rät sie ihren zum Zeitpunkt des verpassten Finales fast 10.000 Facebookfans. Sicherlich nicht die verkehrteste Botschaft zu Zeiten sich endlos im Kreis drehender Frauenquoten- und Quotenfrauendiskussionen...

Ortswechsel. Man kann nicht von Sophias (körperlicher) Wandlung erzählen, ohne einen Mann zu erwähnen: Ercan Demir, eine lebende Legende in der Bodybuildingszene. Mit „Ercans Body Gym“ im Münchner Dreimühlenviertel betreibt der Sohn türkischer Gastarbeiter das zweitälteste Fitness-Studio der Stadt. Die Einrichtung hat nichts, rein gar nichts gemein mit den wie Kraut aus dem Boden schießenden Studios der Stunde. Bei Ercan gibts keinen Wellnessbereich, keine jener Kurse, in denen man zu hipper Chartmusik möglichst sexy ins Schwitzen gerät. Ercans Gym ist eine klassische Muckibude. Hier stemmen furchteinflößende Kolosse Hanteln, während Gitarrenriffs aus den Boxen dröhnen. Ercan selbst ist nach wie vor mächtig gut in Schuss. Achtmal türkischer Meister, Junioren-weltmeister, Europameister, Vizeweltmeister war der Riese, dessen Lebensgeschichte 2012 unter dem Titel „Pumping Ercan“ verfilmt worden ist. 2012. Das Jahr, in dem auch Sophia beschloss, fit zu werden.

Nein, stopp. So formuliert stimmt das ja nicht. Nicht so hundertprozentig. Heute, da sie knackige 60 Kilo wiegt, spricht sie ganz offen über die erste, ungesunde Phase ihres neuen Lebens. Denn zunächst ging es der Rosenheimerin nicht um Fitness, sondern allein ums Abnehmen. Nicht, dass Sophia unbeliebt gewesen wäre – sagen zumindest ehemalige Mitschülerinnen. Sophia selbst bekam aber doch genügend spitze Bemerkungen mit, die ihr aufs Gemüt schlugen. 3o Kilo habe sie sich heruntergehungert, erinnert sie sich, ehe ihr ein Klassenkamerad einen alternativen Weg eröffnete: Training, und eine bewusste Ernährung! Sagt´s, und packt eine kleine Brotzeit aus: Fisch und Reis. Alle drei Stunden müsse sie ihren Nährstoffhaushalt auffüllen, erklärt der Blondschopf. „Eiweiß für den Muskelaufbau, Kohlenhydrate als Energielieferant.“ Mit jenem Klassen- und Trainingskameraden guckte Sophia den Film über Ercan Demir. Darin rappelt sich der Bodybuilding-Rentner nach einer schweren Verletzung noch einmal auf, um bei der Senioren-WM in Antalya anzugreifen. Dieser Wille, diese Disziplin – innerhalb von acht Monaten quälte sich der 1,73-Meter-Mann von 100 auf 123 Kilo – faszinieren die Fachoberschülerin. Kurzerhand fährt sie nach München, stellt sich Ercan vor – und wird prompt sein Schützling.

Der bullige, aber herzliche Glatzkopf hat Sophias Potential sofort erkannt. „Sie ist ein Typ“, sagt er. Mit ideal geformten Muskeln, und doch lieblichem Gesicht. Ercan stellte ein Trainingsprogramm  zusammen und machte Sophia Thiel binnen weniger Monate nicht nur wettkampftauglich, sondern, wie  er nicht ohne stolz sagt: zu einer Attraktion. Was andere als schmerzhafte Schinderei empfänden, lässt Sophia innerlich wie äußerlich aufblühen. „Sie ist eine Kämpferin, hat eine unglaubliche mentale Stärke“, lobt der Trainer. Arme, Beine, Schultern, Brust – jeden Tag muss eine andere Körperpartie dran glauben. Eine Wissenschaft für sich (und für Amateure nicht zur Nachahmung empfohlen!) ist das sogenannte Laden und Entladen. Ein paar Tage vor dem Wettkampf trinkt man Unmengen an Wasser. Neun Liter, sagt Sophia, schütte sie schon in sich hinein. Der Körper soll sich angewöhnen, große Mengen Flüssigkeit auszuscheiden. Gleichzeitig werden Kohlenhydrate abgesetzt, um die  Glykosespeicher der Muskeln zu leeren. So nimmt man ratzfatz etliche Kilos ab – man entlädt.

