Myofasziales Taping: was bringen die bunten Klebestreifen wirklich?

Daniel Gärtner

Seit einigen Jahren sieht man sie immer häufiger – die bunten Klebestreifen auf den Armen, Beinen, Schultern und Rücken von Sportlern oder Patienten. Diese Art des Tapings ist unter verschiedenen Namen bekannt. Prominente Vertreter sind unter anderem Kinesio-, Medi- oder Kinesiologie-Tapes. Dabei stellt sich die Frage nach dem Sinn und Zweck solcher myofaszialen Klebestreifen, denn eine Stützfunktion wie etwa durch ein klassisches Sporttape wird dadurch nicht erfüllt. Aber das ist auch nicht das wesentliche Ziel einer solchen Behandlung. Vielmehr geht es um die Wiederherstellung und Verbesserung der Faszienstruktur (Bindegebewebe und Muskel- und Sehnenhüllen). Durch ein intelligentes Anbringen der Tapes werden diese inneren Leitbahnen und Gewebeschichten aktiviert, wodurch sich die Muskelfunktion verbessern soll. Einhergehend mit dieser Verbesserung sind auch eine Steigerung der Maximalkraft und Schnelligkeit sowie der Ausgleich von Dysbalancen, Schmerzempfindung oder der Körperwahrnehmung – so propagieren es zumindest viele Experten.

Jüngste Studien haben gezeigt, dass die Verbesserung der Kraft oder Schnelligkeit nicht zwangsläufig auf die Anwendung des Tapes zurückzuführen ist. In solchen Fällen sind die individuellen Unterschiede der Athleten einfach viel zu komplex, als dass man Leistungssteigerungen durch ein myofasziales Tape messen könnte. Einige Studien haben Sprinter mit und ohne Tapes verglichen und konnten keine bzw. nur sehr geringe Unterschiede feststellen. Auch einige Forschungen hinsichtlich der Beweglichkeit müssen kritisch betrachtet werden. So beginnen die Probanden bei den Beweglichkeitstests zunächst ohne Tapes und mit dem Tape im Nachtest. Es zeigte sich, dass die Probanden mit dem Tape tiefer in eine Dehnposition kamen als ohne Tape zuvor. In den Studien wird dann ausschließlich das Tape dafür verantwortlich gemacht. Die durchgeführte Dehnung ohne Tape im ersten Versuch, die wahrscheinlich weitaus stärkere Wirkungen verursacht, wird außer Acht gelassen. Die Wirkungen hinsichtlich der Kraft, Schnelligkeit oder Beweglichkeit sind aus diesem Grund fraglich, da die Studien eher ungenau durchgeführt wurden oder die individuellen Unterschiede der Menschen einfach viel zu hoch sind.

Allerdings zeigt sich, dass Sportler oder Patienten durch ein myofasziales Taping eine deutlichere Rückkopplung ihrer Bewegungen wahrnehmen. Die sanfte Spannung des Tapes auf der Haut verstärkt die Reizwahrnehmung über die Rezeptoren und sorgt für ein verbessertes Körpergefühl. Außerdem können dadurch auch die Muskeln besser angesteuert werden. Obwohl das Tape keine Stützfunktion übernimmt, wirkt sich der leichte Zug trotzdem positiv auf die Haltung und Stabilität aus. Man spürt, dass etwas permanent da ist und ganz leicht zieht. Dadurch spannen wir meist unterbewusst bestimmte Muskeln mehr oder weniger an, sodass muskuläre Dysbalancen reduziert werden können und Schmerzen aufgrund einer optimalen Haltung oder Bewegung abnehmen. Das Tape wirkt zudem positiv auf unsere Psyche. Aufgrund der Tatsache, dass man ständig etwas spürt und wahrnimmt, verändert sich auch das Vertrauen in die eigene Bewegung. Dieser mentale Charakter ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des myofaszialen Tapings und sorgt für eine positive Verknüpfung von Geist und Physis.

Wesentliche Tipps und Infos:
• Durch das myofasziale Taping kann die Faszien-Balance und Körperwahrnehmung wieder optimiert werden.
• Aktivierungstechniken regulieren rasch die Muskel- und Faszien-Spannung. Vor allem bei akuten Muskelschmerzen, Zerrungen, Schonhaltungen oder Gelenkschmerzen hilft das Tape, Dysfunktionen oder Schmerzen zu reduzieren.
• Akute Linderungen sind möglich, jedoch passt sich der aktive Bewegungsapparat erst nach fünf bis 15 Tagen an das Tape an. Das Tape sollte deshalb längere Zeit getragen oder bei Bedarf öfter neu aufgebracht werden.
• Das myofasziale Taping ist sehr komplex. Man muss wissen, welche Faszienbahnen man stärken oder entkräften soll und vor allem wo man das Tape anbringen muss. Daher sollte ein erfahrender Therapeut aufgesucht werden.

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