Post-Rock im Rhythmus Papua-Neuguineas

Christian Topel

Fotos: Daniel von Rüdiger

Mit ihrem Debüt-Album „0101“ legt das gleichnamige Musik-Duo mit Rosenheimer Wurzeln ein eindringliches musikalisches Arrangement der preisgekrönten, audiovisuellen Live Performance „1Hz“ vor. Basis sind Klänge aus dem Dschungel.

Als mächtigster Strom Papua-Neuguineas entspringt der Sepik dem unbehausten Hochland des Inselstaates, schlängelt sich sodann – unzählige Lagunen, Nebenflüsse und Seen bildend – durch tiefes, in weiten Teilen unerforschtes Dschungelgebiet und stürzt sich schließlich, über tausend Kilometer später, in den Pazifik. Den an manchen Passagen mehrere hundert Meter breiten Strom beherrschen blutrünstige Krokodile, den Dschungel ringsum friedfertige Stämme, von denen viele bis dato kaum Kontakt zur sogenannten Zivilisation pflegen. Viel zu abseitig liegt der Inselstaat, viel zu mühselig erweist sich der Weg durchs tropische Dickicht.

Ureinwohner wie jene aus dem Dorf Kambot bewegen sich größtenteils auf Einbaumkanus fort, die sie, in schweißtreibender Handarbeit, aus dem Holz hauen. Der Rhythmus der gemeinsamen Axtschläge donnert tagelang, von früh bis spät, durch den Urwald. Ein Rhythmus, der nun – nach Umwegen über Basel, Berlin, Mailand oder Paris – nach Bayern gelangt und hier buchstäblich auf Vinyl gelandet ist.

Anfang der 90er Jahre lernen sich die gebürtigen Rosenheimer Daniel Müller (Künstlername Daniel von Rüdiger) und Stefan Carl (alias Carl) auf dem Spielplatz kennen. Neben gemeinsamen Faibles für Actionfilme, selbstgebastelte Böller oder Taschenmesser verbindet die Burschen bald auch eine Vorliebe für Musik. Laute, dreckige Musik. Im Keller eines dritten Kumpels rufen sie „Die Roten Rüben“ ins Leben, eine Punkband. Daniel von Rüdiger kreischt sich die Seele aus dem Leib und drischt dabei auf ein lückenhaftes, mit Töpfen vervollständigtes Schlagzeug ein; Carl bringt sich autodidaktisch das Bassspielen bei. 

Ein paar Besetzungen und Jahre später veröffentlichen die beiden als „chromatic BLaCK“ ein in der Szene vielbeachtetes Punkrock-Album. Es wird von Jörg Evers produziert, der unter anderem für den Soundtrack so legendärer Klamaukfilme wie „Manta Manta“ oder „Werner – Beinhart“ verantworlich zeichnet. Dann trennen sich vorerst, nach 15 Jahren des gemeinsamen Rockens, die Lebenswege der Jugendfreunde. 

Daniel von Rüdiger studiert in München Mediendesign, in Augsburg Design- und Kommunikationsstrategie sowie Visuelle Kommunikation und Bildforschung in Basel. Von 2012 an promoviert er an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz über den Vergleich von Rhythmus in Bewegtbild und Musik. Carl beginnt, in der Nähe von Eichstätt in einer Beratungsstelle für psychische Gesundheit sowie für einen psychiatrischen Krisendienst zu arbeiten. 

Zurück in Kambot. Während die männlichen, meist kraushaarigen Papua-Neuguinis ihre Kanus fertigen, stellen die Frauen Sago her. Auch das: ein Knochenjob. Es dauert Tage, die Sagopalme zu entrinden, das Mark aus den Fasern zu lösen und klein zu stampfen und durch Wasserzugabe die Stärke herauszulösen, um den Brei dann über off ener Flamme zu trocknen. Die Fladen aus Sagomehl bilden das Grundnahrungsmittel der Region. Eindringliche visuelle und akustische Eindrücke exakt jener beiden am Ufer des Sepik existenziellen Tätigkeiten hat Daniel von Rüdiger 2014 gesammelt.

Er habe eine Pause von seiner Tätigkeit an der Baseler Hochschule gebraucht und sein Können als Fotograf und Filmemacher unentgeltlich für soziale Zwecke angeboten, erzählt der in Basel lebende Wahlschweizer. Sein Interesse galt Regionen, die noch nicht von Pop-Kultur beeinflusst waren. Ein zufälliger Kontakt zu der NGO „HELP Resources Inc.“ führte schließlich zu der Einladung, gemeinsam mit der australischen Papua-Expertin Elizabeth Cox den Alltag verschiedener Dörfer am Sepik zu dokumentieren. Ein für Daniel von Rüdiger und im Nachklang auch für Stefan Carl wegweisender Aufenthalt!

Mithilfe der vor Ort enstandenen Foto-, Film- und Tonaufnahmen entwickelte Daniel von Rüdiger – neben international preisgekrönten Ausstellungen und Vorträgen – zusammen mit Stefan Carl auch die audiovisuelle Live-Performance „1Hz“, die am Kasseler Dokfest 2015 Premiere feierte. An der Loop-Station, am Mikro und an den Percussions: Daniel von Rüdiger; an Gitarre und Loop-Station: Stefan Carl. Die gereiften (wenn auch konzertant kaum weniger wilden) Künstler gaben ihr Bühnencomeback als Projekt „0101“.

Was das Duo als „Cinematic Post-Rock„ darbietet, basiert auf den von Daniel von Rüdiger aus Papua-Neuguinea mitgebrachten „Field-Recordings“, also unbeeinflussten Aufnahmen der Geräusche und Klänge von Land und Leuten. Zwei hypnotische Songs sind entstanden, die den Rhythmus der hart schuftenden indigenen Bevölkerung aufnehmen, um Zuhörer mithilfe der darübergelegten, genauso melodiösen wie markerschütternden Gitarrenloops und Sampledrums mitzunehmen auf eine regelrecht psychedelische musikalische Reise mit soziokultureller Botschaft. 

Eine Reise in bester Post-Rock-Tradition, die auch als Album nicht an Faszination verliert. Eingespielt in einer Industriehalle in Stephanskirchen bei Rosenheim, stellen die beiden Songs die Lebenswelt der selbstversorgenden und ressourcenschonenden Dorfgemeinschaft in Kambot der Lebenswelt unserer postindustriellen, verschwenderisch lebenden Gesellschaft gegenüber. Das mit dem Bandnamen betitelte Album „0101“ wird digital über das Raublinger Label Hicktown Records vertrieben. Zudem erscheint es in streng limitierter Auflage auf Vinyl – jedes im Blaudruckverfahren produzierte Cover ein Unikat!

 

Daniel von Rüdiger und Carl standen unserer Redaktion Rede und Antwort. Hier geht's zum Interview.

www.0101.wtf

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