Nachgesang auf eine sterbende Gattung

Christian Topel

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Zu warme Winter, zu gute Dämmung: himmeblau-Chefredakteur Christian Topel trauert Eisblumen hinterher.

Geboren aus Kälte und Staub ist eine ganze Gattung vom Aussterben bedroht. In meiner Kindheit, als die Winter manchmal noch klirrten und sich Polarwinde durch undichte Fensterritzen in die gute Stube schlichen, da wuchsen winters Blumen, die Kinder der Gegenwart kaum mehr kennen. Kaum kennen können, weil zum einen unsere Winter zahm geworden sind wie Hauskatzen; unsere Sprösslinge zum anderen in akribisch gedämmten Häusern aufwachsen, von wo aus sie durch Doppelglasscheiben hinaus in Nachbars Garten gucken. Insofern ist dies ein zweischneidiger Nachruf. Wer würde schon ernsthaft jener Ära hinterhertrauern, da man Wärme und Energie verschleuderte, als flösse sie aus unversiegbaren Füllhörnern?  

Und dennoch! Dennoch verursacht dieser ungetrübte Blick ins Alltagsgrau mir Prä-Passivhaus-Geborenem einen Stich ins Herz. Unsereins blickte an frostigen Wintermorgen eben nicht so ohne weiteres hinaus, sondern fand die dünnen Fensterscheiben von kristallinen Kunstwerken bedeckt: von Eisblumen. Jedes dieser glänzenden Gewächse ein Unikat, das gleichzeitig faszinierte und wehmütig an wärmere Monate denken ließ; an die Tage, als man über Wiesen und Felder rannte, und die lebendigen Verwandten jener raureifen Farne, Getreideähren und Blumen bestaunte, beschnupperte und ausrupfte im adoleszenten Überschwang. Protzte die Pflanzenwelt von Frühling und Sommer mit Üppigkeit und Farbenpracht, trieben winterliche Beete wunderbar bizarre Blüten. So sehr man auch verglich, sich Bilder von Schlüsselblumen, Klatschmohn oder Wildem Sauerampfer ins Gedächtnis rief: die eisigen Ebenbilder rankten als eigene Spezies die Scheiben empor. Unfassbar ähnlich, aber doch unsagbar fremd.  

Dieserart eingewuchert fühlte man sich – vor den Eltern aufgewacht, um  mit Schlafanzug und auf Strumpfsocken durchs totenstille Haus zu stapfen – wie in einer Märchenwelt, wie gefangen im Schloss der Schneekönigin. Vielleicht hat die Entzauberung des Weihnachtsfestes ja etwas mit dem Verschwinden der Eisblumen zu tun? Wie soll sich das Christkind unbeobachtet nähern, wenn Kinder freie Sicht genießen? Früher bedurfte es erst eines beherzten Hauchs, um das Dickicht zu durchdringen. Erst dann ließ sich durch ein ins Geäst geschmolzenes Löchlein lugen, um das Tagwerk zu planen. Schneeballschlacht, Schlittenpartie oder doch lieber im mollig warmen Zimmer die Modellautos  über den Teppich schubsen? Das Loch war schneller wieder zugewachsen, als man sich zu entscheiden vermochte.  

Auch im Haus von Liselotte ­Hotter am Ufer des Simssees gehörten Eisblumen viele, viele Winter lang zur natürlichen Flora. Während sich gefrorene wie lebendige Blumen heute nur mehr eine Art Wintergarten im ersten Stock teilen, bildeten Eisblumen während der Kindheit der lang schon ergrauten Dame einen fast unvermeidbaren Fensterschmuck. Ich durfte mich zu Kaffee und Keksen bei ihr einladen. Wenn es stimmt, dachte ich mir, dass die Winter früher – sehr viel früher! – deutlich kälter waren, dann wäre die gebürtige Stephanskirchnerin doch die perfekte Ansprechpartnerin in Sachen Eisblumenforschung! In dem Haus, in dem mich Liselotte Hotter empfängt, wurde sie im Jahr 1920 geboren. Vor 94 Jahren! Während des höchst fidelen Plauschs zeigt sich: es müssen gar nicht die Proustschen Madeleines sein, die Assoziationsketten und Erinnerungen wachrufen, auch Eisblumen taugen dazu.  

„1928“, erzählt die fünffache Urgroßmutter etwa, „sind wir mit dem Auto über den vereisten Chiemsee gefahren.“ Und über den Simssee seien Motorradfahrer um die Wette gebrettert. So hundekalt sei es gewesen, dass die Kinder im Gänsemarsch die drei Kilometer zur Schule trippelten, die jüngeren im Windschatten der älteren. Da war man froh, wenn die Ferien kamen und man drinnen sitzen konnte, wo der morgens angeheizte Kachelofen langsam aber sicher den eisigen Fensterschmuck zusammenschmolz. „Richtige Kunstwerke“ verflüchtigten sich da, erinnert sich die Dame. Blumen, Blüten, Äste – manche hätten jenen Ästen geähnelt, die der Vater als Adventsschmuck an die Holzvertäfelung im Wohnzimmer nagelte. Latschenkiefern, die, hat Liselotte Hotter den Eindruck, ebenso wie Eisblumen immer seltener werden. Im Zimmer stand, als weitere Entsprechung des Fensterschmucks, der eigenhändig aus dem Wald geholte Weihnachtsbaum, geschmückt mit Wachskerzen, Bonbons oder in entbehrungsreicheren Jahren nur mit Nüssen. In diesem Fall sei erhöhte Vorsicht geboten gewesen, schmunzelt meine Gastgeberin. „Unser Schäferhund liebte Nüsse.“ Der ich weiß nicht wievielte Nachfolger jenes Hundes ist ein Koloss namens Karli. Als er mir „um die Beine streicht“, fällt mir mein erstes eigenes Haustier ein. Kater Ali, der mein Entzücken über Eisblumen ganz und gar nicht teilte.  

Das „Jagdrevier“ meines Stubentigers war das wohnzimmerliche Fensterbrett. Im Slalom um die Topfpflanzen streunte er von links nach rechts, von rechts nach links, den Vögeln draußen bedrohliche Blicke zuwerfend, oder gar mit der Pfote an die Scheibe donnernd, sollte es ein Piepmatz gewagt haben, sich auf der anderen Seite niederzulassen. Er konnte auch nur stundenlang hinausschauen, wie in einer Art Sehnsucht, die er seltsamerweise gar nicht erfüllt haben wollte – wir haben es, Ehrenwort, versucht. Ali beobachtete lieber. Wie eines jener alten Waschweiber, die ihr Viertel vom Fensterbrett aus bewachen. Oh weh aber im Winter! Während ich mich an den Eisblumen ergötzte, ihre Konturen mit den Fingerkuppen nachfuhr, hier ein Blatt mit dem Fingernagel abkratzte, dort ein Guckloch anlegte, streifte mich Alis verächtlicher Blick. Manchmal maunzte er mir zu, was sicherlich bedeuten sollte: „Um Himmels Willen, was soll das Getue, mach weg das Zeug!“ Tatsächlich stellte sich Ali nur in zwei Situationen auf die Hinterbeine. Wenn wir unsere Revierkämpfe ausfochten, oder wenn er über diese vermaledeiten Eisblumen hinwegzuluhren versuchte. Wer weiß, vielleicht weinen auch meine Mitmenschen diesen glitzernden Gebilden keine Träne nach. Ich liebte sie mindestens in gleichem Maße wie Gänseblümchen. Sollte jemand schön zugig wohnen: Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen!  

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