O' wie schön ist Stephanskirchen

himmeblau Redaktion

Fotos: Marc O'Polo

Marc O’Polo feiert dieses Jahr 50sten Geburtstag – genau wie Mitarbeiterin Petra Schmid. himmeblau erzählt eine doppelte Geschichte von Welterfolg und Heimatverbundenheit.

Sommer 1967. Der sogenannte „Summer of Love“. Während sich in San Francisco die Hippies Blumen ins Haar stecken, sitzt ein anderer Amerikaner in Stockholm. Zusammen mit den beiden Schweden Göte Huss und Rolf Lind hat Jerry O. Sheets jüngst eine Mode-Firma gegründet, über deren Namen die drei nun brüten. Ihr erstes Produkt: ein handgewebtes Hemd aus indischer Baumwolle. Weil sie sich als Pioniere fühlen, fällt dem Gründertrio Marco Polo ein, der große Entdecker und Asienreisende. Dann trifft Jerry O. Sheets der Geistesblitz. Immer wieder jubeln die Schweden dem Amerikaner fälschlicherweise ein Akzent-Strichlein unter, ganz so, als wäre er ein Ire. Dieses O’ kombinieren die Gründer mit dem legendären Handelsreisenden – das Label Marc O’Polo ist geboren.

Rund 2.000 Kilometer weiter südlich erblickt zur gleichen Zeit Petra Schmid das Licht der Welt. Ihre ersten Atemzüge tut sie im heutigen Karolinen-Gymnasium, das damals als Geburtshaus diente. Ein Krankenhaus gab es in Rosenheim noch nicht. Rosenheim, Stockholm – warum der Sprung von Skandinavien in die oberbayerische Provinz? Aus zwei guten Gründen: Zum einen sollte jene Petra Schmid rund 20 Jahre später zu Marc O’Polo stoßen, zum anderen lag nicht weit von der Geburtsstätte des Mädchens das renommierte Herrenausstatter-Geschäft des Ehepaars Böck. Deren Sohn Werner Böck beginnt zu dieser Zeit den Aufbau eines eigenen Geschäfts und wie es der Zufall will, entdeckt der junge Mann ein Jahr später auf der Kölner Herrenmodewoche die drei Herren aus Schweden. Er auf der Suche nach innovativem Design, sie mit der Mission, ihre Marke europaweit bekannt zu machen. Das Natürliche, der Tragekomfort, der Verzicht auf Kunstfasern: für Werner Böck ein Geniestreich und Liebe auf den ersten Blick. Von Stephanskirchen bei Rosenheim aus baut Werner Böck den Vertrieb von Marc O’Polo für Deutschland, Österreich und die Schweiz auf. Es ist der Beginn einer internationalen Erfolgsgeschichte.

Als Petra Schmid die Mädchenrealschule besucht, hat sich Marc O’Polo längst zur etablierten Marke entwickelt. In Düsseldorf eröffent 1979 der weltweit erste Store im Rahmen einer Franchise-Partnerschaft. Petra Schmid hat da mit Mode noch nichts am Hut. Sie ist ein eher schüchternes Mädchen, das sich in der Landjugend engagiert und im Schützenverein Erfolge feiert. „Wir haben sogar die Gaumeisterschaft gewonnen“, erinnert sich die 49-Jährige, die heute noch im Elternhaus in Prutting wohnt, dem Nachbarort von Stephanskirchen. Eine Heimatverbundenheit, die sie mit Werner Böck teilt.

Der Visionär und Vorreiter des Logo-Sweatshirts (das Marc O’Polo Baumwoll-Shirt mit sichtbarem Schriftzug wurde zum Verkaufsschlager) bleibt Stephanskirchen auch treu. Kurz bevor Petra Schmid im Jahr der deutschen Einheit als junge Buchhalterin an Bord geht, erwirbt Werner Böck 40 Prozent der Anteile des schwedischen Mutterkonzerns. Damals, erinnert sich Petra Schmid, saßen die rund 70 Angestellten noch in einem winzigen Holzhaus am sogenannten Ziegelberg, und aus ihrer Schreibmaschine ratterten die Bänder mit den Überweisungen.