Zwei Tage vor dem Wettkampf dann die Kehrtwende: Kaum Wasser mehr. Der Körper entwässert aber weiter. Jetzt heißt´s regelrecht Kohlenhydrate spachteln. Die Muskeln packen ihre Glykosespeicher  rappelvoll. „Sie pumpen sich richtig auf“, grinst Sophia – die sogenannte Ladung. Ein willkommener Nebeneffekt: Dieses Entwässern lässt die Haut auch dünn erscheinen wie Pergament. Das typische Bild eines Bodybuilders ist fertig: dralle Muskeln, jede Faser unter der Haut tritt deutlich hervor. Übrigens „pinseln“ sich Bodybuilder einzig aus dem Grund mit dieser so unnatürlich nach Solariummissbrauchaussehenden Bräune ein: Um diesen Effekt zu verstärken. Dunkle Haut lässt Muskeln einfach definierter erscheinen. Im wirklichen Leben würde sie niemals so herumlaufen, lacht Sophia.

Sympathiepunkte auch bei Skeptikern sammelt sie übrigens, weil sie sich einem anderen, in der Szene fast reflexartigen Eingriff tapfer verweigert: der Brustvergrößerung. Silikon kommt ihr nicht unter die Haut! Eine genauso mutige wie respekatble Entscheidung. Denn: Das Bodybuilding ist ähnlich dem Boxen in unterschiedliche Klassen eingeteilt. Sophia startet in der sogenannten Bikini-Fitness-Klasse, einem Wettkampf also, der noch viel mit herkömmlichen Schönheitswettbewerben gemeinsam hat. Wenn sich die Teilnehmerinnen auf der Bühne präsentieren, ihre Posen einnehmen, sich von vorne, von hinten und von der Seite begutachten lassen, kommt es noch nicht so sehr auf Muskelmasse oder Definition an. Der Jury geht es um Kriterien wie Symmetrie und Proportion. Sportive, feminine Typen sind gefragt, sogar die Frisur und das Make-up fließen in die Bewertung mit ein. „Klar“, sagt Sophia, „das ist schon eine Fleischbeschau.“ Aber eine, der sie sich bewusst und mit Freuden stellt. „Ich bin stolz auf meinen Körper“, betont sie. Im Internet lassen sich ihre Fortschritte verfolgen, dort geben sie und ihr Mentor Ercan auch Tipps für Nachahmer. Einer davon: Mach mal Pause! Klingt  lapidar, ist aber ungemein wichtig. „Der Muskel wächst erst in der Ruhephase“, weiß die Sportlerin.

Naheliegend, dass sie aus der Berufung nun auch einen Beruf machen möchte. Auf Youtube schauen so viele Menschen zu: Warum also nicht gleich eine DVD herausbringen? So viele Frauen fragen nach  ihrem Ernährungsplan, nach ihren Trainingsmethoden. „Sophia kann sich selbst und andere fantastisch motivieren“, sagt Ercan Demir. Und nach dem letzten Wettkampf wäre da ja auch noch eine Rechnung offen. Bei aller Glückseligkeit darüber, als absoluter Neuling gleich an der Deutschen teilgenommen zu haben: Sophia Thiel strebt nach mehr. Mittelfristig will sie die Bikini-Klasse rocken, langfristig vielleicht noch ein paar Muskeln mehr drauf packen, für höhere Klassen. Ercan spricht leise von einer  Weltkarriere. Die Verwandlung hat gerade erst begonnen. 

Zurück