Nostalgie auf Schienen

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Sein Güterterminal ist nicht nur Umschlagplatz und Knotenpunkt für Massengüter. Hier parkt Helmut Wiesböck auch den beliebten Wiesn-Express.

Als Bub zuckelte Helmut Wiesböck mit dem Zug zur Schule nach Rosenheim. An sich keine große Sache, hätte der 60-Jährige Kindheit und Jugend nicht in Rohrdorf verbracht, eine Gemeinde südöstlich der Innstadt, die heutzutage nicht mehr über eine intakte Bahnverbindung verfügt. Die Gleise der erst 1914 eröffneten Bahnstrecke „Landl“ schlängeln sich zwar nach wie vor durch die Landschaft, Passagiere wurden aber jahrelang nicht mehr befördert – bis der sogenannte Wiesn-Express Fahrt aufnahm. Ein Nostalgie-Zuggespann, bestehend aus einem im Jahr 1958 gebauten, liebevoll wieder aufgemöbelten Personenwagen VB 223 und einer Diesel-Rangierlok der Reihe V 260, eine kompakte, kräftige Dame, der ein 12-Zylinder-Maybach GTO 6-Dieselmotor Dampf unterm Eisenrock macht. Seit 2004 bringt dieses gemütliche Gefährt nun Passagiere auf die denkbar urigste Art zum Rosenheimer Herbstfest und zurück. Dank zahlreicher Firmen, Verbände und der Gemeinde Rohrdorf an vielen Tagen sogar kostenlos! Da geht die Geselligkeit schon auf der Schiene los.

Wie kam´s zu dieser alljährlichen Wiederbelebung der Strecke? Seit 1970 verkehrten ja zwischen Landl und Rohrdorf nur mehr Massengüter, Personenzüge zweigen im Regelfall drei Kilometer vor Rosenheim in Richtung Salzburg ab. Die ganzen Güter allerdings braucht vor allem das Zementwerk in Rohrdorf. Das ist insofern bemerkenswert, als die Brüder Georg, Andreas und Ludwig Wiesböck jenes Unternehmen einst gründeten – Letzterer der Vater von Helmut. Zwischen den Wiesböcks und jenen 13 lauschigen Kilometern scheint also von jeher eine besondere Verbindung zu bestehen. Trotzdem konnte keiner ahnen, dass Spross Helmut dereinst zum passionierten Eisenbahner werden und seinem Heimatdorf zu jener herrlichen Ausflugsfahrt verhelfen würde.

Nach Abschluss des Studiums zum Dipl. Ing. der Elektrotechnik zog es den Rohrdorfer zuerst einmal in die große, weite Welt. Für Siemens kümmerte er sich als Systemberater im Vertrieb von München aus um speicherprogrammierbare Industriesteuerungen, die in der Automobilbranche und in Brauereien zum Einsatz kamen. Als Brauer könnte man sich den Mann auch gut vorstellen. Schneidig schaut er aus, wenn er in der Lederhosn am örtlichen Vereinsleben teilnimmt oder als Sänger zünftige Lieder von der Bühne schmettert. Nun wächst am heimischen Amselhof jedoch kein Hopfen, sondern sprießt Obst an alten, knorrigen Bäumen. Also wurde das Schnapsbrennen zu einer von Helmut Wiesböcks Leidenschaften. Sowohl Kirsch- als auch Birnenbrand kitzeln die Geschmacksknospen jedenfalls ganz vorzüglich. Und wenn der Hobby-Brennmeister darüber doziert, dass man solch edlen Brand um Himmels Willen nicht auf einen Rutsch die Kehle hinunterstürzen möge, dann wirkt er ähnlich in seinem Element wie oben in Kiefersfelden, in seinem Güterterminal nahe der Grenze zu Kufstein. Doch der Reihe nach!

1986 zog es Helmut Wiesböck erstmals in etwas „heimischere Gefilde“ – zumindest branchentechnisch. Als Projektmanager für den Marktführer „HeidelbergCement“ steuerte er Großprojekte im Zementwerksbereich an verschiedenen internationalen, aber auch deutschen Standorten – einer davon Kiefersfelden. Hier, nur 30 Kilometer südlich von Rohrdorf, wurde er 1990 Abteilungs- und Betriebsleiter und zeichnete in dieser Eigenschaft auch als Eisenbahnbetriebsleiter für die Schmalspur- und Anschlussbahn verantwortlich. Da war sie endlich, die Eisenbahn. Gänzlich in den Mittelpunkt geriet sie, als die Heidelberger 2003 die Schotten in Kiefersfelden überraschend dicht machten. Helmut Wiesböck ergriff die Initiative und stampfte kurzerhand an Ort und Stelle die „Logistik Wiesböck GmbH“ aus dem Boden, einen Logistikpark mit dem einzigen privaten Güterterminal weit und breit. Während er einen viel befahrenen Umschlagsplatz aufbaute, dachte er auch darüber nach, wie und wo die kleinen Loks noch eingesetzt werden könnten – im regionalen Personenverkehr, überlegte sich Wiesböck.

Seine Sonderfahrten wie etwa mit der Skiabteilung des TSV Rohrdorf nach Kitzbühel genießen heute Kultstatus im Inntal, allen voran der alljährliche Wiesn-Express. „Einsteigen bitte, die Türen schließen“ heißt es dieses Jahr zur Eröffnungsfahrt am Samstag, 29. August, um 10:30 Uhr. Natürlich wird auch Helmut Wiesböck an Bord sein. 

 

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