Ohne Salz kein Leben

Hans-Roland Zitka

Fotos: Andreas Jacob, Inn-Museum

Über Flüsse wie Inn und Salzach gelangte das „weiße Gold“ in die weite Welt.

Für Mensch und Tier ist es unentbehrlich. Ob Steinsalz, Meeressalz oder Sole, Salz ist eine lebensnotwendige Substanz, eine Substanz, um die der Mensch immer wieder kämpfen musste. Wo kein Salz war, musste man es mühsam herbeischaffen, und daraus entwickelte sich oft wiederum ein die Völker verbindender Handel.

Zum Beispiel zwischen den Alpen und Böhmen. Ob im Salzkammergut, im Berchtesgadener Land oder in Tirol, das weiße Gold lagerte tief in der Bergwelt und musste mühsam aus tausend Metern und mehr ans Tageslicht befördert werden. Das geschah entweder in Blöcken oder aufgelöst in Wasser. Die Sole vom Dürrnberg bei Hallein wird beispielsweise heute noch nach Reichenhall geleitet und bildet die Grundlage einer vielseitigen Kur. In Tirol entwickelte sich das Solebad Hall zu überregionaler Bedeutung. Am Fuße des Haller Salzberges entstand eine höchst lebendige Stadt, rege und mit enormer wirtschaftlicher Kraft, wohl auch des hier ebenfalls gefundenen Silbers wegen.

Der klassische Transportweg aus dem Gebirge hinaus aber führte jahrhundertelang über die Wasser von Inn und Salzach. Beide Flüsse waren wild und alles andere als reguliert. Die Gefährlichkeit der Schifffahrt auf diesen Alpenflüssen wird schon von den Chronisten des 17. Und 18. Jahrhunderts betont. Bei Hochwasser wuchsen sie zu verheerenden Strömen an, entwickelten eine enorme Geschwindigkeit und rissen alles mit sich fort – Uferbauten, Häuser, Ställe. Ging das Hochwasser zurück, so traten wilde Bruchufer, Sandbänke, Inseln, Rinnsale und Altwasser zutage und bildeten stellenweise große Sümpfe.

Die Geschichte der Inn- und Salzachschiffer mit ihren meist völlig überladenen Plätten ist in Hallein, Salzburg, Laufen, Tittmoning und Burghausen noch ebenso lebendig wie in Hall, Kufstein oder Rosenheim; ja, man kann diese Zeit sogar nacherleben: in gar nicht langweiligen Museen und erst recht bei einer gefahrlosen Plättenfahrt durch das vom Unteren Weilhartforst umsäumte, stille Salzachtal zwischen Tittmoning und Burghausen – eine wundervolle Erfahrung. Man kann sie über +49(0)8677 - 887140 buchen.

Ist so eine Reise am Fluss heutzutage mehr eine touristische Attraktion (die Plätten sind heute fast schon kleine Vergnügungsdampfer), so war sie im Mittelalter ein risikoreiches Unternehmen. Die wilden und unberechenbaren Gebirgsflüsse verlangten den Schiffern aber auch wirklich alles ab: Hatte man beispielsweise in Burghausen gerade mal etwas Kraft geschöpft, so brauchte man noch mehr davon und richtig Mut für den reißenden Salzachdurchbruch zwischen der Herzogstadt Burghausen und Haiming: links und rechts steil aufragende Sandsteinwände, die bis heute immer wieder abbröckeln, Felstrümmer mitten im Fluss, ansonsten aber einsame Stille, unterbrochen nur durch das Tosen des Wassers und die wilden Schreie großer Vögel. Das war mal eine höchst gefährliche Passage, und sie ist auch für die Wassersportler von heute nicht harmlos. Entlastung brachte erst der Rückstau des Flusses durch die Anfang der Fünfzigerjahre gebaute Innstaustufe zwischen der Salzachmündung und der Stadt Braunau – hier vereinigen sich die grünlichen Salzach-Wasser mit jenen des Inns. Meterhohe, betonarmierte Dämme beruhigten die Zone wilder Frühjahrshochwässer und verwandelten das Landschaftsbild völlig.

Der „Innspitz“, früher ein Ausflugsziel direkt an der Mündung, ist heute nicht mehr sichtbar, weil unter dem Wasser. Wer aber mit dem Auto oder per Rad am österreichischen Hoch-ufer durch den Oberen Weilhartforst von Burghausen in Richtung Braunau fährt, wird von einem besonders gekennzeichneten Aussichtspunkt statt der Mündungsszene einen riesengroßen, in die Landschaft hineinkomponierten See erblicken, über den die Salzach-Plätten heutzutage gefahrloser unterwegs wären als anno dazumal. In Schärding und Passau wurde das weiße Gold auf der Donau weitertransportiert oder auf schwere Pferdefuhrwerke verladen, denn hier begann der berühmte mittelalterliche „Goldene Steig“ ins Böhmerland. Spuren des Transportweges sind noch heute sichtbar.

