Passion mit „Brit-Pop“

Christian Topel

Drummond Walker
Fotos: Andreas Jacob

Mit einer über vierhundertjährigen Tradition gehen die Passionsspiele Erl 2019 wieder über die Bühne. Die musikalische Leitung bekommt mit Drummond Walker einen „britischen Touch“.

Auch eintausendzweihundert Kilometer von London entfernt beschäftigt man sich im Frühjahr des Jahres 2019 als Brite mit dem Brexit. Drummond Walker, der die Insel Anfang der 1980er Jahre verließ, um auf dem Kontinent eine – wie er sagt – „nicht sehr große, aber hübsche“ Karriere als Opernsänger einzuschlagen, kann nur den Kopf schütteln. „Europa verlassen? So ein Blödsinn!“ Im Klang von Walkers Worten spiegelt sich einerseits die Herkunft aus jenem kleinen, nördlich von London gelegenen Dorf wider, in dem er 1959 als Sohn einer Schottin und eines englischen Pastors geboren wurde. Andererseits hat er den Zungenschlag seiner heutigen Wahlheimat Erl angenommen. Und was sich in der Sprache andeutet, setzt sich im gesamten Auftreten fort. Der musikalische Leiter der Erler Passionsspiele wirkt wie eine Mischung aus britischem Landadel und Tiroler Spitzbub.

Höfllich hält er mir die Tür auf, als wir die „Blaue Quelle“ betreten, ein sowohl bei den Einheimischen als auch bei bayerischen Touristen beliebtes Gasthaus. Bevor wir uns setzen, grüßt er laut scherzend den Stammtisch. Ein Drittel der Erler Bevölkerung – gut 500 Freiwillige – beteiligt sich an den Passionsspielen. Man kennt und schätzt diesen meist gutgelaunten Gentleman. Die gute Laune trübt sich nur kurz, als wir bei diesem vermaledeiten Thema landen: dem Brexit. Das britische Unterhaus hat Premierministerin Theresa May gerade mit dem dritten Vorschlag für ein Austrittsabkommen abblitzen lassen – und Drummond Walker will gar nicht mehr aufhören, den Kopf zu schütteln. Er wundert sich über die Borniertheit seiner Landsleute; über das geradezu lächerliche Verhandlungs-Chaos; ja letztendlich über die Entscheidung an sich. Denn was wie eine Komödie wirkt, könnte in eine Tragödie münden. Walker sorgt sich, dass nach dem Abschied aus der EU jene dunklen Zeiten zurückkehren, die Großbritannien längst überwunden zu haben schien. Schließlich trug nicht zuletzt der mit der EU „eingeschleppte“ freie Personen- und Warenverkehr entscheidend dazu bei, den Jahrhunderte alten Nordirlandkonflikt zu befrieden.

Wahrscheinlich fällt Drummond Walkers Plädoyer für Europa auch deshalb so flammend aus, weil er den Terror am eigenen Leib erlebte. Der Heldentenor, unter dessen Auto die IRA dereinst eine Bombe platzierte, sagt klar und deutlich: „Wo die Schlagbäume verschwinden, verschwinden auch die Grenzen im Kopf. Nur ein vereintes, offenes Europa kann für Annäherung, Freiheit und Frieden sorgen.“ Letzterer, weiß Walker, ist auch auf dem Festland in Gefahr. Auch hier, im Herzen Europas, brodele es, seien destruktive Kräfte am Werk, erlebe der Rechtspopulismus einen besorgniserregenden Aufschwung. Ehe wir uns darin verlieren, über Versäumnisse der Politik zu sprechen, oder darüber, welche Herausforderungen es für eine 1.500-Seelen-Gemeinde wie Erl darstellte, 500 Flüchtlinge zu versorgen, die man notgedrungen im Parkhaus des Festspielhauses unterbrachte –, ehe wir also allzu weit abschweifen, frage ich, welche Antworten auf die drängenden Fragen dieser Zeit uns die Passionsspiele geben können. Walker antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Hoffnung!“

Die Geschichte der Passion Christi könne den Menschen insofern Hoffnung geben, erklärt der Leiter der Chöre aus Kufstein, Reith im Alpbachtal sowie Oberaudorf, als sie zeige, dass Neid, Hass und Fanatismus zu nichts führen. Eine Botschaft der Inszenierung laute: Was auch immer passiert, da ist ein Licht. Eine andere: Es würde uns Menschen mehr bringen, offen zu sein und miteinander zu reden, als sich voneinander abzugrenzen. Ein Prinzip, das Drummond Walker in seiner Arbeit als musikalischer Leiter der Passionsspiele vorlebt. Auf begeisternde Weise verbindet er Glaube mit Musik, Religiosität mit Spaß.

