Neue alte Heimat

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob

Im Rahmen eines EU-Projekts ist es der Stadt Burghausen gelungen, nach 400 Jahren den seltenen Waldrapp wieder anzusiedeln.

Mit seinem kahlen Kopf, der wild abstehenden Halskrause aus schwarzen Federn und dem langen roten Schnabel zählt der Waldrapp vielleicht nicht zu den ansehnlichsten Vogelarten. In jedem Fall jedoch zu den seltensten. Die Zugvögel gelten als eine der bedrohtesten Tierarten der Erde. Bis vor einigen Jahren war die einzige noch wild lebende Kolonie in Marokko beheimatet. Dabei hatte der skurrile Vogel bis ins 17. Jahrhundert hinein auch in Bayern und Österreich gebrütet. Dann wurde er ausgerottet – bis ein ambitioniertes EU-Projekt dem Waldrapp hierzulande wieder eine Heimat schenken wollte – mit Erfolg: Die Stadt Burghausen beteiligt sich seit der Bayerischen Landesgartenschau 2004 an dem Projekt und ist heute das Zuhause von mittlerweile über 30 Waldrappen. Ziel für 2020 sind 50 frei lebende Tiere, die an der Wehrmauer am Pulverturm der weltlängsten Burg ihre Küken großziehen, ehe sie im Herbst selbstständig in ihr Winterquartier in Italien fliegen.

Zahlreiche Legenden ranken sich um den seltenen Vogel. So galt er beispielsweise im alten Ägypten als Lichtbringer und fand Gestalt in Hie-roglyphen und Schmuckstücken. Nach islamischem Glauben soll der Waldrapp nach der Sintflut Noah den Weg vom Berg Ararat ins Tal des Euphrat gezeigt haben. Orientalische Nomadenstämme glaubten im 17. Jahrhundert, dass er die Seelen der Verstorbenen gen Himmel tragen würde.

In Europa hingegen galt der „Schopfibis“ als Delikatesse. Auch Trophäenjäger brachten zahlreiche Waldrappen zur Strecke, um diese dann teuer zu verkaufen. Infolgedessen starb die Vogelart in weiten Teilen Europas aus und wurde zeitweilig sogar für ein Fabeltier gehalten.

Burghausen machte es sich schließlich zur Aufgabe, im Rahmen des „LIFE+ Projekts“ die seltene Ibisart wieder anzusiedeln. 2007 werden die ersten Waldrappe von Hand aufgezogen und mit Hilfe eines Ultraleichtflugzeugs zum Überwintern in die Toskana und im Frühjahr wieder zurückgeführt. 2011 kommen die ersten Tiere selbstständig zurück in die Inn-Salzach-Stadt.

„Burghausen ist damit der erste Ort weltweit, an dem wieder eine Population selbstständig ziehender Waldrappe lebt“, sagt Oliver Habel. Der studierte Zoologe und Kunsthandwerker ist Teil eines etwa zwölfköpfigen Projektmanagement-Teams, das zusammen mit der Stadt Burghausen und weiteren sechs Partnern das EU-Projekt „Reason for Hope“ umsetzt. Neben Burghausen sind Kuchl im Salzburger Land und Überlingen am Bodensee in Baden-Württemberg weitere Standorte, an denen das Waldrappteam Brutkolonien gründet.

Damit die Ornithologen stets wissen, wo sich ihre Schützlinge gerade aufhalten, trägt jeder Waldrapp einen etwa 20 Gramm leichten Solarsender auf dem Rücken. Mit der kostenlosen „Animal Tracker“-App können Forscher und alle anderen Interessierten auf ihrem Smartphone die Flugbewegungen der jeweiligen Waldrappe verfolgen. Der GPS-Sender erleichtert den Wissenschaftlern außerdem die Identifikation von Wilderern, denn in Italien werden die streng geschützten Tiere noch immer gejagt und getötet. Deftige Strafen sollen zukünftige Abschüsse verhindern.

Während der Brutzeit (etwa April bis August) können die Ibisvögel auch persönlich besucht werden. Bei gutem Wetter kommen täglich zwischen 16:00 und 17:00 Uhr Interessierte zum Pulverturm der weltlängsten Burg, um die seltenen Vögel in ihren Brutnischen zu beobachten. Kostenlose Führungen können bei Oliver Habel (Tel. +49 151 22374920) gebucht werden.

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