Foto: Stadt Laufen

An Salzach und Inn ist diese geschichtlich besonders interessante Periode immer noch lebendig. In Laufen erinnert das einzigartige historische Schifferstechen an die Zeit der frühen Salztransporte. Am Sonntag, 12. August 2018, kann man ab 13:00 Uhr nacherleben, wie freche Räuber die mit Salz beladenen Plätten überfallen und von der Garde gefangen genommen und vertrieben werden. Aufgeführt wird dieses sehenswerte Spektakel von einem 1278 gegründeten Verein, in dem sich angesehene Laufener Bürger noch heute um den Nachbau der Zillen und Plätten und die Herstellung der historischen Kostüme bemühen. Gegenwärtig verfügt man über vier einsatzfähige Plätten und acht Zillen und steckt mitten in den Vorbereitungen des großen sommerlichen Ereignisses.

Aber auch die Museen an Inn und Salzach haben sich dieses Themas angenommen, zum Beispiel das Inn-Museum im alten Bruckbau in Rosenheim: Hier kann man eine Plätte, ein Kuchlschiff und andere Exponate sehen (Tel. 08031-31511), das Geschichtszentrum im Museum der Stadt Mühldorf (Tel. 06831-699980) zeigt gar einen ganzen Treidelzug sowie Ketten, Seile und andere Exponate aus der Zeit des Salztransportes auf dem Inn. Apropos Treidelzug: Die alten Treidelwege sind stellenweise noch erhalten und werden da wie dort gerne für Spaziergänge und Radtouren genutzt.

Der Raum zwischen Inn und Salzach verfügt über eine vielgestaltige und reiche Gliederung seiner Landschaft, sie reicht von den Kalkhochalpen über die hügelige und flachwellige Moränenlandschaft des Alpenvorlandes bis in die wald- und feldreiche Schotterlandschaft der nördlichen Inn-Salzach-Platte. Das Salz spielte in diesem Raum immer schon eine große Rolle, gibt es doch in den Kalkalpen, beispielsweise in Hallstatt, Aussee, in Ebensee und im Raum Berchtesgaden seit Menschengedenken riesige Steinsalzlager. Sie wurden und werden teils im Bergbau, teils durch natürliche und künstliche Solen ausgebeutet. Hauptstandorte der Salzerzeugung im Inn-Salzach-Bereich sind seit vielen Jahrhunderten Reichenhall und Berchtesgaden.

Wer nun bis hierher gelesen hat, wird aber überrascht sein, dass in Bayern das meiste Salz nirgendwo anders als in Rosenheim produziert wurde. Hier hatte die staatliche Saline ihren Sitz und beschäftigte während dieser Zeit bis zu fünfhundert Arbeiter und Angestellte. So, wie man heute Erdöl durch Rohrleitungen über ganze Kontinente befördert, floss zwischen 1810 und 1958 Sole aus dem Salzbergwerk Berchtesgaden über eine 81 Kilometer lange Leitung in die Stadt am Inn. Die Rohre waren damals freilich noch aus Holz und daher anfällig, insgesamt aber funktionierte dieser Transportweg recht klaglos. Die Gewinnung von Salz war so wichtig, dass zu ihrer Überwachung in Rosenheim eigens die Funktion eines königlichen Salinenrates eingerichtet wurde. Es war Georg von Reichenbach, der die Leitung konstruierte und diesen Titel führen durfte. Am Ende wurde die Sole in Feuerpfannen geleitet und durch Sieden in Salz verwandelt, eine Technik, die schon im Mittelalter bekannt war. Die hölzernen Rohre, auch Deicheln genannt, mussten freilich immer wieder ausgewechselt werden. Rosenheim produzierte in drei Sudhäusern mit sechs Sudpfannen bis zu 26.000 Tonnen Salz im Jahr. Noch bei Betriebsende waren hier bis zu siebzig Arbeiter tätig.

Die lebhafte und florierende Stadt am Inn würde noch heute eine Salinenstadt sein, wenn die königlich-bayerische Regierung nicht beschlossen hätte, die Salzproduktion auf die Saline Reichenhall zu konzentrieren. Reichenhall lag quasi direkt an der Quelle und schaffte es, seine Anlagen zu modernisieren, Rosenheims Saline hingegen war inzwischen veraltet, produzierte zu teuer und war zuletzt ein Zuschussbetrieb. 1958 wurde die Saline in der Innstadt schließlich stillgelegt und zwei Jahre später abgerissen. Auf ihrem Gelände entstand ein neuer Stadtteil mit besonderer Geschichte: Bis 1809 stand hier nämlich das erste Rosenheimer Kapuzinerkloster, an der Stelle des früheren Hauptsudhauses steht seit 1982 das Rosenheimer Kultur- und Kongress-Zentrum. Das riesige Schöpfrad vor dem Eingang erinnert an die fast 150-jährige Geschichte der bedeutendsten bayerischen Saline. Dieser Geschichte widmet sich auch eine Dauerausstellung im Städtischen Museum Rosenheim (Tel. 08031-3658751).

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