Sein Elternhaus beschreibt Drummond Walker als geradezu klischeehaften Pastorenhaushalt. „Du darfst Dir das wie in einer Jane-Austen-Verfilmung vorstellen“, sagt der Pfarrerssohn lachend. 45 Jahre lang habe der Vater im Heimatdorf gepredigt, auf jeder Taufe, jeder Hochzeit, jeder Beerdigung. Diese Stellung sei für ihn, den Sohn des Geistlichen, einerseits Privileg gewesen, andererseits Fluch. „Ich stand natürlich immer unter besonderer Beobachtung“, erzählt Walker und zwinkert verschwörerisch.

Als großes Glück seiner Kindheit und Jugend bezeichnet der 59-Jährige den frühen Kontakt zu Chormusik. Der kleine Drummond besucht früh ein Internat, mitten im englischen Nirgendwo. „Ein Gebäude wie aus Harry Potter“, erinnert sich Walker, der als Ministrant zwar jeden Tag in der Kirche zu stehen hat, die dort erklingende, erstklassige Chormusik aber als Entschädigung empfindet. Nach einem Schulwechsel im tiefsten Teenageralter tritt er selbst einem Chor bei, um später gar Gesang zu studieren. Ob er diesen Sound als junger Kerl nicht furchtbar dröge fand – Kirchenchormusik, zu den Hochzeiten des Rock ‘n‘ Roll? Keinesfalls, versichert Walker. „Kirchenmusik war die Popmusik ihrer Zeit.“ Seine Augen funkeln schelmisch, als er fortfährt: „So wollen wir das dem Publikum auch bei den Passionsspielen präsentieren. Sexy, mutig, frisch.“ Dann, da sei er sicher, springe der Funke über!

Foto: Gigler

Den Funken überspringen lassen, Menschen zusammenbringen – wie das geht, hat Drummond Walker 2017 eindrucksvoll bewiesen, als er Mozarts Requiem auf die Bühne des Passionsspielhauses brachte – als Zusammenspiel verschiedener Chöre aus Kufstein, Rosenheim und England. „Eine wunderbare Erfahrung für Publikum und Sänger“, schwärmt Walker.

Dieses Prinzip von Vielfalt und Offenheit hat er nun auf die Passionsspiele übertragen, quasi als Menschenfischer, ganz im Sinne des biblischen Vorbilds. Als es im Herbst letzten Jahres daran ging, den 40-köpfigen Chor zusammenzutrommeln, gab Walker das Motto aus: Jeder ist willkommen. Und seinem Aufruf folgten – wie beabsichtigt – nicht nur Mitglieder der beiden örtlichen Chöre, sondern auch Erler und Erlerinnen, die bis dato höchstens unter der Dusche trällerten. Diese unterschiedlichen Talente und Charaktere zu einer bühnenreifen, obendrein mit dem Orchester harmonierenden Einheit zu formen, empfindet Drummond Walker als höchst erfüllende Herausforderung. „Das macht so eine Gaudi, wie das zusammenwächst“, sagt der Chorleiter, auf seine unnachahmlich „britirolerische“ Art. Seine Freude an den seit Oktober laufenden Proben versucht er dem zusammengewürfelten Chor einzuimpfen. Denn: „Wer Spaß hat beim Singen, klingt besser.“

Ob die Gaudi auch beim Publikum anschlägt, wird sich am 26. Mai zeigen. An diesem Tag feiern die Passionsspiele 2019 den Auftakt zu insgesamt 32 Aufführungen. Drummond Walker sieht der Spielzeit gelassen entgegen. „Die Musik ist super, wie Filmmusik. Nicht so statisch wie beispielsweise frühe Opern“, lobt er den Komponisten Wolfram Wagner. Wer die Passion von 2013 gesehen hat, dürfte bei diesem Namen aufhorchen. In der Tat, Regisseur Markus Plattner arbeitet mit dem schon 2013 aufgeführten Text, auch große Teile des Ensembles standen bereits in dieser Version auf der Bühne. Von einer bloßen Wiederaufnahme könne jedoch keine Rede sein, versprechen die Verantwortlichen. Mehr Tiefe und deutlich weiterentwickelte Charaktere seien zu erwarten. Glaubt man Drummond Walker, lohnt sich ein Besuch aus mehrerlei Gründen: wegen der fabelhaften Inszenierung, der unglaublichen Akustik – und nicht zuletzt wegen „etwas“, das sich in dem Gebäude befinde, etwas, das man nicht erklären, aber spüren könne. „Das Haus ist gesegnet!“

www.passionsspiele.at

 

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