Privat findet Petra Schmid mehr und mehr Gefallen am Ausgehen und Feiern. Als junger Twen gehört sie zu den Gründern der Pruttinger Faschingsgarde, ihre Clique düst zum Tanzen nach Burghausen oder nach Altenmarkt, wo Peter Maffay eine Diskothek betreibt. Ein kleiner Radius im Vergleich zu den Kreisen, die Marc O’Polo zieht – mit zwei kompletten Herren- und Damenkollektionen pro Jahr, mit Schuhen, Brillen und Wäsche im Lizenzgeschäft. Während sich Petra Schmid in Mutterschutz befindet, übernimmt Werner Böck 1997 weitere 40 Prozent der Unternehmensanteile, gründet die Marc O’Polo International GmbH und verlegt den Firmensitz nach Stephanskirchen. Design, Produktion, Marketing und Vertrieb – bis heute befinden sich diese Abteilungen in der 10.000-Seelen-Gemeinde. Als Petra Schmid 1998 an ihren Schreibtisch zurückkehrt, steht ein Computer vor ihr und sie verbucht erstmals Millionenumsätze. „Beim ersten Mal habe ich mehrmals die Nullen gezählt“, erinnert sich die heute souverän mit diesen Summen arbeitende Fachkraft schmunzelnd.

2001 baut das Unternehmen am heutigen Standort ein neues Verwaltungsgebäude. „Wir packten hunderte Kisten“, erinnert sich Petra Schmid. Kaum ist der Umzug über die Bühne, beweist Marc O’Polo abermals Pioniergeist. 2003 eröffnet nicht nur der bis dato größte Flagship-Store (in Münchens Theatinerstraße), zeitgleich geht der E-Shop online. Zu einer Zeit, als das Internet für viele tatsächlich noch als Neuland galt. 

Neuland erobert auch Petra Schmid. Sie unternimmt eine Mittelmeerkreuzfahrt, indes die neu gegründete „MARC O’POLO Shoes GmbH“ fortan die Schuhdesigns für MARC O'POLO entwirft, produziert und vertreibt. Tatsächlich überschneidet sich die wachsende Reiselust der Buchhalterin mit dem internationalen Siegeszug ihres Arbeitgebers. Im schwedischen Uppsala öffnet der tausendste Franchise-Store. Kurz darauf feiert die „Premium Modern Casual Marke“ mit einem dreitätigen Fest auf Kreta 40. Geburtstag. Mehrere hundert Mitarbeiter werden eingeflogen.

Der Gewinn des „Mode-Oscars“ (wie der Forum-Preis der TextilWirtschaft auch genannt wird) sorgt 2009 für große Freude. Das Stephanskirchener Hauptquartier erhält eine neue Logistikhalle, weitere Bürogebäude sowie ein Parkhaus. Um über 8.000 Quadratmeter wächst allein 2010 das Areal. Die fortschreitende Internationalisierung schlägt sich in einer wachsenden Mitarbeiterzahl nieder, für die ausreichend Raum geschaffen wurde. Wenn sich Petra Schmid von dem Trubel erholen will, wandert sie auf die Schwarzrieshütte am Samerberg oder genießt im Sonnenuntergang einen Cocktail am Chiemsee-Ufer.

2014 öffnet in Shanghai der erste chinesische Marc O’Polo Store seine Pforten. Der großartige US-Schauspieler Jeff Bridges entwirft T-Shirts für die Stephanskirchener und wird Kampagnengesicht. Petra Schmid hat allerdings nur Augen für einen anderen Mann. Sie lernt ihren neuen Lebenspartner kennen.

Den nahenden runden Geburtstag verhehlt sie kein bisschen. Das Paar plant, ihn am Gardasee zu verbringen. Eine kleine Feier, mit den besten Freunden, in der Lieblingsbar in Garda. Die große Sause steht schließlich kurz darauf in Stephanskirchen an. Das 50-jährige Bestehen von Marc O’Polo soll ganz bewusst ein Bekenntnis zur Heimat werden. Ein buntes Fest für alle Mitarbeiter und Geschäftspartner ist geplant. Petra Schmid weiß es sehr zu schätzen, dass Marc O’Polo nicht die Bodenhaftung verloren hat, dass der oder die Einzelne immer noch zählen. Und das, verspricht die Unternehmensleitung, soll auch die nächsten 50 Jahre so bleiben!

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