Paddelboot, Ahoi

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Aus dem Chiemsee entspringt ein Fluss, der als familientaugliche Gummiboot-Allee gilt: die Alz. Das Motto lautet: treiben und treiben lassen.

Aus seinem nördlichsten Zipfel spuckt der Chiemsee die Alz in ihr geschwungenes Bett. Von Seebruck aus schlängelt sich das Flüsschen, das hinter Marktl in den Inn mündet, einige Kilometer lang urgemütlich durch die Landschaft. So gemütlich, dass Hobbykapitäne jedes Alters die Alz für betuliche Bootsfahrten nutzen. So betuliche Bootsfahrten, dass sogar die wasserscheuesten himmeblau-Landratten einen Ausflug zu unternehmen wagen.

Vor dem ersten Ahoi haben wir Organisationsgeplänkel und Konditionsproben zu bewältigen. Wir wollen – der Betulichkeit halber – nur die knapp sieben Kilometer bis Truchtlaching schippern. Da warten noch keine Wasserfälle, Wehranlagen oder Kraftwerke auf uns Wasserwanderer. Wenn wir aber später den Weg zurück zur Einstiegsstelle nicht zu Fuß wandern wollen, müssen wir vorsorgen. Also fahren zwei von uns schon mal ans Ziel und deponieren dort ein Auto. Spontan decken sie uns mit süffigem Reiseproviant aus der hiesigen Brauerei ein, die sich seit 2008 hinter den Mauern der alten Mühle verbirgt: ein paar Flaschen Lager Hell aus dem Hause Camba Bavaria in die Kühltasche gepackt, mit nur mehr einem Auto zurück gefahren, und sich über die bereits aufgepumpten Schlauchboote gefreut – geht gut los!

Um nicht mit den zu Hunderten vor Seebruck ankernden Chiemsee-Yachten konkurrieren zu müssen, haben wir uns entschieden, nicht im Chiemsee, sondern direkt in seinem Abfluss abzulegen. Hinter dem Hotel Post haben wir eine gute Einstiegsstelle erspäht. Ehe wir die Boote zu Wasser lassen, cremen wir uns doppelt ein: mit Sonnen-, und mit Insektenschutzmittel. Dann starten wir. Ein paar Paddelstöße braucht es nur bis zur Flussmitte, wo wir Arme und Beine hochlegen und uns sanft dahintreiben lassen. Hinter uns schrumpft die Kirche St. Thomas und St. Stephan, vor uns säumen Schilfrohre und Trauerweiden den Weg, über uns ziehen Schäfchenwolken gemächlich ihre Kreise. Ein guter Moment, um der Natur zuzuprosten. Das Schnalzen des Bügelverschlusses schreckt ein Stockenten-Ehepaar auf, das unter protestierendem Geschnatter davon flattert. Als Überbleibsel der Flucht bleibt auf der Wasseroberfläche eine einsame, weiße Feder zurück, die uns wie ein führerloses Schiffchen ein paar Meter begleitet. Die Sonne glitzert in den letzten, noch nicht verdunsteten Wassertropfen auf der Bootshaut, irrlichternde Libellen erküren den Bug zum Landeplatz, und eine wohlige Müdigkeit macht unsere Lider schwer. Ein Nickerchen erlauben wir uns trotzdem nicht. So friedlich es dahin gehen mag – in Ufernähe ragen immer wieder tote Bäume aus dem Wasser wie die Skellette ertrunkener Riesen.

Doch wir wollen weder die Boote noch uns ankratzen lassen! Um also wieder munterer zu werden, lassen wir uns ins Wasser gleiten. Auch in Sachen Abkühlung entpuppt sich die Alz als familienfreundlich. Im Chiemsee erwärmt, verursacht das Nass nicht gerade Frostbeulen. Von waghalsigen Kopfsprüngen ist allerdings abzuraten: den Großteil der Strecke kann sogar die Kleinste im Bunde stehen – wir absolvieren buchstäblich eine Spazierfahrt.

Immerhin, so mutterseelenallein wie zu Beginn der Fahrt bleiben wir nicht lange. Werktag hin oder her, schon bald verfolgt uns eine Armada knallgelber Gummiboote, ein Kajak mit einem resolut rudernden Rentnerehepaar überholt uns frech. Einem Kormoran wird das dann doch zu viel Verkehr. Von seinem Treibgut-Thron am Ufer aus stößt er in die Luft, ein pechschwarzer Pfeil vor den watteweißen Wolken.

Nur, wenn eines der seltenen Verkehrsschilder den rechten (oder linken) Weg weist, bemühen wir die Ruder. Ansonsten verlassen wir uns ganz auf die Strömung. Nach etwa halber Strecke passieren wir ein paar Häuser. Die Rufe am Ufer spielender Kinder erwidern wir als fröhliches Gruppen-Echo. Nach nicht ganz drei Stunden nähern wir uns der Alzbrücke in Truchtlaching. Eines unserer Boote dockt links an der Anlegestelle an. Die Willkommenshut bilden drei Burschen, die sich von einem Baum ins Wasser plumpsen lassen. Trockenen Fußes eine Bootstour zu beenden, wäre ja auch Blasphemie. Das andere Boot manövriert unter der Brücke durch und geht rechts an Land.

Zum Abschluss beschließen wir zweierlei: zum einen wollen wir beim nächsten Mal unbedingt auch den rasanteren Teil bis oberhalb des Alz-Wasserfalles bei Altenmarkt befahren; zum anderen scheint auch das pure In-der Sonne-fläzen Hunger zu machen – den wir einfach dort stillen, wo wir schon unseren Durstlöscher her hatten. In der Brauereigaststätte Camba Bavaria, mit Blick auf die Alz und ihren Schlauchbootflotten.

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